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Tonart | Beitrag vom 13.03.2020

Album "Satin Doll" von Sam Gendel Ungewöhnlicher Jazz für ein junges Publikum

Wolf Kampmann im Gespräch mit Mascha Drost

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Der Jazz-Musiker Sam Gendel spielt Saxofon auf einer Bühne, teilweise in blaues Licht getaucht. (dpa / Pacific Press / Lev Radin)
Sam Gendel mache auf seinem Album „Satin Doll“ erstmals in größerem Maßstab als Solist auf sich aufmerksam, sagt unser Kritiker. (dpa / Pacific Press / Lev Radin)

Sam Gendel will die Standards im Jazz neu aufmischen - und den Nachwuchs erreichen: Der junge Saxofonist kommt aus dem Umfeld der Coltrane-Familie in Los Angeles und setzt auf einen sehr ungewöhnlichen, stark von elektronischer Musik geprägten Klang.

Mascha Drost: Der Standard ist ein liebevoll gepflegtes Gut im Jazz. Anders als im Pop ziehen sich bestimmte Songs durch die gesamte Jazzgeschichte und erfahren dabei immer wieder Neubewertungen. Ein junger Saxofonist aus Los Angeles mischt die Jazzstandards nun mit einer grundsätzlichen Neuorientierung auf. Sein Name ist Sam Gendel. Wolf Kampmann hat in sein neues Album "Satin Doll" reingehört. Der Name Sam Gendel ist hierzulande noch nicht allzu bekannt. Wer ist Sam Gendel?

Wolf Kampmann: Er ist ein junger Musiker aus dem Umfeld von Flying Lotus. Das ist ein sehr experimentierfreudiger Musikproduzent aus Los Angeles, der unter anderem Kamasi Washington unter seinen Fittichen hat, und selbst zur Coltrane-Familie gehört. Gendel spielt nicht nur Saxofon, sondern zahlreiche andere Instrumente und ist auch als Toningenieur und Produzent unterwegs. In den USA ist er deutlich bekannter als hier und das hauptsächlich durch sein Pop-Jazz-Projekt Knower. Eine enge Zusammenarbeit verbindet ihn zudem mit einem anderen Multiinstrumentalisten, den man auch hierzulande kennt, nämlich mit Louis Cole. Mit ihm betreibt er das spektakuläre Duo Clown Core, dessen genaue Identität jedoch nie preisgegeben wurde. Und auf "Satin Doll" macht er erstmals in größerem Maßstab als Solist auf sich aufmerksam.

Kampmann: Wenn man seinen eigenen Aussagen trauen darf, war das eher einer dieser berühmten Zufälle, von denen der Jazz ja lebt. Zufall. Gendel macht sich nicht allzu viele Gedanken um seine Musik. Er sagt, er hat keine großen konzeptionellen Ideen, sondern seine Konzepte bestehen meist aus einer Verkettung vieler kleiner Ideen. In diesem Fall war es so, dass er in einem Club in Los Angeles als Zugabe ganz spontan "Satin Doll" gespielt hat und selbst überrascht war, wie gut das Stück funktionierte. Kurz darauf erhielt er einen Anruf vom Präsidenten der Plattenfirma Nonesuch, ob er eine Idee für ein Album hätte. Er sagte, wie man das so schön macht, ja, hatte aber noch keine Idee. Und genau in diesem Augenblick fiel ihm ein, dass er vielleicht aus dem Song "Satin Doll" ein ganzes Album machen könne oder zumindest aus dem Konzept, wie er sich dem angenähert hatte. Der Labelmann war sofort einverstanden, und jetzt ist das Album auf dem Markt.

Drost: Das Album klingt überhaupt nicht nach dem, was man normalerweise vor allem klanglich mit dem Jazz verbindet. Welches Verhältnis hat er zum Klang, auch zum Jazz-Klang?

Kampmann: Wenn wir auf die Jazzgeschichte zurückblicken, war es immer der Sound, der die großen Musiker auszeichnete. Das fing wohl schon bei Buddy Bolden an, von dem wir keine Aufnahmen kennen, aber zumindest wissen, dass er einen außergewöhnlichen Sound hatte. Das setzte sich über Louis Armstrong und Lester Young fort und zieht sich bis in die Gegenwart. Nun ist es so, dass wir ja neben dem aktuellen Jazz auch die ganze Jazzgeschichte in Form von Tonträgern verfügbar haben. Um sich also überhaupt von anderen Musikern zu unterscheiden, braucht man deshalb einen umso persönlicheren und sehr wiedererkennbaren Sound. Gendels Klang ist natürlich stark von aktueller elektronischer Musik geprägt. Gendel selbst sagt dazu:

Sam Gendel: Sound, das ist es. Mein Vater ist ein Jazzliebhaber. Er sagte mir, es geht immer um den Sound. Miles Davis, so meinte er, brauchte nur eine Note zu spielen, und man wusste, dass er es ist. Das war alles, was man von ihm verlangte. Diese Erkenntnis begleitet mich bis heute. Mir geht es immer um den Sound. Jeder kann rausfinden, wie man etwas technisch umsetzt, aber Sound kann man nicht lehren."

