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Lesart / Archiv | Beitrag vom 25.01.2016

Alexander Ilitschewski: "Der Perser"Wortmächtiges Epos zum Staunen

Von Johannes Kaiser

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Blick auf aserbaidschanische Ölfelder in Shikhof nahe der Hauptstadt Baku - aufgenommen im Oktober 1998. (picture alliance / dpa / epa / Nemenov)
Blick auf aserbaidschanische Ölfelder in Shikhof nahe der Hauptstadt Baku: Erdöl prägt die Region bis heute. (picture alliance / dpa / epa / Nemenov)

Alexander Ilitschewskis Roman "Der Perser" erzählt nicht nur die Geschichte einer Freundschaft zweier Jungen, sondern auch die Geschichte Aserbaidschans im Laufe der letzten Jahrhunderte. Alexander der Große taucht hier ebenso auf wie Osama bin Laden - und immer wieder geht es um Öl.

Jetzt hat der Kaukasus sein großes, wuchtiges, allumfassendes Epos bekommen, sprachverliebt, wortmächtig, von berückender, geradezu atemberaubender Poesie und fantastisch übersetzt. Alexander Ilitschewskis weit über 700 Seiten umfassender Roman erzählt zwar die Geschichte einer tiefen Freundschaft zweier Jungen, aber sie ist ihm nur der Rahmen für eine weit ausholende Geschichte Aserbaidschans im Laufe der letzten Jahrhunderte.

Ilja, Anfang der 70er-Jahre geboren, ist auf einer kleinen Erdölinsel im Kaspischen Meer vor den Toren Bakus aufgewachsen. Dort freundet er sich mit Haçem, dem Perser an, denn dessen Familie ist nach Chomeinis Revolution nach Aserbaidschan geflohen. Das Erdöl bestimmt zwar ihre Jugend, aber in ihrer Fantasie leben sie in einem Tulpen-Holland mit freiheitsliebenden Geusen.

Selbst Osama bin Laden erscheint

Während Haçem als Schüler begeistert in einer Theatertruppe mitmacht, zieht es Ilja aufs Meer, zur Seefahrt. Die Freunde entfremden sich. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verschlägt es Ilja nach Kalifornien. Er wird ein gefragter Erdölexperte, kehrt schließlich für ein amerikanisches Erdölunternehmen nach Baku zurück und trifft dort auf Haçem. Der kümmert sich inzwischen als hauptamtlicher Naturschützer im Nationalpark Şirvan um die Aufzucht einer sehr seltenen Trappenart.

Seinen Untergebenen, den Hegern, liest er Gedichte des russischen Futuristen Welimir Chlebnikow vor, den er über alles liebt. Gleichzeitig sucht er in einer Vermengung von Sufi-Weisheiten, Koran und Bibel eine eigene Religion zu gründen. Fasziniert von Haçems hellsichtigem Wahnsinn zieht Ilja zu ihm. Er ist auch der Erzähler.

Wie ein großer Fluss mäandert der Roman, bildet ständig kleine Seitenarme, wirft neue Inseln auf. Geschichte und Geopolitik vermengen sich mit zahllosen Hinweisen auf wissenschaftliche Entdeckungen und technische Erfindungen. Türken und Perser tauchen ebenso auf wie Alexander der Große und natürlich die Russen vom Zaren bis zur Sowjetunion. Selbst Osama bin Laden erscheint, getarnt als saudischer Prinz, der der Falkenjagd frönt.

Beglückt und erschöpft

Und immer wieder landet die Geschichte beim Öl, denn Baku war die erste Ölmetropole der Welt und Erdöl prägt die Region bis heute. Der Roman erzählt, wie sich hier zahlreiche Völker und Ethnien schon seit Ewigkeiten vermischen. Vertriebene, Flüchtlinge aus allen Himmelrichtungen, Stalinopfer fanden in Aserbaidschan eine neue Heimat.

Die großen Religionen treffen hier aufeinander, reiben sich aneinander, koexistieren: Koran und Bibel, die Gesänge der Sufis, die Gebete der Zoroastrier. Russische Mythologie und östliche Mystik geben sich ein Stelldichein. Auch die Kulturen vermengen sich: Persische Dichtkunst trifft auf russische Futuristen, Bollywood auf Muğam Vokalmusik.

Staunend und vom geradezu enzyklopädischen Wissen Alexander Ilitschewskis überwältigt folgt man dem ausufernden Erzählfluss, den immer neuen verblüffenden Wendungen des Romans. Schließlich beendet man ihn beglückt und erschöpft vom prallen Leben einer zu entdeckenden kaukasischen Literaturlandschaft.

Alexander Ilitschewski: Der Perser
Aus dem Russischen von Andreas Tretner
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016
752 Seiten, 36 Euro

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