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Buchkritik | Beitrag vom 28.09.2020

Alexander Demandt: „Grenzen. Geschichte und Gegenwart“Die Tatsachen der Grenzen und Mauern

Von Wolfgang Schneider

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Das Cover zeigt unter Autor- und Titelangabe eine alte sepia-farbige Karte Mitteleuropas. (Cover: Propyläen Verlag)
Keine Theorien liegen im Interesse von Alexander Demandts Darstellung, sondern vor allem Fakten. (Cover: Propyläen Verlag)

Der Historiker Alexander Demandt geht der langen Geschichte von Grenzziehungen und Grenzbefestigungen nach – und sammelt dabei vor allem viel Material. Insbesondere als Nachschlagewerk ist es nützlich.

Nachdem Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, sperrte Gott den Paradiesgarten ab und stellte als Grenzwächter die Cherubim davor. So ist auch im Mythos die Grenze von Anfang an negativ besetzt. Die ältesten archäologisch bezeugten Begrenzungen sind die Stadtmauern von Jericho. Damit beginnt der Historiker Alexander Demandt seine enzyklopädische Weltgeschichte der Grenze, in der er keine berühmte Befestigung auslässt – von der chinesischen bis zur Berliner Mauer, vom Todesstreifen in Nikosia bis zu den Tunneln in Gaza.

Das Ergebnis von Gewalt und Gewöhnung

Bevor er zu seinem historischen Thema kommt, lotet Demandt allerdings erst einmal in einem ausführlichen Einleitungsteil über die "Grenze als Grundkategorie" alle Bedeutungsfacetten des Begriffs aus. "Alles was Form hat, gewinnt diese durch seine Grenzen", schreibt er aphoristisch. Nicht nur der Raum kennt Grenzen, auch die Zeit. Es gibt Haltbarkeitsdaten von Lebensmitteln und Garantiefristen für Geräte. Überhaupt ist das Leben endlich, jeder muss irgendwann über die Grenze zum Tod. Diese Einsichten sind einleuchtend, bisweilen aber auch etwas trivial.

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Quintessenz aller Grenzpolitik ist für Demandt die normative Kraft des Faktischen. Demnach sind die meisten Grenzen das Ergebnis von Gewalt und Gewöhnung. Durch Kriege und Friedensschlüsse werden Tatsachen geschaffen, und irgendwann finden sich die Menschen dann mit den neuen Verhältnissen ab. Manche Grenzen bleiben allerdings fragwürdig, etwa viele Grenzziehungen in Afrika, die sich weder historischen Konflikten noch natürlichen Gegebenheiten wie Flussverläufen verdanken, sondern der Benutzung eines europäischen Lineals.

Geht es auch ohne Grenzen?

Seit einigen Jahren sind Grenzen wieder zum großen Streitthema geworden. Für manche politischen Träumer gehören sie prinzipiell abgeschafft: No borders. Grenzen schränken die Freiheit von Menschen ein; Waren und Menschen sollen strömen. Zuletzt wurden allerdings, vor allem in Zusammenhang mit der Migration, immer mehr Gegenstimmen laut, die wieder das Lob der geschützten Grenze singen.

Demandt behandelt die gegenwärtige Situation – entgegen der Ankündigung des Untertitels – leider nur in wenigen Sätzen. Die sind allerdings unmissverständlich: "Wo die Eigenverantwortung für die Staatsgrenzen gemindert oder gar aufgegeben wird, stehen die drei Elemente der Staatlichkeit, stehen Staatshoheit, Staatsgebiet und Staatsvolk zur Disposition."

Völker, die ihr abgegrenztes Territorium verloren haben, verschwinden fast immer aus der Geschichte.

Mehr Grenzen als je zuvor

Wer meint, der Weltgeist tendiere im Zeichen von Kooperation und Kommunikation zur Aufhebung von Grenzen, den belehrt Demandt eines Besseren. Die Länge von Grenzen hat sich mit der Zahl der Staaten im 20. Jahrhundert verdreifacht, der Globalisierung steht die Regionalisierung gegenüber.

Erst recht im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Interessen hat sich die Zahl der strittigen Grenzfragen erhöht, insbesondere bei Fischereirechten und der Ausbeutung von Energie-Ressourcen: "Angesichts der allgemeinen Tendenz zur Auf- und Zuteilung von Zuständigkeitsbereichen werden vermutlich (…) die Weltmeere samt dem Meeresboden bis zur maximalen Tiefe von 11034 Metern von den Nationen eines Tages vergrenzt."

Keine Theorien, sondern Fakten

Wer sich von diesem umfangreichen Buch eine Abhandlung über den Sinn von Grenzen erhofft, wird enttäuscht sein. Es geht Demandt nicht um Theorien, sondern um Fakten. Seine Darstellung ist positivistisch und additiv: Ein Durchgang durch die Weltgeschichte, bei dem die Entstehung von Grenzen in allen Epochen und Erdteilen eher aufgelistet als ausführlich erzählt wird.

Als fortlaufende Lektüre ist diese Informationsfülle ermüdend, es fehlen die argumentativen und darstellerischen Bögen. Mit Gewinn lässt sich das Buch als Nachschlagewerk benutzen.

Alexander Demandt: Grenzen. Geschichte und Gegenwart
Propyläen Verlag, Berlin 2020
656 Seiten, 28 Euro

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