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Interview / Archiv | Beitrag vom 24.11.2016

Alchemie-Ausstellung in Halle Weltgeheimnis entschlüsselt

Christian-Heinrich Wunderlich im Gespräch mit Anke Schaefer

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Hinterlassenschaften aus einer Wittenberger Alchemistenwerkstatt des 16. Jahrhunderts liegen am 23.11.2016 auf einem gläsernen Tisch im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle/Saale (Sachsen-Anhalt). Unter dem Motto «Die Suche nach dem Weltgeheimnis» eröffnet die Sonderausstellung zur Alchemie am 24.11.2016. (dpa / picture alliance / Hendrik Schmidt)
Blick in die Ausstellung "Alchemie - die Suche nach dem Weltgeheimnis" in Halle mit Hinterlassenschaften aus einer Wittenberger Alchemistenwerkstatt. (dpa / picture alliance / Hendrik Schmidt)

Das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle hat eine kleine Sensation zu bieten: Dort gelang es, den "Stein der Weisen" nach einem alten alchemistischen Rezept herzustellen - zu sehen in der neuen Ausstellung "Alchemie - Die Suche nach dem Weltgeheimnis".

Anke Schaefer: Die Alchemisten des Mittelalters, die wollten ja nichts weniger als den Stein der Weisen finden. Mit diesem Stein hätte man unedles Metall in Gold verwandeln können, aber auch heilen. Es ging tatsächlich darum, Heilmittel zu finden gegen die Krankheiten der Zeit, wie zum Beispiel die Syphilis. Alchemisten brauchten, um ihre Arbeit zu tun, eine Alchemistenwerkstatt, und eine solche wird jetzt in einer neuen Ausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle präsentiert. Christian-Heinrich Wunderlich ist dort mitverantwortlich für diese Ausstellung. Er ist Archäochemiker, hat sich also auf die Chemie früherer Zeiten spezialisiert. Guten Tag, Herr Wunderlich!

Christian Heinrich Wunderlich: Guten Tag!

Schaefer: Diese Alchemistenwerkstatt, die Sie zeigen können, die stammt aus Wittenberg. Da wurden Scherben gefunden, und diese Scherben haben Sie dann untersucht. Was haben Sie da genau an diesen Scherben festgestellt?

Wunderlich: Diese Scherben habe ich zunächst einmal als etwas völlig Alltägliches gehalten, und wir waren in der Werkstatt schon eigentlich geneigt, diese frühneuzeitlichen Glasscherben völlig unkenntlich, was es nun mal gewesen ist, zunächst erst mal in unser Zentraldepot zu liefern. Und dann guckte ich mir die Dinger dann doch mal näher an, und da  kleben merkwürdige Substanzen an den Glaswandungen, die ich da so nie gesehen habe.

Und das habe ich dann chemisch untersucht, und da war ich ziemlich beeindruckt, denn da waren Schwermetalle drin, vor allen Dingen klebten Antimon-Verbindungen daran, aber auch Quecksilberverbindungen, also eine ganz breite Palette von hochgiftigen Substanzen, die an frühneuzeitlichen Altersgläsern nichts zu suchen hatte.

Antimon - die Modedroge der Alchemisten

Schaefer: Das heißt, Sie wussten sofort, das musste aus der Werkstatt eines Alchemisten stammen.

Wunderlich: Klar war sofort, das ist Alchemie. Gerade das Antimon, das eben zu jener Zeit, im 16. Jahrhundert, geradezu zu einer Modedroge der Alchemisten geworden ist, das war ein ganz eindeutiges Signal.

Schaefer: Und wem mag diese Werkstatt gehört haben, und wann ist sie genau?

Wunderlich: Das wissen wir nicht. Wir vermuten – wir können sie ja ziemlich gut einordnen in die Zeit um 1570 bis 1600. Es kommen da mehrere Kandidaten in Frage. Wir können das nicht einer Person genau zuordnen. Wir gehen davon aus, dass es wohl zum Sächsisch-fürstlichen Hof gehört hat. Das Umfeld, von dem wissen wir ja auch, dass sie aktiv waren in Alchemie, aber eine einzige Person können wir da nicht wirklich dingfest machen. Und nun wollte man in der Alchemistenwerkstatt ja aus unreinen Metallen zum Beispiel Gold schmieden.

Die zwei Strömungen der Alchemie

Schaefer: Meinen Sie, das ist in dieser Werkstatt gelungen?

Wunderlich: Also in dieser Werkstatt ganz sicherlich nicht, denn es gab zwei große Strömungen der Alchemie. Der eine war der Versuch, mittels eines Steins der Weisen zu Wohlstand zu kommen, in erster Linie Gold zu erzeugen. Und der andere Zweig erfüllte die Sehnsüchte, die wir heute immer noch haben, nämlich die Sehnsucht nach Heilung von Krankheiten. Und das tat diese Werkstatt. Es wurden Pharmazeutika hergestellt, und zwar aus Schwermetallen.

Und das ist eine Idee, die zurückgeht auf Paracelsus, der kurze Zeit vorher gewirkt hat. Und Paracelsus kam auf die Idee, da man mit Antimon – das hatte man damals erst gerade entdeckt –, tatsächlich Gold reinigen kann, indem man Gold, verunreinigtes Gold zusammenschmilzt mit Antimonsulfid, also dem Roherz. Dann erzeugt man zunächst also eine Perle, die nur noch aus dem reinen Gold und Antimon besteht, und das wirft man dann in einen heißen Ofen und bekommt dann das reine Gold raus. Das hat die Menschen fasziniert.

