Dienstag, 16.10.2018
 

Im Gespräch | Beitrag vom 28.09.2018

Agnes von Helmolt Selbstfindung im Wüstensand

Moderation: Gisela Steinhauer

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Agnes von Helmolt (Max Kronawitter)
Mehrmals im Jahr reist die 67-Jährige nach Marokko und Tunesien. (Max Kronawitter)

Ohne Handy, ohne Pass, ohne Geld – mehrmals im Jahr zieht Agnes von Helmolt mit einer Karawane durch die Sahara. Doch die Teilnehmer ihrer Wüstenreisen suchen nicht das Abenteuer, sondern die Auseinandersetzung mit sich selbst.

"Ich bin mit dem Begriff Wüste aufgewachsen", sagt Agnes von Helmolt. Allerdings handelte es sich bei der Wüste ihrer Kindheit nicht um lebensfeindliches Terrain, sondern um ein Stück Weideland ihrer Eltern in der Nähe von Münster, das den gleichen Namen trug.

"Da war ganz klar für mich, die Wüste ist eben kein leerer, toter Ort, sondern einer, der sehr fruchtbar ist. Von daher hat mich das Wort Wüste nie geschreckt."

Mit Ende 30 in die Wüste

Auch wenn die Sahara oder die Namibwüste sich sicherlich nicht mit der westfälischen Landschaft vergleichen lassen, war es vielleicht jene frühe, positive Wüstenerfahrung, die dazu geführt hat, dass Agnes von Helmolt mit Ende 30 und in einer schwierigen Lebensphase genau dorthin wollte: in die Wüste. Kurz nach ihrer ersten Reise in die Sahara beschloss die heute 67-Jährige, die Erfahrungen im Wüstensand mit anderen zu teilen. Heute reist sie mehrmals im Jahr nach Marokko und Tunesien und zieht mit einer Karawane aus Suchenden, ortskundigen Guides und Kamelen durch die Sahara.

"Diese große Einladung der Sandwüste, sich einfach der Natur hinzugeben und dort einfach zu sein, das ist etwas, was einen sehr öffnenden Charakter hat und offenbar viele Dinge, die aus Balance geraten sind in unserem Alltagsleben, wieder ein Stück richtet. Und diese Öffnung führt natürlich dazu, dass Gefühle für Verbundenheit und Dankbarkeit ganz stark ins Zentrum treten."

Mittlerweile hat die Sonderpädagogin und Körpertherapeutin mehr als 50 solcher Reisen begleitet. Bei den äußeren Umständen und der Logistik hinter den Reisen stelle sich selbstverständlich eine Routine ein. Aber für die Auseinandersetzung mit sich selbst und dem eigenen Leben zieht sie aus den Wanderungen bis heute immer noch neue Schlüsse.

Erfahrungen, die sich auch im Alltag zu Hause auswirken

"Ich glaube, dass die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich, mit dem Ego, nicht immer ganz einfach ist, weil damit manchmal auch Enttäuschungen verbunden sind: Wenn wir merken, dass unser Selbstbild ins Wanken gerät oder wenn die Selbsterkenntnis kommt, wir vielleicht auf irgendwelche Schattenseiten blicken müssen. Da bietet mir die Wüste bis heute in jeder Karawane eine ganz private Lektion für mich."

Die Erfahrung mit dem einfachen Leben, stundenlangem Gehen in der Kargheit der Landschaft, auf sich selbst zurückgeworfen zu sein, die Gemeinschaft mit anderen, das Zusammenleben mit den Kamelen – all das wirke sich auch auf den Alltag zuhause aus. Und auch vor Ort selbst. Mit ehemaligen Mitreisenden hat Agnes von Helmolt das Projekt "Palmen für Marokko" ins Leben gerufen, bei dem in den nächsten Jahren ein zehn Hektar großes Gebiet mit Palmen bepflanzt werden soll.

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