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Buchkritik | Beitrag vom 15.11.2018

Alejandro Zambra: "Multiple Choice"Große Welten hinter wenigen Worten

Von Katharina Döbler

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Buchcover "Multiple Choice" von Alejandro Zambra vor dem Hintergrund der Atacama-Wüste (Suhrkamp Verlag )
Hinter Zambras Wortspielereien verbergen sich oft ganze Welten. (Suhrkamp Verlag )

Vordergründig sieht Alejandro Zambras neues Buch aus wie ein Einstufungstest, doch "Multiple Choice" hat es in sich. Seine "Aufgaben" an den Leser fordern diesen nicht nur heraus, sondern öffnen ihm auch die Augen - für Stumpfsinn im Tarnanzug der Bildung.

Wenn ein neues Buch des Chilenen Alejandro Zambra erscheint, darf man sich auf eine Überraschung freuen. Denn jedes Mal ist diese Prosa noch knapper, noch raffinierter und noch gehaltvoller als zuvor. Schon Zambras erster Roman mit dem Titel "Bonsai" (2006) war sensationell in seiner Kürze. Und Zambra steigert sich seither von Buch zu Buch.

Diesmal nutzt er den in Chile früher üblichen "Einstufungstest für die akademische Eignung" als Vorlage, um kunstvolle Texte von exakt sechs Wörtern Länge zu verfassen: Multiple Choice, literarisch verfremdet. Was passt NICHT zu dem Wort Schweigen? Stille, Sprachlosigkeit, Verschwiegenheit, Stummheit, Feigheit?

Oder: Was gehört zu dem Wort Schuld? Nur Synonyme wie Sünde, Fehler, undsoweiter oder auch das Pronomen "dein"? Zambra, ein Kind der Pinochet-Diktatur, betreibt Sprach-und Gesellschaftsanalyse in einem.

Abrechnung mit der Heuchelei

Geboren ist er 1975, erhielt also seine Schulbildung in einer Zeit, in der Schweigen normal und Denken unerwünscht, Richtig und Falsch eine Frage der Doktrin war. Und genau das ist der Kern dieses literarischen Experiments, das zunächst eine Abrechnung mit den Denkverboten und der Heuchelei dieser Zeit ist.

Aber es ist auch ein subversives Unternehmen, das sich prinzipiell gegen Erziehung als Anpassung richtet, gegen allen Stumpfsinn, der im Tarnanzug der Bildung daherkommt.

Lückentest, Verständnisfragen und andere in solchen Prüfungen übliche Verfahren setzt Zambra ein, um seinen eigenen Texten und der Methode selbst Fragen zu stellen: kluge Fragen, witzige, sinnlose. Fast unübersetzbar sind seine hintersinnigen Spielereien mit Deutung und Wortbedeutung, aber die Cervantes-Übersetzerin Susanne Lange hat diese Herausforderung bravourös gemeistert.

Jemand liegt im Grab, eine Frau legt Blumen nieder, jemand kennt sie nicht, jemand schläft schlecht, jemand war ein Dreckskerl. Richtig? Falsch? Wie gehört das zusammen?

Jeweils mindestens fünf Lesarten

Es gibt in jeder "Prüfungsaufgabe"- also jeder Prosaminiatur – mindestens fünf Lesarten. Leser, wählen Sie: familiär, politisch, albern, erotisch, neurotisch. Mehrere Antworten sind möglich. Es darf gelacht und geweint werden.

So vervielfachen sich Zambras winzige Texte: In einem jeden stecken viele, und im Kopf der Lesenden vermehren sie sich noch einmal, und zwar exponentiell. Damit hat dieser Autor es wieder einmal geschafft, uns zu überraschen und aus sehr wenigen Wörtern ein sehr riesiges Buch zu machen. Ein großartiges Buch, sein bestes bislang, das hoffentlich Generationen von Autoren lesen werden.

Wer bisher die Poesie für die höchste Form der literarischen Äußerung gehalten hat, wird nun zumindest zugeben müssen, dass sich in den Wort-Zwischenräumen einfacher Prosa ganze Welten verbergen können.

Alejandro Zambra: "Multiple Choice"
Suhrkamp, Berlin 2018
109 Seiten

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