Und Paracelsus, der ja selbst auch alchemistisch tätig gewesen ist, der sagt, das ist ja fast so etwas wie der Stein der Weisen, ein Material, das sogar Gold veredeln kann. Und wenn ich das dem Menschen gebe, wird er im Menschen genau das Gleiche tun, was er im Golde tut, das heißt, ihn heilen von allen Krankheiten.

Vorstellungen von der Reinigung des Körpers 

Schaefer: Na, aber so wird es nicht gewesen sein.

Wunderlich: Nein, in der Tat nicht, denn die Wirkung dieses Antimons ist sehr drastisch. 100 mg können reichen, je nach Darreichungsform, um einen Menschen zu töten. Und die Wirkungen sind auf jeden Fall sehr drastisch, wenn Sie nicht die tödliche Dosis erwischen. Es ist nämlich ein starkes Abführmittel, es ist ein Brechmittel, und es ist schweißtreibend.

Schaefer: Das heißt, Sie sind froh, dass Sie damals nicht lebten und womöglich in diese Fänge gerieten.

Wunderlich: Um Gottes willen. Es gibt spätere Beschreibungen von Antimon-Kritikern, die sagen, wer das einmal erlebt hat an sich selbst, der wird das nie wieder haben wollen. Das ist so ungefähr das Schlimmste, was man einem Menschen geben kann. Aber dennoch glaubte man das, weil die Wirkung sehr drastisch war. Das heißt Reinigung. Und die Vorstellung war ja sozusagen, dass Krankheiten Ungleichgewicht im Körper bedeuten, und sozusagen muss erst mal alles raus, sozusagen auf Null resettet werden. Das machte das Antimon.

Nun ist es so, dass das Antimon durchaus leicht biozide Wirkungen hat, und es gibt eine Antimon-Verbindung, die man eben tatsächlich heute noch verwendet, so ein Antimon-5-Komplex, der wird eingesetzt gegen die Tropenkrankheit Leishmaniose. Das ist eine Protozoenerkrankung, da wirken die gängigen Antibiotika nicht, und da verwendet man es tatsächlich.

Ein Briefchen mit der Rezeptur für den "Stein der Weisen"

Schaefer: Jetzt müssen Sie uns trotzdem noch kurz sagen, wenn Sie da jetzt tatsächlich den Stein der Weisen gefunden haben in dieser alten Werkstatt, wie sieht der aus und aus welchen Bestandteilen besteht der denn?

Wunderlich: Den Stein der Weisen haben wir nicht in der Werkstatt gefunden, aber in einem Archiv der Fürsten von Stolberg-Wernigerode. Dort haben wir ein kleines Papiertütchen gefunden und ein Begleitschreiben eines gewissen Essäus Stummfeld, 1598. Und er bietet diesem Grafen, dem Fürsten den Stein der Weisen an, die Rezeptur, und hat eine kleine Probe abgegeben.

Und wenn man dieses Briefchen aufmacht, dann findet man so kleine rote Linsen, so gläserne, scheinbar glasige Linsen. Und das war für mich wahnsinnig spannend. Das habe ich untersucht, da wollte ich es wissen, was ist der Stein der Weisen. Es ist eine glasartige Substanz, die besteht in erster Linie aus einem hochgiftigen Realgar, also einem Arsensulfid. Und das ist aber, damit es eine besondere Farbe bekommt, dotiert mit Antimon und Quecksilber. Da haben wir sozusagen die alchemistischen Klassiker beisammen.

Und das Tolle ist, rein optisch hat es die Eigenschaften des Steins der Weisen, wie man sich das vorstellte. Denn ein Stein der Weisen muss immer rot sein, und das deswegen, weil man sich vorstellte, man trägt einem grauen Metall die Eigenschaft Gold auf, das heißt, da muss ich es färben. Und das muss ich mit einer sehr effizienten Substanz machen, die also große Mengen schafft. Und da denken wir zum Beispiel mal an die Küche, Safran. Wenige Safranfäden in einer großen Menge Reis färben den ganzen Reis golden. Und so stellte man sich das vor.

Schaefer: Also diesen Stein der Weisen kann man jetzt sehen, wenn man im  Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle ist.

Wunderlich: Ja, der ist ganz klein, kleine Stücke.

Schaefer: Und leuchtend.

Wunderlich: Und wir haben es auch im Labor nachvollziehen können, wie es funktioniert. Wir haben jetzt das Rezept des Steins des Weisen –

Schaefer: Herr Wunderlich, wir würden Ihnen sehr gern noch länger zuhören, aber sind am Ende unserer Zeit angelangt. Ich glaube, wir müssen alle nach Halle fahren und in die Ausstellung kommen, denn es ist tatsächlich spannend. "Alchemie, die Suche nach dem Weltgeheimnis", so heißt die Ausstellung, ist bis zum 5. Juni zu sehen, also einige Zeit, um nach Halle zu reisen. Kurator ist der Archäochemiker Christian-Heinrich Wunderlich. Ich danke Ihnen sehr für diese Ausführungen.

Wunderlich: Ja, danke – und ich freue mich auf Ihren Besuch!

Schaefer: Bis dann!

Wunderlich: Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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