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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 07.02.2017

"Agent Orange" im VietnamkriegDer größte Chemie-Angriff der Geschichte

Von Otto Langels

US-Flugzeuge versprühen während des Vietnamkriegs das "Entlaubungsmittel" Agent Orange. Es enthält Dioxin und ist verseucht bis heute die Böden in Vietnam. (imago/United Archives International)
US-Flugzeuge versprühen während des Vietnamkriegs das "Entlaubungsmittel" Agent Orange. (imago/United Archives International)

Im Krieg gegen die Vietcong versprühte die US-Luftwaffe jahrelang tonnenweise Entlaubungsmittel über Vietnam. Doch es enthielt hochgiftiges Dioxin und hatte verheerende Folgen – bis heute. Vor 50 Jahren begann der flächendeckende Einsatz von "Agent Orange".

Seit 1961 versprühte die amerikanische Luftwaffe auf Anordnung von Präsident John F. Kennedy Pflanzenvernichtungsmittel über Südvietnam, um den Dschungel zu entlauben und Reisfelder zu zerstören. Damit wollten die US-Militärs dem Kriegsgegner, der kommunistischen Guerillaorganisation Vietcong, die Deckung nehmen und die Nahrungsgrundlage entziehen. Unter der zynischen Bezeichnung "Ranch Hand", "Erntehelfer", testete die US-Armee 1965 erstmals das Mittel "Agent Orange", benannt nach der orangefarbenen Markierung der Fässer. Am 7. Februar 1967 begann der flächendeckende Einsatz von "Agent Orange".

"Ich behandelte Patienten im Dschungel, als das Mittel von Flugzeugen versprüht wurde", berichtete Jahre später der Mediziner Le Chao Dai, einer der führenden "Agent-Orange"-Forscher Vietnams.

Hochgiftiges Dioxin TCDD

"Die Blätter fielen von den Bäumen ab, und es gab eine ungewöhnlich starke Zunahme bei den Krankheiten. Es gab eine hohe Zahl von Malariakranken in den folgenden Tagen. Das Immunsystem war erheblich geschwächt, …, junge Soldaten bekamen Leberkrebs und starben, und es gab eine ungewöhnlich hohe Zahl von Fehlgeburten."

Wie sich später herausstellte, enthielt "Agent Orange" das hochgiftige Dioxin TCDD. Bis 1971 flogen amerikanische Flugzeuge und Helikopter über 6.000 Einsätze, US-Veteranen sprachen später vom "größten chemischen Kriegsangriff der Weltgeschichte".

"Oh the army tried some fancy stuff,
to bring them to their knees.
Like Agent Orange defoliant,
to kill the brush and trees.”

Von Giftwolken über den Dschungelpfaden sang der amerikanische Musiker Country Joe McDonald in seinem "Agent Orange Song".

Verheerende Folgen

Über 70 Millionen Liter Herbizide versprühte die US-Luftwaffe, darunter allein 45 Millionen Liter "Agent Orange" mit mehreren hundert Kilogramm Dioxin, die ein Siebtel der Gesamtfläche Vietnams langfristig kontaminierten. Die Folgen waren verheerend, denn Dioxin schädigt das Erbgut über Generationen und führt zu Missbildungen.

"Die Kinder werden nicht normal geboren. Einmal hatten wir ein Kind mit einem Kopf wie ein Hund. Ein andermal eines mit Hörnern wie ein Wasserbüffel. Manche kommen mit zwei Köpfen zur Welt. Diese Kinder überleben meistens nicht länger als 48 Stunden."

Erklärt Nguyen Viet Hoan von der Agent Orange Association Vietnam. Wer überlebt, benötigt intensive Pflege. 150.000 Kinder sind seit dem Krieg mit schweren Behinderungen zur Welt gekommen, drei Millionen Menschen leiden unter den Spätfolgen des Gifts.

USA bestreiten Zusammenhang

Der Mediziner Le Chao Dai: "Im Allgemeinen haben danach die Krebskrankheiten erheblich zugenommen, auch die Zahl der Stoffwechselstörungen nahm stark zu. Es gibt viele Fälle von Herzkollaps oder von Diabetes. Und es gibt. die Missbildungen bei Kindern bis heute; von Hautkrankheiten und Gliederlosigkeit bis hin zu Wasserköpfen, Klumpfüßen und Entenzehen."

Die USA bestreiten nach wie vor einen direkten Zusammenhang zwischen "Agent Orange" und den Erkrankungen, obwohl medizinische Studien das Gegenteil belegen. Die Regierung lehnt jede Verantwortung für die vietnamesischen Opfer ab, hat aber gleichzeitig Milliardenbeträge an US-Kriegsveteranen für "gesundheitliche Beeinträchtigungen" gezahlt.

Immerhin finanzieren die USA in Vietnam einige Projekte zur Dekontaminierung dioxinverseuchter Böden, sehen darin aber kein Eingeständnis einer Schuld. Auch fördern sie Programme für Behinderte, doch nur wenige Betroffene profitierten davon, klagt Nguyen Viet Hoan. Die "Agent Orange"-Opfer fühlten sich allein gelassen.

"Im Moment bekommt jedes Opfer etwa 20 US-Dollar monatlich. Es reicht nicht, um Essen zu kaufen oder ausreichend Kleidung. Ich kann ihnen versichern, die Opfer von Agent Orange sind die ärmsten Menschen in unserem Land."

 

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