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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.01.2018

Alexander Sedlmaier: "Konsum und Gewalt"Warenhausbrandstifter und Kaufhausbesetzungen

Von Michael Opitz

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Alexander Sedlmaier: "Konsum und Gewalt" (Suhrkamp / Roland Witschel / dpa)
Alexander Sedlmaier: "Konsum und Gewalt" (Suhrkamp / Roland Witschel / dpa)

In dem Sachbuch "Konsum und Gewalt" schildert Alexander Sedlmaier die Konsumkritik der Studentenbewegung der 60er- und 70er-Jahre. Diese stellt er in den Kontext der heutigen Konsumdebatte: Während die damalige Konsumkritik in letzter Konsequenz den Staat infrage stellte, dominieren heute ökologische Überlegungen.

Es sei immer noch besser, "ein Warenhaus anzuzünden, als ein Warenhaus zu betreiben", zitiert Ulrike Meinhof in ihrem im November 1968 in der Zeitschrift "konkret" erschienenen Artikel "Warenhausbrandstiftung" ein Bonmot Fritz Teufels. Dabei handelt es sich um eine Anspielung auf Bertolt Brechts Vergleich zwischen der Gründung einer Bank und einem Bankraub. Dem Artikel vorausgegangen war am 2. April 1968 der Brandanschlag auf ein Frankfurter Kaufhaus, den Alexander Sedlmaier in seinem Buch "Konsum und Gewalt" als den "ersten politisch motivierten Anschlag der Linken" in der Bundesrepublik bezeichnet, der nicht in die Rubrik eines "Demonstrationsdelikts"  fiel.

Ulrike Meinhof äußerte sich kritisch zum Frankfurter Kaufhausanschlag. Ihr Ziel war nicht die Vernichtung von Waren, sondern die gerechte Verteilung, weshalb sie daran dachte, Kaufhäuser zu besetzen, um die Waren kostenlos an die Menschen verteilen zu können.

In seinem sich in sieben Kapitel gliedernden Buch legt Sedlmaier überzeugend dar, wie sich die jugendlichen Kaufhausbrandstifter zu radikalen Gegnern des Staates entwickelten. Dabei verhandelt er die Fragen des Konsumverhaltens im ökonomischen und politischen Kontext der bundesrepublikanischen Wirklichkeit, wobei er den Begriff "Versorgungsregime" verwendet.

Konsumkritik in der Kommune 1

Darunter versteht er ein Netzwerk von Aktivitäten, in dem das Konsumverhalten ebenso berücksichtigt wird wie die Machtverhältnisse. Kritisch schätzten das gängige Konsumverhalten in den 60er-Jahren die Mitglieder der Kommune 1 ein, die einen selbstbestimmten, vom Staat und seinen Gesetzen unabhängigen Lebensstil entwickelten.

Ihr damit einhergehendes Konsumverhalten entwickelte eine politische Dimension, weil es Formen der Gewalt einschloss. Daraus, das zeigt Sedlmaier, entwickeln sich zunächst die Kaufhäuser zur Bühne für politische Propaganda. Es sind die Konsumtempel, die mit ihren Überangeboten an Waren den Reichtum der westlichen Welt repräsentieren. Aber die Ware zeigt nicht ihr wahres Gesicht und der Konsum weckt Bedürfnisse, die vom eigentlichen Ziel, der Reduzierung der entfremdeten Arbeit, ablenkt. Deshalb war die Frage des Konsums stets eine Frage von zentraler Bedeutung für die RAF. 

Ökologische Überlegungen statt Kritik am Staat 

Sedlmaier diskutiert in seinem spannend zu lesenden Buch Fragen, die sich der Wohlstandsgesellschaft stellen. Sie sind von aktueller Bedeutung, auch wenn er sie im historischen Kontext der 60er- und 70er-Jahre untersucht.

Während allerdings in den gegenwärtig geführten Konsumdebatten ökologische Überlegungen dominieren, erinnert Sedlmaier daran, dass die protestierenden Studenten und die RAF in den 60er- und 70er-Jahre den Staat und damit auch die kapitalistische Konsumgesellschaft infrage stellten. Ihre militante Haltung gegenüber dem Konsum war Ausdruck eines kritischen Bewusstseins, das im Unterschied zum existierenden glücklichen Bewusstsein nicht über die in der Gesellschaft herrschende strukturelle Gewalt hinwegsehen wollte.

Alexander Sedlmaier: "Konsum und Gewalt. Radikaler Protest in der Bundesrepublik"
Suhrkamp Verlag, Berlin 2018
464 Seiten, 32 Euro

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