Freitag, 22.11.2019
 

Tonart | Beitrag vom 26.09.2019

Album "Temple" von Gaddafi GalsRapmusik, die aus dem Nebel kommt

Von Christoph Möller

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Trio aus Wien und Berlin: die Gaddafi Gals, bestehend aus Produzent Walter p99 arke$tra, der Sängerin Slimgirl Fat und der Rapperin Blaqtea, die solo als Ebow auftritt (Joanna Legid)
Machen Avantgarde, der fast schon Pop ist: die Gaddafi Gals. (Joanna Legid)

Dystopisch und träge klingt "Temple" - das Debüt der Gaddafi Gals. Dazu gibt es Videos, in denen sphärischer Rap in einer hyperrealen Computerspiel-Welt erklingt. Das hat Potenzial - reißt aber künstlerisch nicht mit.

"Slimgirl fat", "blaqtea" und "walter p99 arke$tra", so heißen die Gaddafi Gals - "zwei Gals plus Boy", wie sie selbst sagen.

Rumpelnde Beats und sphärischer Gesang auf Englisch, den man nur schwer versteht. Rapmusik, die aus dem Nebel kommt. Oder eben aus dem "Temple", wie das Debütalbum der Gaddafi Gals heißt.

Das Profane bleibt draußen, und innen wird das Banale zum Heiligtum erklärt, sagt "blaqtea".

"Wir haben Dinge genommen, die aus dem Alltag sind, die banale Sachen fast schon sind. Und wir geben denen eine Magie. Wir heben die noch mal auf ein anderes Level."        

Spielfiguren in einer 3D-animierten Welt

Zum Beispiel Automarken. "Mitsubishi" heißt ein Stück. Küssen im Auto, in der Stadt rumcruisen. Das Gefühl von Jugend unterlegt mit Trap-Beats.       

Ziemlich banal eigentlich für die Gaddafi Gals, die sich in ihren Videos an einer hyperrealen Computerspiel-Ästhetik versuchen. Die Gaddafi Gals sind Spielfiguren in einer 3D-animierten Welt. Doch so richtig bewegen sie sich nicht. Das Bild ruckelt, läuft vorwärts und zurück. Das Game, in dem sie mitspielen, scheint noch nicht bereit für sie zu sein.

"Temple" ist auch klanglich eine Kritik am polierten Sound der Streaming-Charts. Die Beats von "walter p99 arke$tra" klingen, als hätte er sie auf längst abgeschalteten "Soundcloud"-Servern gefunden. Sie wirken kaputt, dystopisch und träge. Dazu kommen extrem verlangsamte Stimmen. Es ist stellenweise ganz schön müßig, dieses mit 35 Minuten Spielzeit eigentlich sehr kurze Album anzuhören.

Potenzial für eine substanzielle Kulturkritik

Luxus-Avantgarde: Das könnte vielleicht so etwas sein wie ein Teil der Avantgarde, der fast schon Pop ist. Gaddafi Gals sind dabei jedoch klar im weniger kommerziellen Bereich unterwegs – "Temple" veröffentlichen sie auf ihrem eigenen Label. Sie suchen innerhalb von Pop und Rap nach alternativen Sounds.

Das ist schon interessant. Klingt aber auch noch etwas unausgereift. Viele Textzeilen sind banal und werden so oft wiederholt, dass sie nerven. In dem Album steckt viel Potenzial für eine substanzielle Kulturkritik. Leider werden aus den guten künstlerischen Ansätzen der Gaddafi Gals nur sehr selten auch gute Songs.

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