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Lesart | Beitrag vom 01.09.2021

Afghanistans LiteraturPoesie eines fremden Landes

Von Jasamin Ulfat-Seddiqzai

Ein afghanischer Junge springt in den Ruinen des Hauses, in dem der persische Poet Rumi im 13.Jahrhundert gelebt hat, Mazar-i-Sharif, Afghanistan. (AFP / Farshad Usyan)
Die Gedanken sind auch in Afghanistan frei. Poetische Literatur hat am Hindukush eine lange Tradition. (AFP / Farshad Usyan)

Afghanistan hat eine reiche und interessante Literaturgeschichte, erzählt die Literaturwissenschaftlerin Jasamin Ulfat-Seddiqzai. Um Afghanistan besser zu verstehen, empfiehlt sie einige bewegende Bücher und blickt auf spannende Persönlichkeiten.

Herman Melvilles Klassiker "Moby Dick" verbinden nur wenige mit Afghanistan und doch kommt das Land direkt auf den ersten Seiten vor. "Bloody Battle in Afghanistan", listet der Protagonist Ishmael eine imaginierte Schlagzeile auf, als Symbol für globale Ereignisse, die zeitlos und damit endlos scheinen.

Reißerische Titel über Afghanistan

Natürlich konnte Melville nicht ahnen, wie endlos die Schlachten in Afghanistan wirklich werden, und dennoch steht seine Erwähnung des Landes symbolisch für einen westlichen Blick auf Afghanistan: der reißerische Kontext weckt Aufmerksamkeit, dann aber geht es doch um eine ganz andere Geschichte. Afghanistan bleibt im Nebensatz.

Wenn Autoren durch das Land reisen, tun sie das sehr häufig als Journalisten um ein paar Zitate in der Bevölkerung einzusammeln; als Reiseliteraten, die besonders das Fremde, Tragische und Schöne des Landes darstellen wollen; oder als Soldaten. Egal ob historisch oder als Erlebnisbericht: Soldaten und Militärexperten beschreiben, vermessen und erklären das Land.

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Ihr Fokus ist eindeutig: es geht um militärische Dominanz, und wie man in Afghanistan "siegen" kann. Zumindest geht es meist um "unsere" Sicht auf Afghanistan. "Mein Jahr in Afghanistan", "Mein Fußmarsch durch Afghanistan" und "Mein Kampfeinsatz in Afghanistan" sind übliche Untertitel für viele Berichte.

Aber auch reißerische Titel findet man zuhauf: da ist dann vom "Tee mit dem Teufel" die Rede, von der "Kriegsbraut", oder einem Elitesoldaten der behauptet: "Sie nannten mich den Auslöscher".

Afghanistans Völker und Kulturen

Es ist also schwer, Afghanistan zu betrachten, ohne automatisch Krieg zu denken. Vielleicht muss man diese kleine Reise deshalb mit einem Buch anfangen, in dem nicht viel drinsteht. Der Bildband "Afghanistan" von Roland und Sabrina Michaud wurde zum ersten Mal 1974 veröffentlicht.

Es ist das Buch, welches mein Vater im Wohnzimmer stehen hatte und welches ich mir schon als kleines Kind gerne aus dem Regal nahm, um diese Menschen anzuschauen, die meinem Vater so ähnlich sahen, aber so ganz andere, geheimnisvolle Kleidung trugen.

Das Fotografenehepaar Michaud reiste viele Jahre durch ganz Asien, nimmt seine Umwelt im Bildband nur ästhetisch wahr. Dieser unaufgeregte, bewundernde Blick überträgt sich auf den Leser, der im Band außerdem einiges über Afghanistans unterschiedliche Völker und Kulturen erfährt.

Besonders fasziniert hat mich schon immer ein Bild, auf dem ein meterhoher, zum Teil zugefrorener Wasserfall zu sehen ist, der an der Band-e-Amir-Seenkette liegt. Vor dem Wasserfall stehen vier Reiter auf ihren Pferden.

Selbstironischer Blick

Tatsächlich vorstellen möchte ich aber drei andere Bücher, die – im Gegensatz zum Band der Michauds – auch heute noch gut erhältlich sind. Im Jahr 1958 veröffentlichte der englische Reiseliteraturautor Eric Newby sein Buch "Ein Spaziergang im Hindukusch", das seitdem immer wieder neuaufgelegt wird.

