Seit 12:00 Uhr Nachrichten
Montag, 18.01.2021
 
Seit 12:00 Uhr Nachrichten

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.02.2012

Agenten des Teufels in Freising

Rainer Beck: "Mäuselmacher oder die Imagination des Bösen. Ein Hexenprozess 1715-1723", C. H. Beck

Von Hans-Jörg Modlmayr

Podcast abonnieren
Vor 300 Jahren fürchtete die Freisinger Inquisition den Teufel in den Mauern ihrer Stadt (Stock.XCHNG / George Crux)
Vor 300 Jahren fürchtete die Freisinger Inquisition den Teufel in den Mauern ihrer Stadt (Stock.XCHNG / George Crux)

In einem Klima der Hysterie und Denunziation wurden Kinder verhört, gefoltert und hingerichtet - sie waren angeblich mit dem Teufel im Bund. Den "Hexenbubenprozess" von Freising vor knapp 300 Jahren stellt Rainer Beck in einer Feinanalyse dar.

Im Jahr 1715 waren die Mitglieder des Freisinger Inquisitionsgerichts felsenfest davon überzeugt, dass der Teufel ihr Gemeinwesen aktiv bedrohte. Motor ihrer "Wahrheitssuche" war ihr bis zum Prozessabschluss 1723 nie in Zweifel gezogener Glaube, der Teufel habe mit ausgefeimten Tricks Freisinger Kinder dazu gebracht, sich mit ihm zu verbünden. In juristisch-theologisch abstruser Weise ermittelte das Inquisitionsgericht gegen Kinder, die in monatelanger Einzelhaft und durch zermürbende Verhörmethoden, gegebenenfalls auch durch Folter, dazu gebracht wurden, absonderlich-wahnwitzige "Verbrechen" zu Protokoll zu geben.

Durch Denunziationen gerieten im Laufe des langjährigen Prozessgeschehens immer mehr Kinder und Jugendliche – und schließlich auch einige Erwachsene – in das Räderwerk der gnadenlos arbeitenden Inquisitionsjustiz. Wie in einem nicht enden wollenden Albtraum fräst sich diese irrational programmierte Gerichtsmaschinerie in einen sowohl vom Gericht selbst als auch von den Angeklagten imaginierten Kosmos des Reichs des Bösen, das dabei war, das Ordnungssystem der Bischofs- und Residenzstadt Freising in seinen Grundfesten zu zerstören. Da es sich zunächst bei den Beschuldigten ausschließlich um Unterschichtskinder handelte, rührte sich lange Zeit vor Ort kein dokumentierter Widerstand gegen das monströse juristische Procedere, das Kinder ermordete, die angeblich überführt worden waren, Agenten des Teufels geworden zu sein.

Gegen Ende des Prozesses geriet die Strategie des Gerichts allerdings ins Wanken, weil das Klima der Hysterie und der ausufernden Denunziation jetzt auch Familien des Bürgertums in den Abgrund zu ziehen drohte. Die letzten des Teufelspakts Beschuldigten wurden daher nicht mehr ermordet, sondern mit der Auflage aus ihrem Kerker entlassen, sich nie mehr in Freising blicken zu lassen. Eine der Funktionen dieses Hexenprozesses war es ganz offensichtlich gewesen, die als zunehmend bedrohlich empfundene soziale Gemengelage in der Stadt durch die Signalwirkungen von Psychoterror, Folter und Hinrichtungen in den Griff zu bekommen.

Genau ein Jahr nach dem Abschluss dieses in der Justizgeschichte einzigartigen Prozesses zelebrierte das Erzbistum Freising am 1. Oktober 1724 mit barock ausuferndem weltlichen und kirchlichen Pomp sein tausendjähriges Bestehen.

Der Konstanzer Historiker Rainer Beck beschließt seine 900 Textseiten lange wissenschaftliche Aufarbeitung des Freisinger Hexenbubenprozesses von 1715-23 mit der wie ein Hohn auf die Prozessopfer wirkenden Beschreibung der Inszenierung der Jubiläumsfeierlichkeiten, die ganz offensichtlich die Funktion hatten, in aller Öffentlichkeit zu manifestieren, dass durch den erfolgreichen juristischen Kampf gegen das Böse in Freising die soziale und religiöse Ordnung wieder fest im Gemeinwesen verankert worden sei.

Becks Buch versetzt die Leser in die Lage, sich plastisch vorzustellen, in welchem soziokulturellen Milieu der Freisinger Prozess geführt wurde. Dieses Milieu war getränkt von den propagandistischen theologischen und juristischen Schriften und Predigten der in Bayern herrschenden Gegenreformation. Das Wissen um diesen Kontext hilft zu verstehen, wie das Gericht arbeitete. Für die Führungselite dieser Gesellschaft bestand so gut wie kein Zweifel daran, dass sich Kinder ihrer Stadt mit dem Teufel verschworen hatten. Beck zeigt, wie sich die Kinder durch endlose Suggestivfragen immer tiefer in den Erwartungssumpf des Gerichts ziehen ließen. Dadurch, dass Beck ihre "Geständnisse" unter die Lupe nimmt, wird klar, wie sich sowohl die Ankläger als auch die Angeklagten immer mehr von der rational fassbaren Wirklichkeit verabschiedeten.

Es war ein Hexenprozess in den Zeiten der beginnenden Aufklärung. Aber 300 Jahre später erweisen sich manche Verhaltensmuster, die Beck durch seine Feinanalyse behutsam aus dem Quellenmaterial herauspräpariert, keineswegs als mittelalterlich, überholt, vormodern, sondern bei genauem Hinsehen noch als beklemmend aktuell.

Rainer Beck: Mäuselmacher oder die Imagination des Bösen. Ein Hexenprozess 1715-1723
C. H. Beck, München 2012
1008 Seiten, 49,95 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur