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Lesart | Beitrag vom 25.03.2019

Alan Hollinghurst: "Die Sparsholt-Affäre"Von der Kraft der Sexualität

Von Maike Albath

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Auf dem Buchcover sind mehrere Bilderrahmen zu sehen, die übereinander gestapelt sind (Blessing/Supova Tereza/dpa)
Die Sparsholt-Affäre ereignet sich an der Oxford-Universität (Blessing/Supova Tereza/dpa)

Während im Zweiten Weltkrieg die Bomben auf Großbritannien fallen, ereignet sich in Alan Hollinghursts Roman in Oxford eine folgenreiche Affäre. Der Autor entblättert sie über mehrere Jahrzehnte. Dabei beweist er ein feines Gespür für seine Figuren.

Alan Hollinghurst erzählt in Schleifen, in weit ausgreifenden, schwingenden Schleifen, die rund acht Jahrzehnte umfassen und immer wieder die Atmosphäre eines Zeitalters vermitteln.

Ein erlesener Literaturclub in Oxford während des Zweiten Weltkrieges kommt in seinem neuen Roman "Die Sparsholt-Affäre" ebenso vor wie ein bürgerlicher Familienurlaub in Cornwall Mitte der 60er-Jahre und die Londoner Kunstszene mit ihren Ritualen zehn Jahre später.

Aber nicht nur die leichtfüßig strukturierte Erzählform in fünf Zeitblöcken, die über Figurentableaus und Motivketten miteinander verzahnt sind, vermittelt den Eindruck des Schleifenhaften – es ist auch der Satzbau selbst. Hollinghurst, 1954 in Stroud geboren, verehrt nicht von ungefähr Henry James. Ein Nachhall von James, dem Hollinghurst in seinem großen, mit dem Man-Booker-Prize ausgezeichneten Gesellschaftsroman "Die Schönheitslinie" (2004) huldigte, ist auch in Die Sparsholt-Affäre wahrnehmbar.

Unter der Oberfläche seiner geschmeidigen Syntax rumort aber vor allem eines: das Begehren.

Im Rhythmus des Lichts und der Dunkelheit

Auch deshalb geben Zeigen und Verbergen, Licht und Dunkelheit den Rhythmus der Handlung vor. Im ersten Teil ergreift der Literaturstudent Freddie Green das Wort und schildert, wie der siebzehnjährige David Sparsholt, ein angehender Ingenieur und Kampfpilot, mit seinem muskulösen Körper mehrere seiner Freunde um den Verstand bringt, darunter den Kunstsammler Evert Dax.

Auf die Erfüllung folgt schnell die Ernüchterung. Dem düsteren, kriegsgezeichneten Oxford steht das lichtdurchflutete Cornwall gegenüber, wo Davids Sohn Jonathan einem französischen Austauschschüler verfällt und darüber andere erotische Unterströme nicht wahrnimmt.

Der Skandal, der den Glutkern des Romans bildet, ohne dass er je genauer in den Blick geriete, ähnelt der Profumo-Affäre um den englischen Heeresminister von 1962: käuflicher Sex, Politik, Verrat. Mit einem Unterschied – bei Hollinghurst handelt es sich um ein schwules Milieu, weshalb die gesellschaftliche Sanktionierung ungleich schärfer ausfällt.

David Sparsholt, längst hochdekorierter Kriegsveteran und erfolgreicher Unternehmer, landet sogar für einige Jahre im Gefängnis. In den folgenden Teilen steht der erwachsene und langsam alternde Jonathan im Mittelpunkt: Der Restaurator und Maler verkehrt in der Bohemien-Szene von Evert Dax, kann seine Homosexualität offen ausleben und später mit einem lesbischen Paar sogar ein Kind zeugen.

Ein perfektes Gespür für soziale Herkunft

Genau wie der amerikanische Romancier Henry James hat Hollinghurst, selbst Absolvent des Oxforder Magdalen Colleges, ein perfektes Gespür für soziale Herkunft, Klassenunterschiede und Machtfragen. Die Schärfe von "Die Schönheitslinie", mit der er das England Margaret Thatchers durchdrang, hat der neue Roman nicht. Dennoch gelingen Hollinghurst über seine Figuren eindringliche Milieustudien; außerdem kann er glänzend über Sex schreiben.

"Die Sparsholt-Affäre" ist ein Roman über die Kraft der Sexualität, die immer wieder verblüffende Ausdrucksformen findet. Manchmal in einem elegant gestaffelten Satz.

Alan Hollinghurst: "Die Sparsholt-Affäre"
Aus dem Englischen von Thomas Stegers
Blessing Verlag, München 2019
542 Seiten, 24 Euro

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