Mit viel Selbstironie erzählt er die Geschichte, wie zwei Engländer sich ohne Kenntnis des Landes oder Erfahrung im Bergsteigen in die afghanische Provinz Nuristan aufmachen und dort durchs Hindukusch-Gebirge klettern – ein Gebiet, das bis heute zu den unzugänglichsten der Welt zählt.

Gerade weil Newby in einer Zeit durch Afghanistan reist, in dem es dort keine ausländischen Interventionen gab, und weil er es mit völliger Ahnungslosigkeit tut, ist das Buch erfrischend heiter. Dass er als Autor zu einer der Größen der Reiseliteratur gehört, macht das Buch auch literarisch zu einem Leseerlebnis.

Geschichte und eigene Erlebnisse

Anders als in vielen Reisebüchern üblich, wundert und ärgert sich Newby auch nicht über die "Einheimischen", sondern über sich selbst. Dass er seine lebensgefährliche Reise in dieses abgelegene Gebiet oft so lapidar beschreibt, hilft dabei, das Land nicht als gefährliche Fremde wahrzunehmen.

Auch historisch wurde schon viel über Afghanistan geschrieben, neben Autoren wie Nancy Hatch Dupree, Thomas Barfield und Jonathan L. Lee, sticht dabei besonders "Die Geschichte Afghanistans" heraus, weil das Buch vom Exil-Afghanen Habibo Brechna geschrieben wurde, Enkel des berühmtesten afghanischen Malers Abdul Ghafur Breshna.

Das Buch stellt nicht nur historische Ereignisse dar, sondern fällt auf, weil Habibo Brechna immer wieder eigene Erlebnisse und Anekdoten einwebt und so die Geschichte Afghanistans lebendiger erscheinen lässt.

Paschtunische Dichtkunst

Tatsächlich ist es immer noch sehr schwer Bücher zu finden, die von Afghanen selbst geschrieben wurden – insbesondere von denen, die immer noch in Afghanistan leben. Dabei hat das Land eine reiche poetische Tradition.

Rumi, der im heutigen Afghanistan geboren wurde, ist sicher der bekannteste Dichter, es gibt aber auch andere berühmte Figuren der afghanischen Geschichte, die zahlreiche Gedichte über ihr eigenes Leben, über ihre Liebe und Sorgen hinterlassen haben. So der Begründer des Mogul-Reichs Babur, oder der Kriegerfürst Khushal Khan Khattak, der 142 Jahre nach Baburs Tod die afghanischen Stämme gegen die Vorherrschaft der Mogul vereinte.

Khushal Khan gilt heute als der Vater der paschtunischen Dichtkunst.

Dichterinnen und Schriftstellerinnen

Aber nicht nur Männer haben diesen Spagat zwischen Kriegs- und Dichtkunst geschafft: mit der Poetin und "Mutter der Nation" Nazo Tokhi gibt es auch eine berühmte Frau, deren Gedichte aus dem 17. Jahrhundert bis heute erhalten sind.

Nazo Tokhi galt bereits zu Lebzeiten als eine der gebildetsten Frauen ihrer Zeit und bewies ihren Mut und kühlen Kopf auch im Krieg, da sie nach dem Tod ihres Vaters dessen Festung und das dazugehörige Dorf erfolgreich verteidigte.

Die Nationalheldin Malalai von Maiwand, die zweihundert Jahre später durch ihren Kampf gegen die Briten bekannt wurde, soll im Kampf immer wieder ein kurzes eigenes Gedicht, ein paschtunisches Landay, rezitiert haben, das ihre Männer zum Angriff ermutigte. Sie überlebte die Schlacht nicht.

Tragisches Ende einer modernen Frau

Auch heute noch wird in Afghanistan die Poesie sehr geschätzt. Als moderne Nachfahrin von Nazo Tokhi und Malalai kann Nadja Anjoman gelten, deren Gedichte man heute in englischer Übersetzung noch im Internet findet.

Nadja wuchs während des sowjetischen Kriegs und anschließend unter den Taliban auf, kämpfte sich 2001 an die Universität von Herat und studierte dort Literatur. Ihr erster Literaturband, der übersetzt "Blume des Rauchs" heißt, wurde ein persischsprachiger Erfolg.

Nadja Anjomans Ende ist so tragisch, wie die Geschichte Afghanistans selbst: 2005 wurde sie mit nur 25 Jahren von ihrem Ehemann getötet, der versuchte, das Ganze wie einen Selbstmord aussehen zu lassen. Sie hinterließ einen sechs Monate alten Sohn.

