Donnerstag, 18.10.2018
 

Tonart | Beitrag vom 10.08.2016

Afro-Metal auf Kampnagel"Wir reden über Geister und Hexerei"

Von Sven Barske

Dawg Thrust, Gitarrist der Death Metal Band Overthrust (picture alliance / dpa)
Dawg Thrust, Gitarrist der Death Metal Band Overthrust aus Botswana, steht auf der Bühne des Wacken Open Air (picture alliance / dpa)

Grusel-Outfits, kreischende Gitarren und düstere Texte: Das war lange Zeit die Domäne weißer Metal-Musiker mit flusigen langen Haaren. Längst aber sind die modernen Musikstile globalisiert - und auch in Botswana gibt es eine rührige Death-Metal-Szene.

Musiker verschiedenster Stile in ganz Afrika stehen im engen Austausch mit ihren Kollegen in Europa und den USA. Dass ihre Musik nicht "exotisch und aufregend anders" ist, sondern auf Augenhöhe mitspielt, will das Internationale Sommerfestival in der Kulturfabrik Kampnagel in Hamburg zeigen.

In seiner dreiteiligen Konzertreihe In/Audible Sounds stellt das Sommerfestival Bands aus Afrika vor. Die Reihe beginnt am Freitag, den 12. August um 22 Uhr mit einem Konzert des südafrikanischen Clubmusikers Portable. Er trifft auf die Berlinerin Kyoka. Und die Death-Metal-Cowboys Overthrust aus Botswana treffen am Mittwoch, den 17. August auf das Kölner Black Metal-Ungetüm Ultha.


Manuskript zum Beitrag:

Europa? Asien? Afrika oder Nordamerika? Am Sound lässt sich wohl kaum ausmachen, dass der Electro-Soul des DJs und Sängers Portable in Südafrika entsteht. Genau solche international klingenden Musiker will die Konzertreihe In/Audible Sounds vorstellen. Es gehe eben gerade nicht um typische afrikanische Musikstile, erklärt Junior-Kurator Marcel Bisevic.

"Das ist vielleicht auch so ein postkoloniales Motiv: dass man verborgene Schätze aus Afrika – Soundschätze aus einem unbekannten Kontinent – hebt und sie dann hier in der Öffentlichkeit präsentiert. Ich hab das Gefühl, dass da oft auch Klischees reproduziert werden. Und uns geht es darum, damit zu brechen."

Der Clubmusiker Portable springt bei In/Audible Sounds für seinen erkrankten äthiopischen Kollegen Mikael Seifu ein.

Außerdem zeigt die Konzertreihe den ebenfalls aus Südafrika stammenden Okmalumkoolkat. Er bastelt futuristische Beats, zu denen er nicht nur auf Englisch rapt, sondern auch auf Zulu und Afrikaans.

Entschieden brutaler klingen Overthrust aus Botswana. Sie sind Death Metaler alter Schule. Und das sieht man ihnen auch an, wenn man nicht gleich vor Angst die Augen zukneift: Ihre Lederklamotten starren vor Stachelnieten, und unter ihren schwarzen Cowboyhüten tragen sie Piratenkopftücher. Sehr, sehr böse sieht das aus, irgendwo zwischen postapokalyptischem Krieger und Galgenvogel aus dem Spaghettiwestern. In Botswana jubeln ihnen Metal-Fans zu, wenn sie in diesem Outfit auf die Straße gehen. Trotzdem lassen sie die Bösewicht-Show meistens weg, erzählt Bassist und Sänger Tshomarelo Mosaka.

"In unserer Gegend würdest du mit dieser Kleidung keine Freundin bekommen. Die würden sagen: Ich mag dich, aber nicht, wenn du das da anhast. Das werden die Ladys wohl nie verstehen. Aber wir haben auch nicht immer diese Sachen an. Meistens sehen wir ganz normal aus."

Die Regierung von Botswana unterstützt die Musiker

Noch vor fünf Jahren war die Metal-Szene in Botswana ein reines Subkulturding. Mittlerweile unterstützt selbst die Regierung die Musiker. Jährlich organisiert die Band das lokale Metal-Festival "Overthrust Winter Mania". Die Eröffnungsrede hält der Bürgermeister.

"In Botswana bekommen wir viel Unterstützung, vor allem aus der Metal-Szene. Unser Problem sind die religiösen Leute. Manche von denen denken, Metal-Musik würde sich gegen das richten, was sie predigen. Und das nehmen sie persönlich. Und dann sagen sie, Metal-Fans wären Satanisten."

