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Tonart | Beitrag vom 26.05.2016

Afrikanische Musiker in ParisKlein Senegal unterm Eiffelturm

Von Martina Zimmermann

Die aus dem Senegal stammende Sängerin Julia Sarr (AFP / Stephane de Sakutin)
Die aus dem Senegal stammende Sängerin Julia Sarr (AFP / Stephane de Sakutin)

Youssou Ndour ist der bekannteste Künstler des Senegal und hat das afrikanische Land auf die musikalische Weltkarte gesetzt. Doch es gibt noch viel mehr musikalische Talente aus dem Senegal. Die meisten leben in Paris.

In der Musik von Elydia klingt sein Heimatland Senegal, mit atmosphärischen Aufnahmen und religiösen Beschwörungen, mit den Rhythmen der verschiedenen Völker Senegals, Mandingotradition, Klängen der Serer, Lebou oder Peul.

Der Sänger und Kora-Spieler aus Dakar singt auch auf Französisch, meist aber in verschiedenen Dialekten der Landessprache Wolof. Bekannt wurde er als ein Instrumentist, der gleichzeitig zwei Saiteninstrumente spielt.

Seine Kora hat er inzwischen selbst so umgebaut, dass er ihr die Klänge mehrerer Instrumente entlocken kann. Die Kora, eine mit Saiten und Tierhaut bespannte Kalebasse, wird traditionell von den Mandingos der Musikerkaste gespielt, den sogenannten Griots.

Elydia ist weder Mandingo noch Griot und auch damit eine Ausnahme:

"In der Schule lernten wir Französisch mit dem Radio. Die Erstklässler hatten ein Radio in der Klasse und um eine bestimmte Zeit kam ihre Lektion, danach waren die Zweitklässler an die Reihe... Und dazwischen kamen Klänge, auf die ich mehr hörte, als auf die Lektion: Sie haben mich verzaubert. Es war die Kora."

El Hadj Dia – so heißt Elydia mit bürgerlichem Namen - lernte in Dakar bei einem Kora-Meister und brachte es zu einer gewissen Berühmtheit, als Youssou Ndour ein Solidaritätskonzert in seiner Schule gab:

"Jedes Gymnasium musste eine Show vorbereiten. In unserer Schule war die Theatergruppe nicht fertig und da rief man mich ins Rektorat. Ich hatte zuerst Angst, etwas ausgefressen zu haben, aber der Direktor sagte, du wirst spielen. Ich sagte, ich kann nur zwei Stücke, der Direktor meinte, das reicht. Als ich dann gespielt habe, hatte ich Gott sei Dank Erfolg: Das Publikum applaudierte, Youssou Ndour beglückwünschte mich und am nächsten Tag kam ich in die Zeitung."

Konzerte vor Nelson Mandela und dem Papst

Das war 1989. Später sang Elydia, als Nelson Mandela den Senegal besuchte und auch als Papst Johannes Paul II. nach Dakar kam. Seit 2003 lebt der Senegalese mit den langen Rastalocken in der Nähe von Paris. In Frankreich kann er besser von seiner Kunst leben, er tritt auf Festivals auf und hat auch ein Diplom als Leiter für kulturelle Projekte bestanden, kann seine Kora-Kunst in staatlichen Kultureinrichtungen vorführen.

Einer seiner Songs landete auf einem Kora-Sampler, neben Liedern von Star Salif Keita. Die Nachfrage nach seiner spirituellen Musik wird auch in Dakar immer größer, so dass er immer mehr pendelt zwischen Frankreich und seiner Heimat.

Auch Teejaany lebt in Frankreich, er hat sich vor einem guten Jahr mit seiner französischen Lebensgefährtin in der Nähe von Nantes niedergelassen. Bis dahin begeisterte der Sänger seine Fans in den Pianobars und Clubs im Senegal und in der Elfenbeinküste. In Abidjan produzierte er sein erstes Album.

Cheikh Tidiane Ndiaye – so sein bürgerlicher Name – arbeitet nun am Nachfolgealbum: Über die Kiss Kiss Bank, dank Crowdfunding, hatte er in 45 Tagen die nötige Summe unter seinen Fans gesammelt. Der Rasta singt sanfte Lieder: Mucho Amor heißt eins, das im Internet sehr erfolgreich war. Ein romantischer Stil wie der von Teejaany ist auch in Afrika zunehmend gefragt.

"Auch wenn es in 'Mucho Amor' um die Liebe zwischen Mann und Frau geht und man dazu tanzen kann - Meine Botschaft ist: Wir brauchen mehr Liebe, mehr Toleranz, wir müssen den anderen besser kennenlernen, um gemeinsam voranzukommen. Es gibt zu viele Kriege, zu viel Unverständnis, die Leute haben Angst voreinander. Meine musikalische Liebe betrifft also nicht nur die Beziehung zwischen Menschen, sondern ist auch spirituell und vereint alle Völker und Rassen."

Spiritualität ist wichtig

Spiritualität ist im Senegal überall zu spüren. Das Land ist zu 95 Prozent muslimisch, seine Bruderschaften sind bekannt für ihre Toleranz, auch gegenüber der christlichen Minderheit. Für Julia Sarr, eine in Dakar geborene Sängerin, ist der Glaube sehr wichtig:

"Ich glaube an die Kreation, an Gott, an den Menschen, an das Talent, an die schönen Dinge des Lebens. Nicht dass ich mich nicht für die Misere interessiere. Im Gegenteil, ich sage mir, Gott muss existieren, es kann nicht nur Misere und Teuflisches geben und Korruption. Unsere Zeit ist hart. Ich sage mir, tue was du auf deiner Ebene machen kannst, bescheiden und mit deiner Musik. Auch in meinem Leben, meinem Alltag teile ich mit den Leuten die mir begegnen, nicht nur auf der Bühne. Das ist meine Art auf unsere Zeit zu reagieren."

Julia Sarr lebt seit über 25 Jahren in Paris, wo ihre Eltern als Diplomaten wohnten. Sie ist eine sehr gefragte Backgroundsängerin. Das Literaturstudium an der Sorbonne hat sie abgebrochen, als sie im Studio mehr verdiente als mit einem Monat Babysitten.

Die Liste der Berühmtheiten, mit denen sie gearbeitet hat, reicht von Youssou NDour über Salif Keita und Oumou Sangaré bis hin zu Jean-Jacques Goldman oder Julio Iglesias! Julia Sarr singt mit Pariser Rappern oder mit Stimmwunder Lokua Kanza, mit dem sie zwölf Jahre lang gemeinsam auftrat.

Die Poesie des Wolof 

In ihrer eigenen Musik spielt sie mit Jazz-Improvisationen oder reist in die swingende Welt des Afrojazz. Aber die Basis sei in Senegal, meint Julia Sarr. Auch sie singt auf Wolof:

"Diese Sprache ist wunderbar reich, sie hat oft einen Doppelsinn. Es gibt Poeten und eine Poesie auf Wolof. Das ist kein Dialekt, sondern eine schöne Sprache. Sie ist musikalisch. Du hast Worte mit einer Rhythmik. Das ist als ob du mit der Sprache Percussion machst."

Bescheiden wie sie ist, empfiehlt die bezaubernde Julia Sarr gleich eine ganze Handvoll weiterer senegalesischer Künstlerinnen und Künstler, die in Dakar und Paris Furore machen. Stimmt: So viele talentierte Musiker pro Quadratkilometer wie in Senegal gibt es nirgendwo sonst.

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