Und so kommt man unweigerlich wieder zum tragischen Teil der afghanischen Geschichte – und der afghanischen Literatur. Zwar hat Khaled Hosseini mit seinem zweiten Roman "Tausend Strahlen der Sonne" einen tiefen und literarisch ansprechenden Einblick in das Leben afghanischer Frauen gegeben, tatsächlich sind aber die wahren afghanischen Lebensgeschichten oft noch wunderlicher – und tragischer – als die Literatur.

Ein Leben für die Bildung

Da ist zum Beispiel die Lebensgeschichte eines Mannes, der so beschäftigt und umtriebig ist, dass er seine Biografie nicht selbst aufschreiben konnte, und das stattdessen zwei jungen deutschen Reisejournalisten überließ.

Das von Monika Koch und Heiner Tettenborn 2013 publizierte Buch "Der Unbeugsame – Das Leben des Khazan Gul Tani für Afghanistan" ist vielleicht kein Meisterwerk der Literatur, aber es zeichnet das bewegte Leben eines Mannes nach, der in den 60er Jahren in Deutschland Lehramt studierte, und seitdem sein Leben dem Aufbau von Bildungsmöglichkeiten in Afghanistan widmet.

Dabei ist er kein Held, sondern ein Patriarch. Er ist verheiratet mit mehreren Ehefrauen. Aber gerade durch seine Zugeständnisse an die afghanische Kultur, konnte er im Land viel mehr erreichen kann als Menschen, die Land und Kultur nicht kennen.

Vor wenigen Jahren wurde Khazan Gul lebensbedrohlich verletzt, ein Durchschuss knapp über dem Herzen. Das Schweizer Fernsehen drehte damals seine Einlieferung in ein Feldlazarett, interviewte ihn noch während er vom Militärarzt versorgt wurde. Das Interview, in dem er mit schmerzverzerrtem Gesicht dennoch weiter darüber spricht, wie wichtig Bildung für das Land ist, kann symbolisch für den ganzen Mann stehen. Er setzt sich bis heute in seiner Heimatprovinz Khost für Bildung und Entwicklungsarbeit ein.

Verwirrender Konflikt

Um Afghanistan besser zu verstehen, kommt man aber nicht umhin, sich auch dem Thema Krieg zu widmen. Paradoxerweise ist der Afghanistankrieg auch aufgrund der intensiven Berichterstattung schwerer zu verstehen, da man von allen Seiten mit Namen, Begriffen und Bildern überhäuft wird, die oft nur dürftig kontextualisiert werden.

Will man sich mehr Verständnis anlesen, stehen einem oft nur wissenschaftliche Schriften von Experten zur Verfügung, die man ohne intensives Studium der Region nicht versteht. Abhilfe schafft dort ein sehr aktuelles Buch, "Der längste Krieg" des österreichisch-afghanischen Journalisten Emran Feroz.

Auf 212 Seiten schreibt Feroz so spannend, dass man das Buch nicht weglegen kann. Bei jedem Skandal, den er erläutert, hält man den Atem an, weil man so viel Grausamkeit und Gleichgültigkeit kaum ertragen kann.

Ein Land für Durchreisende

Feroz betrachtet die letzten vierzig Jahre Afghanistankrieg zusammenhängend. Nach der Lektüre fragt man sich also nicht mehr: Wie konnte der Abzug der internationalen Truppen so katastrophal enden, sondern: wie konnte man diesen skandalösen Krieg all die Jahre überhaupt so führen?

Und so macht der Abzug der letzten Wochen deutlich, was für Afghanistan schon seit mehr als 150 Jahren gilt: es ist ein Land nur für Durchreisende. Die Schönheit und den Horror lässt man bei der Abreise hinter sich zurück.

Literaturliste:

Eric Newby: "Ein Spaziergang im Hindukusch" (2005)
Habibo Brechna: "Die Geschichte Afghanistans – Historische Ereignisse, Erzählungen und Erinnerungen" (2012)
Monika Koch und Heiner Tettenborn: "Der Unbeugsame – das Leben des Khazan Gul Tani für Afghanistan" (2013)
Emran Feroz: "Der längste Krieg, 20 Jahre War on Terror" (2021)
Roland und Sabrina Michaud: "Afghanistan" (1974)
Nadja Anjoman: Diverse Gedichte (englische Übersetzung)

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