Das Vorurteil mit der Teufelsanbeterei hält sich quer durch die Bevölkerung. Was auch mit den T-Shirts der Metal-Fans zu tun hat, auf denen gern mal lebende Leichen zu sehen sind. Die sind aber als Warnung an die Menschen gemeint, erklärt Mosaka.

"Unsere Musik drückt das Leben aus, das die Leute heute leben. Und das einfach total gefährlich ist. Eine Lebensweise, die zum Tod führt. Wir sprechen über Leben und Tod. Und manchmal wird’s etwas morbide."

Überhaupt rühren die Texte der Metal-Band an Themen, die viele Leute in Botswana unruhig werden lassen.

"Wir sprechen über Geister. Viele Leute haben Angst, über Geister zu sprechen. Sie denken, die gäbe es nicht. Aber ich habe selbst einen gesehen. Wir reden auch über Hexerei. Eine Sache, an die viele in unseren Communitys früher geglaubt haben. Aber mit der modernen Entwicklung verschwindet das allmählich. Wir reden einfach über Sachen, die unterirdisch weiter bestehen."

Overthrust singen also über Hexerei, weil sie daran glauben. Wobei "glauben" nicht das richtige Wort ist, betont Shalton Monnawadikgang. Er ist der Gitarrist der Band.

"Es ist genau genommen keine Frage des Glaubens. Wir wissen von klein auf, dass es das gibt. Bei uns gehört das einfach zur Tradition: Wir wachsen auf im Wissen, dass es Hexerei gibt, und Geister und traditionelle Heiler."

Vielen Menschen in Botswana geht das so. Und trotzdem wollen sie nicht, dass die Band darüber singt.

"Für einige ethnische Gruppen ist das eine Art Tabu: 'Du solltest das nicht aussprechen!' Wir in der Band finden, wir müssen das herausschreien. Wir müssen diese Dinge sagen. Als eine Art Bildungsauftrag, um die Leute wissen zu lassen, dass es so was gibt."

Onkel spielten ihnen Kassetten von Iron Maiden vor

Dem Metal sind sie verfallen, als ihre Onkel ihnen in den späten 90er Jahren Kassetten von Bands wie Iron Maiden vorgespielt haben. Heute tauschen sie sich übers Internet mit anderen Metal-Fans weltweit aus. Diese Musik, sagen sie, ist universell. Trotzdem sieht Frontmann  Tshomarelo Mosaka Parallelen zwischen Death Metal und der traditionellen Musik von Botswana.

Rock’n’Roll klingt in verschiedenen Kulturen wie deren traditionelle Musik. Bei uns zum Beispiel gilt das für die traditionelle Musik von gleich mehreren Stämmen. Manchmal werden dort die traditionellen Trommeln so gehämmert wie eine moderne Doppel-Bassdrum im Death Metal. (Gibt Beispiel) In anderen Stämmen werden sie wiederum anders gespielt. (Gibt Beispiel) Also auf genau derselben Linie.

Ihre Musik, sagen die Mitglieder von Overthrust, klingt genau, wie Death Metal früher klang. Und drückt exakt das aus, was sie und Tausende Metal-Fans rund um die Welt empfinden.

Mehr zum Thema

Wacken Open Air - Ein Rentner unter Heavy-Metal-Fans
(Deutschlandradio Kultur, Die Reportage, 31.07.2016)

Cross-modale Wahrnehmung - Warum Heavy Metal nach Fisch stinkt - oder auch nicht
(Deutschlandradio Kultur, Tonart, 26.04.2016)

Heavy Metal in Ägypten - "Satansanbeter" mit Zahnspange und Kopftuch
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 09.03.2016)

Heavy Metal in Jordanien - Es müssen Satanisten sein
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 22.02.2016)

Eagles of Death Metal in Paris - Ein Konzert als Heilung
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 17.02.2016)

Florian Werner liest Musik - "Save a Prayer" von Eagles of Death Metal
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 26.11.2015)

Tonart

Remix-KulturWenn Remixe besser als das Original sind
Die US-amerikanische R&B Sängerin Kelela. (imago / ZUMA Press)

Der Remix gehört seit den 70er-Jahren fest zur Popmusik dazu. Doch statt einzelner Remix-Singles geht der Trend zu ganzen Remix-Alben, wie das von Kelela. Was das Original ist, lässt sich oft nicht mehr erkennen, sagt der Musikjournalist Jens Balzer.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur