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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 18.12.2019

AlaskaDer Kampf um Verfassung und indigene Rechte

Von Rebecca Hillauer

Der höchste Berg Nordamerikas mit 6194 Metern ist der Mount McKinley, in Alaska heißt er traditionell Denali, der Hohe, der große Berg. Anläßlich einer Alaskareise von US-Präsident Barack Obama wurde er offiziell in "Denali" umbenannt, in indigene Sprache. (picture alliance/Hans Ringhofer)
Ein Zeichen der Anerkennung: Als US-Präsident Barack Obama Alaska besuchte, benannte er den Mount McKinley in den alten indigenen Namen Denali um. (picture alliance/Hans Ringhofer)

Etwa jeder fünfte Bewohner Alaskas ist indigen. Aber nur ein Indigener war im Verfassungskonvent, der Mitte der 1950er die Eingliederung Alaskas in die USA vorbereitete. Auch ein Deutschstämmiger war dabei: Victor Fischer, der heute 95 Jahre alt ist.

"Das ist Artikel 1, Erklärung der Rechte, Abschnitt 1: Diese Verfassung ist den Grundprinzipien gewidmet, dass alle Menschen ein natürliches Anrecht auf Leben, Freiheit und Glück haben. Und alle sollen die gleichen Rechte und Chancen haben", erklärt Victor Fischer.

Er sitzt in seinem Wohnzimmer in Anchorage und zitiert aus der Verfassung Alaskas, die er im Winter 1955/56 mit verfasste. Fischer wurde 1924 in Berlin geboren und ist in Moskau aufgewachsen. 1939 kam er mit seinem amerikanischen Vater, einem bekannten Journalisten, und seiner russischen Mutter in die Vereinigten Staaten. Als er 1950 nach Anchorage zog, war Alaska noch kein eigenständiger Bundesstaat. Die USA hatten das Territorium am arktischen Eismeer 1867 dem Russischen Kaiserreich abgekauft und behandelten es als Enklave.

"Alaska war de facto eine Kolonie der Vereinigten Staaten. Das Justizsystem, die Straßen, die Eisenbahn, die Post – alles wurde von der Bundesregierung in Washington kontrolliert", sagt Fischer. "Und ich hatte keine Bürgerrechte mehr – und konnte nicht mehr wählen."

Victor Fischer beschloss mit Gleichgesinnten, Alaska zu einem Bundesstaat zu machen, um mitbestimmen zu können. Mit inzwischen 95 Jahren ist der kleine, zerbrechlich wirkende Mann der einzige Überlebende dieser "Gründungsväter".

Nur ein Indigener saß im Verfassungskonvent

Ein Seminar zur Geschichte der indigenen Bevölkerung von Alaska an der Universität von Anchorage. Die "Alaskanische Föderation der Indigenen" vertritt zur Zeit 140.000 Menschen, rund ein Fünftel der Bevölkerung. Gegründet wurde die Organisation 1966, um die Landrechte der indigenen Bevölkerung durchzusetzen. Maßgeblichen Anteil daran hatte William Hensley, der an diesem Tag als Gastprofessor das Seminar an der Universität gibt.

William Hensley beginnt mit einigen Sätzen in der Sprache seines Inuit-Volkes. Der Politikwissenschaftler saß für die Demokratische Partei im Landesparlament und war Vize-Gouverneur. Er berichtet, dass unter den 55 Delegierten im verfassungsgebenden Konvent nur ein einziger Indigener saß.

"Die Delegation bestand aus ehrbaren Männern, aber sie hatten immer noch die Mentalität von Kolonialherren. Sie dachten: Die Vereinigten Staaten hatten den Russen die Rechte an dem Land abgekauft – und damit hätte der Kongress das Recht, es den Pionier-Typen zu überschreiben. Unsere indigenen Vorstellungen vom Umgang mit natürlichen Ressourcen, von Bildung, Gesundheitsfürsorge und kommunalen Verwaltungen – nichts davon floss in die Verfassung mit ein.

Victor Fischer, der im Verfassungskonvent saß, hat eine Erklärung dafür:

"Das Ausarbeiten der Verfassung war nichts, was die Menschen damals als relevant für ihr Leben ansahen. Die meisten indigenen Alaskaner lebten in entlegenen Dörfern. Sie waren Jäger und Fischer und Selbstversorger. Es ging nicht um Diskriminierung. Es gab zu wenig Interesse von ihrer Seite."

