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Interview | Beitrag vom 13.06.2018

AfghanistanMit dem Surfbrett durch das Pandschschir-Tal

Afridun Amu im Gespräch mit Ute Welty

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Afridun Amu mit Fan im Pandschir-Tal (picture alliance / dpa)
Afridun Amu mit Fan Anfang Juni im Pandschir-Tal (picture alliance / dpa)

Afridun Amu, Dozent an der Universität Potsdam, hat afghanische Wurzeln und eine Leidenschaft: surfen. Beides hat er nun zusammengebracht und mit einer Surf-Gruppe im Pandschir-Tal nach den besten Wellen gesucht. Ein Erfahrungsbericht.

Ute Welty: Afghanistan, dazu fällt einem ein: Krieg, Zerstörung, Taliban, Attentat. Surfen ist so ziemlich das Letzte, was einem in den Kopf kommt. Afridun Amu beweist das Gegenteil. Afridun Amu, der gebürtige Afghane, war Teilnehmer der Surfweltmeisterschaften in Biarritz in Südfrankreich, und zwischendurch hat er in Berlin Jura studiert und ist zurzeit als Dozent an der Uni Potsdam im Bereich Innovationsberatung. Guten Morgen!

Afridun Amu: Schönen frühen guten Morgen, Frau Welty!

Welty: Sie sind gerade zurück vom Surfen im Pandschschir-Tal in der Nähe von Kabul. Wie sind Sie denn auf diese erst mal völlig absurde Idee gekommen, ausgerechnet da surfen zu wollen?

Amu: Die Idee ist nicht vor Kurzem erst entstanden, sondern tatsächlich vor über drei Jahren. Surfen ist meine Passion. Auf der anderen Seite bin ich gebürtiger Afghane. Dann dachte ich mir, bringe ich diese zwei Sachen doch mal zusammen.

Welty: Das Pandschschir-Tal wird ja nicht jeder vor Augen haben. Wie sieht es da aus, und wo kann man da surfen?

Das Pandschschir-Tal ist das Bayern Afghanistans

Amu: Das Pandschschir-Tal, das hat man sich als so eine Art Bayern Afghanistans vorzustellen mit so einer Mia-san-mia-Attitüde der Leute, das ist im Nordosten Afghanistans, sehr bergig, und in diesem bergigen Gebiet fließt der Berg …

Welty: Herr Amu?

Amu: … das hat unglaublich viel Potenzial, ihn zu surfen. Das ist ein sehr starker Bergfluss mit vielen Höhenunterschieden. Genau, und genau das war ein Grund, warum wir uns das Pandschschir-Tal ausgesucht haben, um da surfen zu gehen.

Welty: Was war denn für Sie am eindrucksvollsten?

Amu: Ganz viele Sachen, das kann ich gar nicht auf eine Sache reduzieren, aber definitiv auch die Landschaft. Wunderschöne Täler, die Berge sind, das mag man sich vielleicht nicht vorstellen, sehr grün, obwohl sie so hoch sind, und dann definitiv die Menschen. Die Reaktion von den meisten Leuten, uns im Wasser surfen zu sehen, gerade von den Kindern, das war überwältigend.

Welty: Wie haben die denn reagiert? Haben die vorher überhaupt schon mal ein Surfbrett gesehen, weil Afghanistan ist ja jetzt nicht so das klassische Surfrevier?

Der Exil-Afghane Afridun Amu posiert mit einem seiner Surfboards. (dpa / Boris Roessler)Afridun Amu mit einem seiner Surfbretter (dpa / Boris Roessler)

Amu: Nein, noch nicht, aber das versuchen wir ja gerade zu ändern! Ja, wie gesagt, überwiegend war es einfach nur schön. Gerade bei den Kindern, die hatten so viel Spaß dabei, die waren so begeistert, auch weil es eben was Neues war, und deswegen, das war definitiv unser Motor auch, vor Ort weiterzumachen.

Man muss dazu sagen, wir waren körperlich alle sehr angespannt mitunter, weil eigentlich die ganze Gruppe einen Magen-Darm-Infekt hatte, aber einfach zu sehen, wie die Leute sich da gefreut haben, war für uns Grund genug, um weiter zu surfen, weiter Wellen zu suchen in Pandschschir.

Welty: Surfen steht ja normalerweise für Lässigkeit und auch für Leichtigkeit, für Freizügigkeit. Wie muss man in Afghanistan angezogen sein, um surfen zu können?

