Mittwoch, 14.11.2018
 

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.05.2007

Aktiv und selbstbestimmt kochen

Ursula Heinzelmann: "Erlebnis Kochen", Erschienen bei Scherz, Frankfurt am Main 2007, 191 Seiten

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Gasherd (Stock.XCHNG / matt williams)
Gasherd (Stock.XCHNG / matt williams)

Mit ihrem Manifest für eine Küche ohne Rezepte will uns Renate Heinzelmann aus der Sklaverei der Starköche befreien. Statt Gramm für Gramm deren Vorgaben zu folgen, regt sie an, den heimischen Herd zu einem Ort des aktiven und selbstbestimmten Kochens zu verwandeln.

Ganz in diesem Sinne plädiert die gelernte Gastronomin dafür, sich wie moderne Jäger und Sammler zu verhalten: Zu schauen, was frisch und preiswert – möglichst nicht im Billigdiscounter, sondern auf dem Markt - zu haben ist und sich von dem Geruch frischer Korianderblätter und dem Anblick einer knackigen Aubergine zu eigenen Gerichten verführen zu lassen.

Dabei ist klar: Hier wird von alltäglichen, häuslichen Essen gesprochen. Nicht von der Restaurantküche eines Profikochs und deshalb sollte man getrost den eigenen Vorlieben folgen und zu seinen Besonderheiten stehen. Vielen wird nicht bewusst sein, wie beides uns ausgetrieben wurde – durch immer üppigere und exaktere Rezeptbücher seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert. Das sollte den Frauen am Herd zu mehr Ansehen zu verhelfen, merkt die Autorin an.

Dabei ist für Renate Heinzelmann das Kochen nicht nur der unumgängliche und oft stressreiche Akt vor dem leckeren und entspannten Essen. Auch die Minuten am Herd gerinnen zu Lebens- und Genusszeit, wenn wir uns den Raum dafür geben. Macht es Sinn, wegen des fehlenden Ingwers für die Linsensuppen mit asiatischen Touch noch mal auf den Markt zu hetzen und dabei den leckern Rest des Currys vom gestrigen Abend zu übersehen? Ebenso wie gegenüber den Vorräten empfiehlt die Autorin auch sich selbst gegenüber ressourcenbewusst zu sein.

Mit immer neuen Argumenten besteht sie darauf, beim Kochen den eigenen Kopf zu gebrauchen. Was nützt die beste Anleitung, einen Fisch als Carpaccio zu servieren, wenn das Angebot aus dem Supermarkt gar keinen Eigengeschmack mitbringt?

Die Autorin beschreibt ihr inspiriertes Tun in der Küche mit klaren Bildern: Mit einem wohltuenden Hang zum Minimieren sagt uns die Fachfrau, was man wirklich zum Kochen braucht. Auch in ihrem Kleiderschrank läge vor allem funktionale Garderobe, die sie mit einigen netten, teueren, von Reisen mitgebrachte Accessoires verschönt, verrät uns Heinzelmann. Was bei der Kleidung die T-Shirts seien, sind beim Essen Öle, Reis, Salami, Schältomaten und Kokosmilch, Knoblauch, Zwiebeln und getrocknete Steinpilze, Salz. Dazu kommen je nach Stimmung Gewürze – und auf keinen Fall Brühwürfel, Fertigfonds und Semmelbrösel. Auf der Zunge der Köchin sind das Geschmacksverirrungen. Mit diesen Vorräten grillt und brät, dämpft, bäckt und schmort die Küchenfee. In ihrem Buch verzichtet sie auf Grammzahl und Angaben zu den Minuten, in denen der Braten saftig zart oder die Bohnen gar sein sollen. Klar: Sie hat weder Fleisch noch Gemüse vor Augen, kennt nicht meinen Geschmack. Beides zu erkunden, dazu lädt Heinzelmann ein. Das Buch hält allerlei Tipps selbst für erfahrene Köche bereit und endet konsequent mit der Aufforderung: Setze dich selbst mit der ess- und trinkbaren Welt auseinander und akzeptiere nicht still nur von anderen vorgefertigte Kompositionen. Deshalb bietet es kein Register, in dem man von A bis Z noch mal nachlesen kann, wie die kreative Frau ihre Kürbissuppe oder Rinderbrühe zubereitet.

Das Buch ist für Neugierige geschrieben. Jenseits von richtig und falsch fordert uns die Köchin auf, die Zutaten und Zubereitungsarten zu erforschen: Hör welches Lied das Gemüse im Topf singt. Drücke mit dem Finger in den Braten, um zu testen, wie viel Widerstand das Fleisch noch leistet. Rieche das frisch gebackene Bauernbrot. Sieh wie die erdige rote Beete durch Orange und frische Minze Pepp bekommt. Und nicht zuletzt schmecke: Ein Dessert aus frischem Obst mit süßer Guacamole mit Chili, Puderzucker, Limette zur Avocado. Und lasse dich nicht von der Erwartung leiten, das Mahl müsse genau so aussehen, wie im Kochbuch abgebildet. Das kann nur eine Enttäuschung werden.

Statt ganzseitiger farbiger Hochglanzfotos zieren Schnappschüsse der Autorin in schwarz-weiß das Buch: Wieder nur einzelne Zutaten und auch diese Bilder verkünden die Botschaft: Finder heraus, was dir schmeckt und wie du die Möhren und ein Stück Fleisch mit deiner Phantasie verzaubern und genießen möchtest.

Rezensiert von Barbara Leitner

Ursula Heinzelmann: Erlebnis Kochen. Manifest für eine Küche ohne Rezept
Erschienen bei Scherz
Frankfurt am Main 2007
191 Seiten, 18,90 Euro

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