Wie die Indigenen ihr Landrecht durchsetzten

William Hensley, der zu jener Zeit in Washington D.C. studierte, erkannte die Chance, die eine Verfassung dennoch für die indigene Bevölkerung bieten würde:

"Mein großes Aha-Erlebnis war die Erkenntnis, dass unsere ursprünglichen Landrechte mit der Staatsgründung von Alaska nicht erloschen waren", sagt er. "Also versuchten wir, 200 Jahre amerikanische Geschichte umzukehren und unsere Landrechte als Indigene durchzusetzen."

Sie schafften es. Mit dem "Gesetz zur Regulierung der indigenen Landrechte" wurden ihnen 1971 fast 18 Millionen Hektar zugesprochen, eine Fläche knapp halb so groß wie der Bundesstaat Kalifornien. Zudem als Entschädigung eine Milliarde Dollar. Möglich war dies, weil 1968 in Alaska Öl entdeckt worden war und der Ölboom die Haushaltskasse füllte.

Die 191 staatlich anerkannten indigenen Stämme gründeten mit ihrem Geld regionale Körperschaften, die mittlerweile teils multinationale Geschäftsunternehmen sind. In der Geschichte der amerikanischen Ureinwohner eine einmalige Konstruktion. Eine Stiftung vergibt Stipendien an indigene Studierende, von denen einige in William Hensleys Seminar sitzen. Etwa die 21-jährige Omen Leavitt, die sich wie andere junge Indigene zunehmend ihrer Wurzeln besinnt.

"Ich bin bei meiner nicht indigenen Mutter aufgewachsen, deshalb ist mir die städtische Lebensweise näher als die Subsistenzwirtschaft", sagt sie. "Je älter ich werde, desto mehr lerne ich sie schätzen. Vor allem, seitdem ich für eine der indigenen Körperschaften arbeite. Dort lernt man die Werte und die Kultur so richtig kennen."

"Keine Hunde! Keine Eingeborenen!" stand auf den Schildern

Noch vor der Staatsgründung 1959 hatte sich die Enklave Alaska 1945 ein Anti-Diskriminierungsgesetz gegeben. "Keine Hunde! Keine Eingeborenen!" Vielerorts hatten Eingewanderte aus den USA solche Verbotsschilder gegen die Indigenen aufgestellt. Damit sollte Schluss sein.

Doch die Vergangenheit wirft bis heute lange Schatten. In entlegenen Dörfern ohne Straßenanbindung ist der von russischen Pelzjägern und später von amerikanischen Goldsuchern eingeführte Alkohol zur Seuche geworden. Häusliche Gewalt und sexueller Missbrauch gehören zu den Folgen. Indigene machen 60 Prozent der Obdachlosen in Anchorage aus. Es gibt jedoch auch viele Initiativen der indigenen Gemeinde, um diese Probleme zu meistern.

"Als Volk sind wir momentan damit beschäftigt, uns zu heilen. Wir sind durch viele Traumata gegangen", sagt Omen Leavitt. "Und jetzt können wir von diesen Ereignissen befreien und lernen."

Der Klimawandel hat Alaska bereits erreicht

Sorgen macht Omen und den anderen Studierenden dagegen der Klimawandel. Nach einer Rekordhitze im Sommer fiel in diesem Jahr der erste Schnee in Alaska erst Mitte November. An der Westküste führt das Schmelzen der schützenden Eisschicht bei Stürmen zur Bodenerosion. Ganze Dörfer müssen umziehen.

Zugleich sind die Einnahmen aus der Ölförderung rückläufig. Der republikanische Gouverneur und Trump-Anhänger Mike Dunleavy hat daher radikal den Rotstift angesetzt – vor allem im sozialen Bereich, bei Gesundheit, Bildung und Kultur. Victor Fischer, überzeugter Demokrat, hat eine Unterschriftenaktion mitinitiiert. Ihr Ziel: die Amtsenthebung des Gouverneurs.

"Im Grunde zerstört er Alaska", sagt Fischer. "Wir sind der einzige Staat in den ganzen USA, der keine Einkommensteuer und Mehrwertsteuer erhebt. Die Einkommensteuer wurde abgeschafft, als die Ölgelder noch reichlich flossen. Und die Ölförderfirmen müssen bis heute nur wenig Abgaben zahlen."

Victor Fischer möchte dennoch nirgendwo anders leben. Er verweist darauf, dass Alaska nicht nur ein Touristenmagnet sei. Jedes Jahr zögen viele junge Leute aus den "unteren 48" US-Bundesstaaten nach Alaska:

"Auf der anderen Seite leben viele Indigene nun außerhalb Alaskas. Diejenigen mit einer guten Ausbildung haben überall Chancen. In Alaska sind sie Geschäftsleute, Ärzte, Anwälte. Das ist eine große Veränderung zu früher."

Zumindest in den Städten gleicht der Alltag in Alaska heute dem in den übrigen USA.

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