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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 18.08.2016

Afrika ohne AntiserumKein Gegengift bei Schlangenbissen

Von Volkart Wildermuth

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Puffotter (Imago / McPhoto)
Die Puffotter in Afrika ist äußerst giftig: Zwischen fünf und zehn Millionen Menschen auf dem Kontinent kämpfen jedes Jahr mit den Folgen eines giftigen Schlangenbisses. (Imago / McPhoto)

Bis zu zehn Millionen Menschen kämpfen jährlich mit den Folgen eines Schlangenbisses. Und das, obwohl es Gegengifte gibt - theoretisch. Die Produktion des wichtigsten Antiserums für Afrika wurde eingestellt. Ärzte ohne Grenzen schlägt Alarm.

Eine Puffotter droht in Kenia. Jede Minute wird irgendwo auf der Welt ein Mensch von einer Giftschlange gebissen. Es sind die ärmsten der Armen, Frauen, die auf den Feldern arbeiten, Kinder, die im Busch spielen, Männer die am Ufer fischen. Ihr Überleben hängt davon ab, wie schnell Hilfe erreichbar ist.

"Die Menschen, die in die Gesundheitsstationen von Ärzte ohne Grenzen kommen, haben geschwollen Gliedmaßen, offene Wunden, häufig ist das mit Fieber verbunden und das Schlangengift, das zersetzt im Lauf der Zeit Haut und Knochen. Wenn die Patientinnen und Patienten zu spät in unsere Gesundheitsstationen kommen, müssen häufig sogar Amputationen durchgeführt werden, damit sich das Gift nicht weiter im Körper verbreitet."

Viele Antiseren wirken nur gegen eine Schlangenart

Marco Alves koordiniert die Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen. Und die Medikamente, die Gegengifte sind gerade im Afrika südlich der Sahara ein Problem. Es gibt viele Giftschlagen und die meisten Antiseren wirken jeweils nur gegen eine bestimmte Art. Manchmal bringen die Patienten deshalb die tote Schlage gleich mit zur Gesundheitsstation, damit geklärt werden kann, welches Gegengift das jeweils richtige ist.

Ansonsten haben die Ärzte gerne das Antiserum Fav-Afrique des Pharmakonzerns Sanofi Pasteur eingesetzt, denn seine Wirkung beschränkt sich nicht auf das Gift einer einzelnen Schlangenart.

"Es ist effektiv gegen die zehn am meisten verbreiteten und giftigsten Schalgenbisse in Subsahara Afrika. Das ist der große Vorteil von Fav Afrique und es ist das einzige wirkliche Gegengift, von dem wir heute wissen, das einfach wirksam und sicher ist."

Schlangengifte enthalten eine Mischung von Wirkstoffen, manche blockieren Nerven, andere zersetzen das Gewebe oder führen zu massiven Entzündungsreaktionen. Hier effektive Gegengifte herzustellen ist aufwendig.

Billige, aber nicht wirksame Konkurrenzprodukte

Bei Sanofi Pasteur werden für Fav-Afrique zehn gefährliche Schlangenarten gezüchtet, darunter Puffottern, Vipern, Kobras und Mambas. Ihr Gift wird regelmäßig gemolken und in kleiner Mengen in Pferde gespritzt. Aus deren Blut lassen sich dann Antikörper isolieren, die die Gifte neutralisieren können. Ein aufwendiger Prozess, sodass Fav-Afrique ein vergleichsweise teures Medikament ist. Oder besser gesagt war. 2010 hat Sanofi Pasteur die Produktion eingestellt. Die Pressestelle des Unternehmens erklärt das so:

"Die Länder Afrikas kaufen die Gegengifte bei anderen Herstellern. Seit 2006 haben sich Konkurrenzprodukte verbreitet, bei deren niedrige Produktionskosten Sanofi-Pasteur nicht mithalten konnten. Sie haben und nach und nach Fav-Afrique ersetzt, sodass die Nachfrage auf ein Sechstel sank."