Ganzkörperverhüllt mit Neoprenanzügen

Amu: Wir waren ganzkörperverhüllt mit den Neoprenanzügen. Gerade jetzt, zu Zeiten von Ramadan, gibt es da gewisse Befindlichkeiten, und, na ja, es ist ja kein Geheimnis, dass Afghanistan alles andere als ein sicheres Land ist. Insofern, wir haben von Kopfbedeckung bis Fußbedeckung, Hände, alles immer verdeckt gehabt, damit wir diese Gefahr so gering wie möglich halten konnten.

Welty: Wenn Sie sagen, Afghanistan ist nicht sicher, Sie sind ja auch begleitet worden von Sicherheitsleuten, von bewaffneten Männern. Wie passt das denn zum Hippie-Image der Surfer zusammen?

Amu: Na ja, wir haben uns natürlich nichts vorgemacht. Also Afghanistan ist ein Kriegsgebiet. Das Pandschschir-Tal ist eine der ganz wenigen Regionen, wo es verhältnismäßig – zumindest für afghanische Verhältnisse – sicher war, aber trotzdem war es da sehr gefährlich.

Wir hatten mitunter eine Situation, wo wir tatsächlich Glück gehabt haben, die auch hätte schnell in eine Schießerei enden können, und deswegen war es unerlässlich, dass wir leider eben Sicherheitspersonal dabei hatten, die jeweils auch bewaffnet waren.

Welty: Was genau ist da passiert?

Amu: Na ja, wie gesagt, im Großen und Ganzen waren alle Leute happy, aber gewisse Stänkerer gibt es immer und überall, getreu dem Motto: kenne ich nicht, finde ich scheiße, vielleicht so eine Art afghanische AfD-ler, kamen Leute dahin, die … Zunächst einmal war das in einer Situation, bei der ersten Welle, eine Person, die eine Waffe gezückt hat, und als er dann unser Sicherheitspersonal gesehen hat, ist er schnell weggefahren, hat noch mal andere Leute geholt. Wir konnten das dann alles auflösen, weil in unserer Gruppe auch eine Person war, die aus der Region kam und die sehr gut vernetzt war, aber nichtsdestotrotz war das zunächst einmal ein Schreckmoment, und mit sowas muss man halt in Afghanistan leider auch rechnen.

Welty: Sie sehen im Surfen – das haben Sie eben schon angedeutet – eine große Chance für Afghanistan. Sie wollen das ändern, dass in Afghanistan bislang nicht gesurft wurde. Worin besteht diese Chance?

Die Afghanen sind unglaublich sportverrückt

Amu: Surfen wird zum ersten Mal olympisch im Jahr 2020, und genau darin liegt die Chance. Die Afghanen sind unglaublich sportverrückt. Sport gibt den Menschen so viel, es gibt ihnen Freude, positive Energie, Hoffnung.

Cricket zum Beispiel, ein Sport, den es vor 20, 15 Jahren in Afghanistan so gar nicht gab, mittlerweile ist Afghanistan eine der besten Cricket-Mannschaften. Der Skisport wird in Zentralafghanistan, soweit es die Sicherheitslage zulässt, gerade Stück für Stück aufgebaut.

Und genau das könnte Surfen vielleicht auch tun: ein Stück, einen Tropfen Lebensfreude nach Afghanistan bringen, in ein Land, wo leider so viel Leid existiert, wo die Themen immer nur von einer Sache berichten, dass den Menschen einfach was gegeben wird, worüber sie sich freuen können.

Welty: Und wie ist Ihre Perspektive für 2020 für die Olympischen Spiele in Tokyo?

Amu: Also ich fliege – ja, schauen wir mal –, in drei Stunden fliege ich nach Indonesien, und da bereite ich mich jetzt erst mal für die nächste Weltmeisterschaft vor, und mal schauen, wie das dann 2020 aussieht. Zunächst einmal konzentriere ich mich auf 2018.

Welty: Und wenn Sie das machen mit den Olympischen Spielen, kriegen wir das erste Interview, okay?

Amu: Versprochen!

Welty: Surfen in Afghanistan, das ist viel mehr als nur Sport, sagt der afghanische Surfer Afridun Amu, auf dem Weg zur Weltmeisterschaft in Indonesien. Alles Gute dafür!

Amu: Vielen Dank!

Welty: Haben Sie herzlichen Dank, und Ihnen und Afghanistan überhaupt.

Amu: Danke, Frau Welty!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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