"Die Helden der Vergangenheit nicht vom Sockel reißen"

Drost: Sam Gendels Album "Satin Doll" besteht ja hauptsächlich aus bekannten Jazznummern, unter anderem von Duke Ellington, Charles Mingus und Miles Davis. Wie steht denn ein junger Musiker wie Gendel grundsätzlich zum Jazz-Standard?

Kampmann: Das ist eine spannende Frage, denn all diese Stücke sind ja geschrieben worden, lange bevor Gendel geboren wurde. Als Kind ist er mit dem Bestand der Jazzgeschichte vertraut gemacht worden. Er hat viele Stücke aus sich selbst heraus studiert, war ein absoluter Nerd dabei, diese Stücke zu durchdringen. Allerdings weiß er auch, dass er keine Hörer seiner eigenen Generation mit den herkömmlichen Versionen dieser Songs hinter dem Ofen hervorlocken kann. Und auch wenn das auf der CD vielleicht ein bisschen anders klingen mag, ist er kein Bilderstürmer und will die Helden der Vergangenheit keineswegs vom Sockel reißen, sondern ihnen Respekt entgegenbringen. Er will nur seine eigenen Übersetzungen finden. Darin sieht er gar keinen Widerspruch zu den großen Standard-Interpreten der Jazzgeschichte, wie er selbst sagt:

Sam Gendel: Das sind nur Melodien. Sie gehören niemandem. Auch Bill Evans gehörten diese Standards nicht, aber er konnte sie auf eine Weise spielen, dass sie sein Eigen wurden. Ich sagte mir, ich muss das auf dieselbe Weise machen, alles darunter wäre nicht gut.

Drost: Die Musik von Sam Gendel klingt sehr synthetisch und kalkuliert. War da viel Nachbearbeitung im Computer im Spiel?

Kampmann: Davon könnte man ausgehen, wenn man die Musik hört, aber erstaunlicher Weise war das überhaupt nicht der Fall - im Gegenteil. Gendel rief zwei Freunde an, einen Bassisten und einen Drummer, die einander nie zuvor gesehen hatten und ließ sich ganz spontan in die Session fallen. Es gab so gut wie keine Absprachen. Und erstaunlicher Weise gab es auch keine Overdubs und fast keine Post Production. So, wie wir es hören, wurde das Album nahezu live im Studio eingespielt. Die Aufnahmen dauerten nicht länger als zweieinhalb Tage. Gendel selbst vergleicht es mit den Sessions in jener Zeit, als die meisten der Standards auf dem Album entstanden waren.

Drost: Nun klingt das Album ja wirklich sehr ungewohnt, fast jazzfremd. Wie würden Sie es insgesamt einordnen in der Jazzgeschichte?

Kampmann: Im Moment gibt es ja speziell in den USA eine große Welle, den Jazz wieder für ein heranwachsendes Publikum relevant zu machen. Oft passiert das mit politischen Haltungen und Aussagen. Gendel geht einen anderen Weg. Er versucht das über die Klangsprache der Gegenwart, und das macht er, wie ich finde sehr gut. Ich höre da zum Beispiel eine große spirituelle Nähe zu dem 2018 verstorbenen Rapper Mac Miller, der auch in diese Szene sehr involviert gewesen ist.

Wie erfolgreich das Album wird, hängt in der heutigen Zeit nicht zuletzt vom Marketing ab. Aber wenn alles gut läuft, glaube ich, "Satin Doll" könnte eine ähnliche Bedeutung dafür gewinnen, den Katalog der Jazz-Historie einem eher nicht jazzaffinen Publikum zugänglich zu machen, wie das vor fast 30 Jahren US3 mit ihrem Album "Hand On The Torch" geglückt war. Da wurde ja auch der Blue Note-Katalog gesamplet und für eine Dance- und Club orientierte Hörerschaft fit gemacht.

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