Die Produktion war nicht mehr wirtschaftlich. Kein Problem sollte man meinen, schließlich gibt es preisgünstige Konkurrenzprodukte aus Indien oder Lateinamerika. Doch Gegengifte, die für Schlagen auf einem Kontinent entwickelt wurden, lassen sich nicht so ohne weitere auf einem anderen Kontinent einsetzen, erläutert Micha Nübling, bei der Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen zuständig für Blutprodukte und damit auch für Antiseren.

WHO bewertet Gegengifte in Afrika

"Das Problem ist zum Beispiel, wenn ein indischer Hersteller gegen dieselbe Schlangenart aus Indien ein Gegengift herstellt, ein Antiserum herstellte, dass dieses Mittel nicht in Afrika wirksam sein muss gegen dieselben Schlangenarten. Weil oft die Ernährungsgewohnheiten von den Schlange und andere ökologischen Belange eine Rolle spielen bei der Zusammensetzung des Giftes."

Für den Export bestimmte Antiseren unterliegen in den Produktionsstandorten keiner Regulierung und die Länder Afrikas verfügen über keine Prüfkapazitäten für die Qualität der Seren - und so wird oft der Preis zum entscheidenden Faktor. Deshalb hat jetzt die Weltgesundheitsorganisation begonnen, die Produkte auf dem afrikanischen Markt zu bewerten.

"Das Verfahren ist noch nicht ganz abgeschlossen, aber auch hier zeigt sich schon, dass sich die Spreu vom Weizen trennen lässt. Also, es gibt Produkte, die relativ unwirksam sind, und Produkte, die wirksam sind, und dieses Wissen muss auch genutzt werden, um die entsprechenden wirksamen Produkte zu unterstützen und verfügbar zu machen."

Ärzte ohne Grenzen unterstützt diesen Prozess demnächst auch finanziell, um den Schlangenbissopfern in Afrika eine wirksame Behandlung bieten zu können. Fehlt die, dauert es nicht lange, bis sich die Menschen von den Gesundheitszentren abwenden und zu traditionellen Heileren gehen. Die sind billig, können gegen Gifte aber wenig ausrichten.

Schlangenbisse - eine vernachlässigte "Krankheiten"

Auf Drängen von Ärzte ohne Grenzen hat Sanofi Pasteur auch damit begonnen, nach Firmen zu suchen, die die Technologie zur Produktion von Fav-Afrique weiternutzen wollen. Die Verhandlungen laufen. Wegen des aufwendigen Produktionsverfahrens  kann das Antiserum aber frühestens in zwei Jahren wieder zur Verfügung stehen. Langfristig, sagt Marco Alves, müsste auch in Afrika eine eigene Produktion von Antiseren aufgebaut werden, so wie sie in Indien oder Lateinamerika existiert.

"In Lateinamerika gibt es eine größere Aufmerksamkeit für das Thema. Die Gesundheitsministerien sind sich der Situation bewusst und es gibt dort eine größere Abdeckung mit Krankenversicherungen, welche eben Gegengifte bezahlen oder zumindest Subventionieren. Das bedeutet, dass die Industrie ein viel größeres Interesse hat, da auch Produkte bereitzustellen, weil sie einfach dadurch mehr verdienen können."

Solange die Schlangenbisse in Afrika aber nicht als echtes Problem gelten, so lange wird sich daran wenig ändern. Deshalb setzen sich Ärzte ohne Grenzen dafür ein, Schlangenbisse auf die Liste der Vernachlässigten Krankheiten der WHO zu setzen. Micha Nübling hält das ebenfalls für dringend erforderlich.

"Das ganze Thema ist ein relativ vernachlässigtes Thema, obwohl es eine riesige Dimension hat in bestimmten Regionen, und wir hoffen, dass das entsprechende Interesse geweckt wird und die Mitgliedsstaaten sich dazu aufraffen, es auf die Liste zu setzen. Das würde sich dann auch bedeuten, dass dann auch andere Mittel wieder angezapft werden können, für die Bekämpfung von Schlangenbissen."

Das könnte dann auch Pharmaunternehmen motivieren, wieder qualitativ hochwertige Gegengifte zu produzieren. Denn eines ist sicher: Ändert sich nichts, werden weiter Hunderttausende nach dem Biss einer Giftschlange einen Arm oder ein Bein verlieren oder sogar sterben, obwohl doch eine wirksame Behandlung möglich ist.

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