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Lesart | Beitrag vom 12.11.2020

Aisha Sasha JohnLyrik gegen die weiße, männliche Dominanz

Von André Hatting

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Porträt der Lyrikerin Aisha Sasha John. (Poesiefestival Berlin / Yuula Benivolski)
Aisha Sasha John trat dieses Jahr beim Poesiefestival Berlin auf. (Poesiefestival Berlin / Yuula Benivolski)

Die afro-kanadische Dichterin Aisha Sasha John ist wütend. Kein Wunder, wenn man sich die Situation schwarzer Frauen auf der Welt genauer ansieht. Und aus dieser Wut heraus entsteht ungeheuer kräftige Lyrik.

Ihr erstes Gedicht hat sie geschrieben, da war sie acht. Mittlerweile ist Aisha Sasha John 39, hat drei Gedichtbände veröffentlicht und gehört in ihrer Heimat zu den bekanntesten afrokanadischen Stimmen. Ihre Lyrik sei der Versuch einer persönlichen Grundierung in einer Welt, die nach wie vor von weißer männlicher Kultur geprägt ist, sagt John.

"Das, was mich anfangs zur Poesie hingezogen hatte, war, dass es ein Ort für Gefühle ist, für sehr starke Gefühle.", sagt die Dichterin.

"Ich bin eine schwarze Frau in einer von Weißen beherrschten Kultur"

Johns wichtigste literarische Anregung war der afroamerikanische Aktivist und Dichter Amiri Baraka. Baraka hat in den 1970er-Jahren versucht, eine schwarze Ästhetik zu entwickeln. Sie sollte der weißen Kultur des Denkens mit einer schwarzen des Fühlens antworten:

"Klar, ich mein, ich bin eine schwarze Frau in einer von Weißen beherrschten Kultur. Außerdem bin ich mit einem sehr strengen Vater aufgewachsen, in einer Umgebung, in der Gefühle nicht groß beachtet wurden. Deshalb setze ich mich als Erwachsene jetzt umso stärker mit dem Fühlen und den Gefühlen auseinander."

Eine kleine, reduzierte Weltvermessung

Diese Auseinandersetzung geschieht auf vielfältige künstlerische Weise. John ist nicht nur Autorin, sondern auch Tänzerin, Sängerin und Choreografin. In ihrer Lyrik kommt das Gefühl von Unterdrückung nicht als expressionistisches Pathos daher, es ist keine Anklage in Versform. In Aisha Sasha Johns Texten wird vielmehr in ganz kleiner, reduzierter Form die große komplexe Welt vermessen.

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Besonders radikal und dadurch eindrücklich macht sie das in ihren neuesten Gedichten. Sie wirken auf den ersten Blick wie simple Listen, Aufzählungen. Oder Inventuren:

"WIRD RICKY GERVAIS, JERRY SEINFELD UND LOUIS CK DABEI ZUSEHEN WIE SIE CHRIS ROCK IN DIESER SENDUNG IGNORIEREN UND IHM INS WORT FALLEN MICH VERLETZEN?

SCHWEIGSAMKEIT FASTEN
SCHWARZ JA
LAHMARSCH MIT DAUMEN DRAN
WIE WINZIG ZU VIEL IST
TAGESANFANGSMUT
HOLZ HACKEN WASSER TRAGEN WEITERMACHEN
MEINE SOCKEN AN UND GEHE
EWIG UND UNERSCHAFFEN
EINE ABSOLUTE LISTE
EINFACH WIE EINE LISTE VON VERDAMMT ALLEM
NOMEN"

Von der Straße aufs Papier

Dieses Gedicht listet gesammelte Alltagserfahrungen auf. Es beginnt mit Alltagsrassismus. Die weißen US-Stars Ricky Gervais, Jerry Seinfeld und Louis CK ignorieren den einzigen Schwarzen Kollegen, Chris Rock, in einer Talkshow. Das lyrische Ich fragt: Verletzt mich das? Dann folgen elliptische Verse, Versatzstücke, Fundstücke. Nur scheinbar zufällig angeordnet. Aisha John sagt, sie schreibe zunächst rein intuitiv, nach einer ihr verborgenen Logik. Die begreife sie selbst erst später. Ihre deutsche Übersetzerin Maren Kames beschreibt diese Technik so:

"Aisha hat, 'Parlando' ist so ein affiges Wort. Aber es wirkt zumindest im Endergebnis wie von der Straße aus dem Mund raus abgeschrieben und aufgeschrieben. Und es überschreitet in dem Falle auch so eine vermeintlich erwartete Lyrikhaftigkeit."

"EINE ABSOLUTE LISTE
EINFACH WIE EINE LISTE VON VERDAMMT ALLEM
NOMEN" 

Die Nomen als Wegweiser und Haltegriffe einer schwarzen feministischen Künstlerin in Toronto, die sich ihren persönlichen Zugang zur Welt schreibend erkämpft.

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