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Im Gespräch | Beitrag vom 06.10.2020

Aktivistin und Gründerin Kristina Lunz"Diplomatie und Aktivismus passen großartig zusammen"

Moderation: Tim Wiese

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Porträt von Kristina Lunz, im Hintergrund ist ein Meer und der Horizont zu sehen. (F. Castro)
Hat es geschafft, die nackten Frauen aus der "Bild"-Zeitung zu verbannen - bekam aber sehr viel Hass dafür ab. (F. Castro)

Ihre Themen sind Feminismus, Außenpolitik und Bildungsgerechtigkeit: Kristina Lunz ist Gründerin des Centre for Feminist Foreign Policy und mit ihrem Oxford-Abschluss die erste Uni-Absolventin ihrer Familie. Veränderungen hat sie bereits erreicht.

"Dass alle gesellschaftlichen Gruppen und Individuen in Freiheit aufwachsen können, das ist die Utopie", sagt Kristina Lunz. Auch wenn dieses Ziel noch weit entfernt ist, lohnt es sich für die 30-Jährige auf jeden Fall, dafür zu kämpfen. Deshalb hat sie das Centre for Feminist Foreign Policy, also das Zentrum für eine feministische Außenpolitik, gegründet. Die Organisation hat Büros in London und Berlin.

Grundlage für eine feministische Außenpolitik sei, so Lunz, dass diplomatische Mittel weltweit so eingesetzt werden, dass existierende Ungerechtigkeiten abgebaut werden. Warum es ohne Feminismus keinen nachhaltigen Frieden geben kann, wie Waffenexporte zu sexualisierter Gewalt beitragen, aber auch wie destruktiv Rassismus und Imperialismus wirken, dazu forschen Lunz und ihre Kolleginnen und Kollegen, darüber sprechen sie auch mit den jeweiligen Entscheidungsträgerinnen und -trägern einzelner Staaten. "Ich glaube, dass Diplomatie und Aktivismus ganz großartig zusammen passen", erklärt sie. Inzwischen bezeichnen immerhin vier Staaten ihre Außenpolitik offiziell als "feministisch".

Als Querulantin gesehen

"Es geht darum, in Frage zu stellen, was wir eigentlich als 'in Ordnung' empfinden: Ist es denn wirklich in Ordnung, dass wir international zwischen Ländern oder zwischen Akteuren mit kompletter Zerstörung und Unterdrückung drohen? Sollte das wirklich der normale Umgang sein?" Trotz dieses rundum friedlichen Ansatzes wird Lunz immer wieder als Unruhestifterin oder Querulantin bezeichnet.

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So hat sie es auch an der Universität in Oxford erlebt, wo sie im Masterstudium internationale Politik studierte. "Auf exklusiven Konferenzen gab es so eine Art ungeschriebenes Gesetz, sich eher auf die Schulter zu klopfen, anstatt kritische Fragen zu stellen. Das war mir da nicht bewusst, außerdem hatte ich ein genuines Interesse daran, dass mir bestimmte Fragen beantwortet werden - von den Menschen, die auf der Bühne sitzen. Das wurde nicht von allen so gut angesehen." Als sie sich am Tag der Einführung nicht an den Dresscode hält - "die Frauen tragen da so ein komisches Bändchen um den Hals, das ich nie verstanden habe" - und im Hosenanzug mit Fliege erscheint, wurde sie gefragt, warum sie sich denn nicht anpassen könne.

Aus dem fränkischen Dorf nach Oxford

Schon als Kind hatte Lunz ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden. Aufgewachsen ist sie in einem fränkischen Dorf, ihre Mutter war Erzieherin, ihr Vater Elektriker. Mit einem der besten Abiturzeugnisse ihrer Schule ging sie als erste ihrer Familie an die Universität und studierte Psychologie.

"In Deutschland haben wir das große Problem der Bildungsungerechtigkeit." Es studieren wesentlich mehr Kinder aus Akademikerfamilien als aus Arbeiterfamilien, so Lunz. "Das heißt in Fächern wie Psychologie und Medizin, wo man einen sehr guten Notendurchschnitt braucht, ist die Dichte an Studierenden aus sehr bildungsstarken Familien umso höher. Und das war auch mein erstes Erlebnis an der Uni: Man war irgendwie anders." Während andere in den Sommerferien Sprachkurse besuchten, montierte Lunz bei Siemens Computergehäuse zusammen. So etwas prägt Persönlichkeiten: "Die Codes sind absolut unterschiedlich."

Gegen "hasserfüllte Herren"

Dass man sich nicht an alles gewöhnen muss, hat Lunz 2014 erfolgreich mit ihrem Einsatz gegen die Fotos nackter Frauen in "Bild" bewiesen. "Immer wenn wir anfangen, eine bestimmte Personengruppe zu dehumanisieren, zum Beispiel über eine Sexualisierung oder eine Objektifizierung, dann steigt die Gewaltrate gegenüber dieser Personengruppe an." Das müsse von Europas größter Boulevardzeitung nicht auch noch verstärkt werden. 

Aus einem offenen Brief an den Chefredakteur wurde eine große Kampagne. Als Reaktion darauf sorgte "Bild"-Chef Kai Diekmann mit einigen Tweets für eine regelrechte "Armee hasserfüllter Herren", die Lunz online beleidigte und bedrohte. Damals sei sie darauf nicht vorbereitet und geschockt gewesen, sagt sie heute. "Inzwischen habe ich ein dickeres Fell. Das bedeutet aber nicht, dass der Hass in Ordnung ist. Das ist nicht normal, was mit den Frauen gemacht wird." Ihr Ziel, dass "Bild" die nackten Frauen aus dem Blatt nimmt, hat sie trotzdem erreicht.

(mah)

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