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Buchkritik | Beitrag vom 18.07.2019

Alan Carter: "Marlborough Man" Ein Polizist in ständiger Angst vor Rache

Von Sonja Hartl

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Cover von Alan Carter: "Marlborough Man" vor orange-aquarelliertem Hintergrund (Suhrkamp)
Ein klug konstruierter Plot mit gutem Timing – Alan Carters "Marlborough Man". (Suhrkamp)

Im englischen Sunderland brachte Nick Chester einst einen Gangsterboss hinter Gitter. Obwohl er jetzt in Neuseeland lebt, fürchtet er seine Rache. Eigentlich eine "Cop auf der Flucht"-Geschichte – doch Alan Carter unterläuft die Erwartungen geschickt.

Eigentlich könnte alles so idyllisch sein: Nick Chester lebt mit seiner Frau Vanessa und seinem Sohn Paulie auf einem großen Grundstück in den Marlborough Sounds in Neuseeland mit Aussicht auf die eindrucksvolle Landschaft voller "unglaubliche(r) Schönheit und Ruhe": "Die Hügel um uns herum bilden eigene Wolken. Der Dunst steigt aus den Bäumen gen Himmel, es kommt einem vor, als würden die Hänge leben und atmen."

Seine Arbeit als Polizist ist vor allem von Routinen bestimmt: Sachbeschädigungen, Geschwindigkeitskontrollen, Erdbebenaufklärung in Schulen. Doch die Idylle trügt. Die Marlborough Sounds sind ständig von Erdbeben bedroht. Ein Mann treibt in der Gegend sein Unwesen, der Jungs entführt, vergewaltigt und tötet. Die Aussicht wird durch umfangsreiche Rodungsarbeiten eines einflussreichen Unternehmers ruiniert.

Außerdem droht Ungemach aus Nicks Vergangenheit: Bevor er mit seiner Familie nach Neuseeland gegangen ist, hat er im englischen Sunderland undercover gearbeitet und einen gefährlichen Gangsterboss hinter Gitter gebracht. Dieser hat Rache geschworen und seither belasten die allgegenwärtige Angst und Bedrohung Nick und Vanessa. "Jetzt sitzen wir hier auf der anderen Seite der Erde in der Pampa und warten auf den Tod."

Überraschender Gewaltausbruch

"Marlborough Man" von Alan Carter scheint zunächst alle Erwartungen an eine "Ein Cop auf der Flucht"-Geschichte zu erfüllen: Es gibt einen einst aufrechten Polizisten, der sein Leben riskiert hat, um einen gefährlichen Mann hinter Gitter zu bringen – und der nun sein Leben damit verbringt, dessen Rache zu fürchten. Dazu kommen eine atemberaubende Landschaft und ein aufregender neuer Fall, der ihn immer wieder mit Mauscheleien, Korruptionen und Einflussnahmen konfrontiert.

Doch Alan Carter unterläuft diese Erwartungen konstant: Ein erster Gewaltausbruch erfolgt überraschend noch im ersten Drittel des Romans, die Ermittlungen in dem Fall der getöteten Kinder nehmen einen ungeahnten Verlauf – und sogar die Natur erweist sich als weitaus mehr als bloße Kulisse.

Klug konstruierter Plot

Ausbeutung der Umwelt, Rassismus und Kleinstadtalltag fließen bei Alan Carter in einem spannenden Roman ineinander. Leider ist Nick Chester nicht ganz so charismatisch wie sein vorheriger Serienheld Cato Kwong, der in Westaustralien ermittelt hat. Nick ist ein Mann, der gerne gut wäre, aber doch immer die falschen Entscheidungen trifft – sich dessen aber immerhin bewusst ist.

Weit interessanter als Nick sind aber zwei Nebenfiguren: seine Ehefrau Vanessa sowie seine Kollegin Latifa Rapata, die ihm auch im Kontakt mit den Maori hilft. 

In dieses Spiel mit Lesererwartungen reiht sich auch der klug konstruierte Plot und das gute Timing ein: Kaum hat man sich in der behaglichen Eintönigkeit des Kleinstadtlebens eingerichtet, folgt eine atemberaubende, sehr gut choreografierte Actionsequenz. Dadurch bleibt die Spannung konstant erhalten.

Alan Carter: "Marlborough Man"
Aus dem Englischen übersetzt von Karen Witthuhn
Suhrkamp Taschenbuch, Berlin 2019
383 Seiten, 14,95 Euro

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