Seit 05:05 Uhr Studio 9
Montag, 27.09.2021
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Studio 9 - Der Tag mit ... | Beitrag vom 31.12.2020

Albrecht von Lucke über den nächsten Kanzler"Ein Willy Brandt ist nicht im Angebot"

Moderation: Korbinian Frenzel

Blick zwischen den Gitterstäben auf das Bundeskanzleramt in Berlin. Foto: Neundorf/Kirchner-Media (picture alliance / Kirchner-Media / Neundorf)
Wer zieht nach Angela Merkel ins Kanzleramt? (picture alliance / Kirchner-Media / Neundorf)

Wer wird Angela Merkel ins Kanzleramt nachfolgen? Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke sieht mangels Alternativen nur einen, der das nötige Format hätte: Markus Söder. In einer schwarz-grünen Koalition.

Angela Merkel (CDU) wird nach der nächsten Bundestagswahl im Jahr 2021 das Kanzleramt verlassen. Nach dann 16 Jahren im Amt will sie nicht wieder antreten, wie sie zuletzt erneut betont hat. Aber wer soll es stattdessen machen – wer kann Kanzler?

Für den Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke ist klar: Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) kann es. Gemeinsam mit den Grünen. Er erhoffe sich von "einer weitsichtigen schwarz-grünen Regierung", dass diese ökologisch etwas erreiche. "Ich mache damit natürlich eine gewisse Wette auf die Einsichtsfähigkeit und auf die nachhaltige Politik eines Markus Söder."

Überzeugende Performance

Über Söder mache er sich keine Illusionen, betont von Lucke: "Söder ist ein Machtmensch und ein Opportunist." Was das Gespür für Macht anbelange, sei er Angela Merkel nicht unähnlich. Und es gebe nicht viele Alternativen, denn: "Der Willy Brandt ist nicht im Angebot, um es mal deutlich zu sagen." Auch einem Robert Habeck fehle das Format.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Söder habe ihn jedoch überzeugt: "Mit der Performance des letzten Jahres, mit der Klarheit  seines Imagewandels, mit der durchgehaltenen Position ist er sehr stark in die Rolle der, man kann sagen: einzigen Figur mit Autorität gewachsen." In der Union und auch in den anderen Parteien sehe von Lucke niemanden, der vergleichbar stark sei. Nicht bei den Grünen und schon gar nicht bei der SPD und der Linken. Um wirklich überzeugend zu sein, müsse Söder allerdings den Opportunisten in sich "im Zaum halten".

Wäre Merz gut für das Land?

Friedrich Merz hält der Politikwissenschaftler für nicht geeignet. "Die Union wäre mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn sie ihn wählen würde." Denn ein Kandidat Merz werde für eine Repolarisierung im Parteiensystem sorgen, wovon die anderen Parteien profitieren würden, nicht aber die Union.  

"Und ich bin mir noch nicht mal sicher, ob es im Sinne dieses Landes gut wäre. Gerade aus Sicht des letzten Jahres lässt sich sagen: Wir haben einen so massiven Autoritätsverlust der Politik. Und ich sehe nicht, dass Friedrich Merz die Autorität hätte. Ich sehe ihn als einen ziemlich reaktionären, neoliberalen Politiker" – und als solcher falle er vor allem gesellschaftspolitisch mit seiner Homosexuellenfeindlichkeit auf und tue sich auch nicht als besonders emanzipatorisch-frauenfreundlich hervor. Auch wirtschaftspolitisch überzeuge Merz ihn nicht, sagt der Politikwissenschaftler.

Albrecht von Lucke im Porträt (imago/Jürgen Heinrich)Söder hätte das Zeug zum Kanzler, Merz nicht, meint Albrecht von Lucke. (imago/Jürgen Heinrich)

Insgesamt sieht von Lucke derzeit keine Alternativen zu einer schwarz-grünen Koalition – es sei einfach nichts anderes im Angebot. Eine regierungsfähige Linksregierung aus SPD, Grünen und Linke im Brandt’schen Sinne sei nicht in Sicht. Die Linke sei unfähig. Der Zustand der SPD sei "desaströs", die Partei wisse nicht mehr, wofür sie eigentlich stehe. Kanzlerkandidat Olaf Scholz sei das letzte Aufgebot aus der Agenda-2010-Ära. "Ich lobe seinen Mut, dass er sich überhaupt noch dahinstellt und glaubt, über 20 Prozent zu kommen."

(mkn)

Albrecht von Lucke ist Jurist, Politikwissenschaftler und politischer Publizist. Seit 2003 ist er Redakteur der Monatszeitschrift "Blätter für deutsche und internationale Politik".

Hören Sie die ganze Sendung:

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur