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Tonart | Beitrag vom 23.09.2021

Afghanische Rapperin Sonita Alizadeh Aus New York aktiv gegen die Taliban-Herrschaft

Von Bamdad Esmaili

Sonita Alizadeh steht im Profil vor einer weißen Wand, auf der ein Graffito gesprüht ist. Sie trägt eine rote Basecap und hält den Zeigefinger ihrer rechten Hand an den Mund. Das Graffito zeigt die gleiche Pose. (imago / Everett Collection / Rokhsareh Ghaem Maghami)
Sonita Alizadeh auf einem Foto von 2015. Damals wurde die junge Afghanin in einem Film porträtiert. Heute lebt sie in New York und studiert. (imago / Everett Collection / Rokhsareh Ghaem Maghami)

Sonita Alizadeh ist wohl die erste afghanische Rapperin. Zurzeit lebt sie in New York und studiert dort, aber mental ist sie ganz in Afghanistan. Seit der Machtübernahme der Taliban schläft sie kaum noch.

Sonita Alizadeh, 25 Jahre alt, ist in einer sehr religiösen Familie aufgewachsen. Ihr Vater und ihre Brüder waren immer in der Moschee. Als Sonita ein Kind war, ist die Familie vor den Taliban in den Iran geflüchtet.

Im Iran werden viele Afghanen schlecht behandelt, unterdrückt, viele Kinder dürfen nicht zur Schule. Auch Sonita nicht. Sie musste als Kind arbeiten und hat Privatunterricht bekommen. Irgendwann hat sie dann den Rap kennengelernt.

Inititialzündung Eminem 

"Eines Tages habe ich in einem Verein geputzt und habe dafür kostenlosen Schulunterricht bekommen. Da habe ich zum ersten Mal einen Song von Eminem gehört", erinnert sie sich.

"Ich kannte ihn nicht. Während ich geputzt habe, dachte ich, vielleicht ist es gut, wenn ich anfange, zu rappen, und wie Eminem meine Gefühle zum Ausdruck bringe."

Ihre Eltern waren absolut gegen das Rappen. Dennoch hat sie 2014 mit der Musik angefangen.

Sonitas Eltern hatten für sie auch ganz andere Pläne gehabt: Sie sollte als Zehnjährige zwangsverheiratet werden. Die Familie wollte damit offenbar etwas Geld dazuverdienen.

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Heute nimmt Rapperin Sonita Alizadeh ihre Familie eher in Schutz. "Meine Familie ist nicht daran schuld, dass zwei meiner Schwestern zwangsverheiratet wurden. Das war eher eine Nachahmung der Gesellschaft. Du hast gesehen, dass die Nachbarn ihre Mädchen verheiratet haben, statt sie in die Schule oder zur Arbeit zu schicken."

Doch Sonitas Zwangsehe kam nicht zustande. Mit 16 sollte Sonita erneut an einen Verwandten verkauft werden, für 9000 Dollar. Dagegen konnte sie sich dann wehren und die Zwangsehe stoppen.

Song gegen die Zwangsehe

Sonita Alizadeh hat diese Erfahrung 2014 in ihrem ersten Song "Daughters For Sale" verarbeitet: Dieser Song hat es weit über die Grenzen Irans und Afghanistans geschafft.

Eine NGO wurde auf sie aufmerksam und so bekam sie ein Stipendium, um in die USA zu kommen. Jetzt studiert sie in New York eine Kombination aus Menschenrechten und Musik.

Doch wegen der Ereignisse in Afghanistan kann sich Sonita Alizadeh nicht richtig auf ihr Studium konzentrieren. Sie schlafe kaum, erzählt sie.

"Seit zwei Wochen hat unser Semester begonnen. Ich habe schon drei Kurse verpasst, weil ich total durcheinander und traurig bin", berichtet sie. "Ich stehe auf und checke die Nachrichten, versuche, mit verschiedenen Organisationen Kontakt aufzunehmen, Proteste vor der Uni oder dem UN Gebäude zu organisieren. Ich bin alleine, aber das ist das Einzige, was ich tun kann: den Menschen in Afghanistan eine Stimme zu geben."

Mut-Mach-Song für Soldaten in Afghanistan

Noch kurz vor der Machtübernahme der Taliban hat sie ihren Song "Soldier" veröffentlicht. Darin macht sie den Soldaten in Afghanistan im Kampf gegen die Taliban Mut.

Jetzt ist sie unheimlich traurig, dass der Kampf offenbar verloren ist. Auf Instagram postet sie Videos der Taliban, die auf den Straßen in Afghanistan Gewalt gegen ihre Landsleute ausüben. Sonita sagt deshalb, die Welt dürfe nicht still sitzen und zugucken.

"Unsere stärkste Waffe ist unsere Stimme. Unser Volk muss wissen, dass in der Geschichte nirgends in der Welt die Freiheit entstanden ist, ohne ein Risiko einzugehen, ohne Gefahr auf sich zu nehmen. Ich hoffe, dass die Welt die Taliban nicht als diplomatische und politische Partner akzeptieren und mit ihnen verhandeln wird."

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