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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 11.07.2019

AfghanistanDen endlosen Krieg überwinden

Ein Kommentar von Emran Feroz

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Afghanische Sicherheitskräfte inspizieren den Ort eines Autobombenanschlags in Ghazni, Afghanistan, am 7. Juli 2019. Mindestens sechs Menschen wurden getötet und 96 weitere verletzt, als eine Autobombe am Sonntag die Stadt Ghazni, die Hauptstadt der afghanischen Provinz Ghazni, erschütterte.   (imago / Xinhua / Rohullah)
Wird in Afghanistan je wieder Frieden herrschen? - Nach einem Anschlag in der afghanischen Provinz Ghazni. (imago / Xinhua / Rohullah)

Erstmals haben sich Vertreter der Regierung aus Kabul mit denen der Taliban getroffen, beim intra-afghanischen Dialog. Das gibt Hoffnung, meint Journalist Emran Feroz. Denn nur Versöhnung und Gespräche können das Land in eine friedlichere Zukunft führen.

In einem klimatisierten Fünf-Sterne-Palast der katarischen Hauptstadt Doha versammelten sich in dieser Woche afghanische Politiker, Vertreter der afghanischen Zivilgesellschaft und die in Katar ansässige Delegation der Taliban. Der sogenannte "intra-afghanische Dialog" fand endlich statt – mehr oder weniger offiziell. Tatsächlich waren die Teilnehmer nur als Privatpersonen anwesend, so auch die Vertreter der Kabuler Regierung von Präsident Ashraf Ghani.

Kurz zuvor pausierte, ebenfalls in Katar, eine weitere Verhandlungsrunde zwischen den Taliban und den Amerikanern. Der erwartete Abzugsplan der US-Truppen wurde immer noch nicht vorgestellt. Dennoch werden diese Verhandlungen als Durchbruch betrachtet.

Die afghanischen Bürger kommen nicht zu Wort

Doch wer in diesen Gesprächen weiterhin zu kurz kommt, sind die Afghanen selbst. Damit sind nicht privilegierte Politiker, korrupte Warlords oder im Ausland lebende Extremistenführer gemeint, sondern die einfachen Menschen, für die so selten, wenn überhaupt, gesprochen wird – und die am meisten unter dem Krieg im Land leiden.

Denn während im weit entfernten Golfemirat gesprochen, diniert und viel Tee getrunken wurde, sterben in Afghanistan weiter Zivilisten – durch die Taliban, die afghanische Armee oder das US-Militär.

Viele Afghanen fragen sich auch, inwiefern jene, die in Katar verhandeln, überhaupt die afghanische Gesellschaft repräsentieren? Dies gilt nicht nur für die Technokraten der Kabuler Regierung oder die korrupten Oppositionspolitiker um Ex-Präsident Hamid Karzai, sondern auch für die Taliban-Delegation, die mittlerweile seit einigen Jahren in Doha weilt, während ihre Feldkommandanten und Fußsoldaten unerbittlich kämpfen. Insbesondere letztere fragen sich: Warum sollen wir verhandeln, wenn wir uns ohnehin auf dem Siegeszug befinden?

Erneuter Bürgerkrieg könnte drohen

"Ihr habt die Uhren, doch wir haben die Zeit", lautet ein afghanisches Sprichwort. Es beschreibt die Realität am Hindukusch ganz gut. Die Briten kamen ganze drei Mal nach Afghanistan, doch irgendwann sahen sie ein, dass ihre Eroberungsversuche gescheitert waren. Selbiges betraf die Rote Armee, und das gleiche Schicksal erwartet auch Washington. Hohe US-Militärs haben in den letzten Jahren mehrmals betont, dass es praktisch unmöglich sei, das zerklüftete, bergige Land auf Dauer einzunehmen.

Doch was nach dem geplanten Abzug des US-Militärs passiert, bleibt weiterhin offen. Nicht wenige befürchten einen neuen Bürgerkrieg, ähnlich wie es ihn bereits in den 90er-Jahren gab. Dass Mächte wie China, Russland, Pakistan und natürlich auch die USA diesen für ihre eigenen Interessen abermals ausnutzen werden, scheint unvermeidlich.

Worte, Austausch und eine nationale Versöhnung

Daher liegt es nun an den Afghanen selbst, die Initiative zu ergreifen. Der endlose Krieg lässt sich nur überwinden, wenn Gespräche, Dialog und Versöhnung wirklich ernst genommen werden – und zwar von allen innerafghanischen Akteuren.


Nicht nur die letzten vier Jahrzehnte, sondern auch die Jahre zuvor haben deutlich gemacht, dass Afghanistan nicht mit Kalaschnikows und Drohnen gerettet werden kann, sondern nur mit Worten, Austausch und einer nationalen Versöhnung. Konkret bedeutet dies, dass alle Parteien – egal ob Ex-Kommunisten, religiöse Führer, Liberale, Taliban-Mitglieder und Frauenaktivistinnen – zusammenkommen, um sich über die Zukunft ihres Landes zu einigen.

Dies ist nun endlich in Katar geschehen. Es war ein erster, kleiner Schritt in Richtung Frieden. Allein dieser Hoffnungsschimmer ist Grund genug, diesen Weg nun weiter zu beschreiten.

Porträtaufnahme von Emran Feroz , der an einer Säule lehnt. (picture alliance / Frank May)Emran Feroz (picture alliance / Frank May)Emran Feroz ist freier Journalist mit afghanischen Wurzeln. Er hat in Tübingen Politologie und Philosophie studiert. Regelmäßig berichtet er über die politische Lage im Nahen Osten und Zentralasien in deutsch- und englischsprachigen Medien. Im Oktober 2017 veröffentlichte er sein erstes Buch "Tod per Knopfdruck: Das wahre Ausmaß des US-Drohnen Terrors oder Wie Mord zum Alltag werden konnte".

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