Seit 13:05 Uhr Länderreport
Dienstag, 11.05.2021
 
Seit 13:05 Uhr Länderreport

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.05.2013

Alexander Kluge weiterdenken

Karl Bruckmaier: "Auf dem Dach der Welt - Frei nach Alexander Kluge", 1 CD, Intermedium, München 2013

Der Regisseur und Schriftsteller Alexander Kluge (picture alliance / dpa / Ursula Düren)
Der Regisseur und Schriftsteller Alexander Kluge (picture alliance / dpa / Ursula Düren)

Das Hörbuch "Auf dem Dach der Welt - Frei nach Alexander Kluge" ist eine Hommage an einen großen Denker und ein Remix aus Splittern seiner Gedankenwelt. Darauf zu hören sind unter anderem die Schauspielerin Sophie Rois und der Musiker Helge Schneider.

Zu Beginn der CD "Auf dem Dach der Welt" ist erstmal eine halbe Minute lang ein mit (Jazz)Besen gespieltes Schlagzeug zu hören. Und spätestens, wenn der schwedische Schlagzeuger und Komponist Sven-Åke Johansson zu singen beginnt, ahnt man, was es mit dem Untertitel "Frei nach Alexander Kluge" auf sich hat.

"Ein guter Mensch ein, ja wer wär’ nicht gern? / Doch leider sind auf diesem Sterne eben / die Mittel kärglich und die Menschen roh / Wer möchte nicht in Fried’ und Eintracht leben? / Doch die Verhältnisse – sie sind nicht so."

Ein Lied aus Bertold Brechts Dreigroschenoper – das scheint doch sehr frei assoziiert. Allerdings könnte der Brecht’sche Satz von den Verhältnissen, die nicht so sind, durchaus Antrieb für Kluges immenses Schaffen gewesen sein. So zum Beispiel im Fall seines Durchbruchs als Filmemacher "Abschied von Gestern" von 1966.

Für "Auf dem Dach der Welt" machte der amerikanische Gitarrist David Grubbs aus dem Film über das Scheitern einer jungen Frau, im Nachkriegsdeutschland Fuß zu fassen, eine lupenreine Pop-Miniatur.

Für die CD nahmen Musiker und Klangkünstler Texte und Filme Kluges als Inspiration für eigene Werke. Michaela Meliáns Stück mit dem Titel "co-op" zum Beispiel besteht aus Samples aus dem Film "Die Patriotin" von 1979.

Kluge: "Ich bin hierhergekommen, weil ich die Geschichte zusammen mit Ihnen verändern möchte."

Auch wenn der Autor selbst mit einer kurzen Lesung vertreten ist – ein klassisches Hörbuch ist das "Dach der Welt" nicht. Vielmehr bewegt sich die Zusammenstellung irgendwo zwischen einer Hommage an einen großen Denker und einem Remix aus Splittern seiner Gedankenwelt. Und manchmal gibt es auch überhaupt keine erkennbare Verbindung.

Die Schauspielerin Sophie Rois hat zwar schon mit Kluge gearbeitet – ihr Beitrag ist aber ein Lied von Ray Davis, dem Mastermind der britischen Gruppe The Kinks, das sie gemeinsam mit dem Songwriter Bernd Begemann interpretiert.

Wem das jetzt alles zu eklektisch, zu unzusammenhängend ist, dem sei gesagt, dass es ja auch schon reichlich Kluge-Hörbuch-Material gibt – zum Bespiel die 14-CD-Box "Chronik der Gefühle". Die wurde genau wie das "Dach der Welt" von Radiomoderator Karl Bruckmaier bearbeitet und zusammengestellt. Bruckmaiers Verdienst ist es auch, dass zum ersten Mal Freejazzikone Peter Brötzmann und Helge Schneider auf ein und derselben CD zu hören sind.

So, wie Alexander Kluge aus der bundesrepublikanischen Realität von den 60er Jahren bis heute fragmentierte, kaleidoskopartige Geschichten machte, so drehen die hier versammelten Künstler dieses Kaleidoskop noch einmal weiter. Kluge selbst müsste das eigentlich auch gefallen.

Besprochen von Ralf Bei der Kellen

Karl Bruckmaier, Auf dem Dach der Welt - Frei nach Alexander Kluge
Mit Sven-Åke Johansson, Alexander Kluge, Michaela Melián, Sophie Rois u.v.a.
1 CD, Intermedium, München 2013, 15 Euro

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Wendepunkte in anekdotischer Knappheit

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur