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Interview / Archiv | Beitrag vom 05.08.2013

"Äußerst brisanter Bericht"

Dopingexpertin hält es für möglich, dass die DDR in Sachen Doping nur auf den Westen reagiert hat

Ines Geipel im Gespräch mit Jörg Degenhardt

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Eine Laborantin untersucht Dopingproben. (AP)
Eine Laborantin untersucht Dopingproben. (AP)

Um herauszufinden, ob Sportler in der Bundesrepublik in ähnlichem Umfang wie in der DDR gedopt haben, wie es eine neue Studie nahelegt, müssten die Fälle genau verglichen werden. Möglicherweise habe die DDR mit ihrem Doping-Programm nur auf den Westen reagiert, sagt die Doping-Expertin Ines Geipel.

Jörg Degenhardt: Doping – systematisch, organisiert und finanziert vom Staat? Ja, in der DDR, im gesamten Ostblock hat es so etwas gegeben. Aber auch in der alten Bundesrepublik. Mancher mag es geahnt haben, jetzt gibt es einen 800 Seiten starken Bericht: "Doping in Deutschland von 1950 bis heute". Die Berliner Humboldt-Universität hat ihn erstellt und die "Süddeutsche Zeitung" hat daraus zitiert.

Die Schriftstellerin und Hochschulprofessorin Ines Geipel gehörte zu den besten Sprinterinnen der DDR (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)Ines Geipel, einst eine der besten DDR-Sprinterinnen (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)Danach zog sich der Doping-Missbrauch quer durch zahlreiche Sportarten, darunter Leichtathletik und Fußball. Sogar vor Minderjährigen-Doping sei man nicht zurückgeschreckt. Und die Politik sei eingeweiht gewesen. Ein damaliger Innenminister wird mit dem Satz zitiert: "Unsere Athleten sollen die gleichen Voraussetzungen und Bedingungen haben wie die Ost-Athleten. Ines Geipel ist am Telefon, Vorsitzende des Doping-Opfer-Hilfevereins. Sie war selbst eine erfolgreiche Sprinterin in der DDR. Guten Morgen, Frau Geipel!

Ines Geipel: Guten Morgen!

Degenhardt: Kommen die Ergebnisse dieser Studie für Sie überraschend?

Geipel: Nicht, kommen sie nicht. Aber was tatsächlich neu ist für alle, denke ich, und deswegen ist ja auch ein bisschen medial was los, es sind Schlüsseldokumente darüber, dass im Westen der Staat doch mehr finanziert hat, als wir bisher gewusst haben. Immerhin, systematische Dopingforschung von '72 bis '93 – mir ist natürlich die Frage vor Augen, wann hat es denn aufgehört?

Degenhardt: Können Sie sich denn vorstellen, um da noch mal nachzuhaken, dass Politiker in der Bundesrepublik ganz oben, sag ich mal, nichts gewusst haben von dem, was da möglicherweise an Druck auf die Sportmediziner ausgeübt wurde – das sagen sie jetzt nämlich.

Geipel: Ja, man hat Herrn Genscher gehört, aber wir wissen natürlich, und das steht in den Unterlagen, dass hochrangige Politiker relativ früh, Anfang der 70er-Jahre bereits den Schalter umgelegt haben und gesagt haben, wenn der Osten so nach vorn zieht, dann müssen wir mitgehen. Hier in den Unterlagen wird natürlich jetzt auch sichtbar, dass das '71 bereits beschlossen wurde, als in dem Sinne eine systematische Forschung, finanziert durch den Staat – ich bin sehr dafür, dass differenziert wird, aber dann muss man natürlich auch fragen, wenn der Osten, also die DDR, '74 das Staatsdoping aufgelegt hat, könnte es ja doch sein, dass das auch eine Antwort war auf diese 71er-Offensive.

Degenhardt: Gedopt wurde in Ost und West, jetzt gibt es diesen Bericht. Sehen Sie dennoch Unterschiede in der Herangehensweise auch im systemischen Dopen zwischen Ost und West?

Geipel: Also bisher wissen wir ja nichts. Wir wissen das Systemische, aber wir wissen nicht für die Bundesrepublik, dass es ein tatsächliches Staats-Doping wie in der DDR war mit 12.000 bis 15.000 Athleten. Also wir wissen die Zahlen noch nicht. Dennoch bin ich jetzt nicht dafür zu sagen, ja, wir müssen das und das und das ausschließen, sondern jetzt geht es wirklich um die Details, es geht wirklich um das Nebeneinanderlegen. Und die Offenheit muss sein, zu fragen, was waren hier die tatsächlichen Differenzen. Ich habe bisher keinen Bericht gelesen, dass, wie in der DDR, achtjährige Schwimmerinnen gedopt wurden. Sie haben gesagt, Minderjährigen-Doping, aber es ist ein Unterschied, ob ein achtjähriges Kind oder ein 17-Jähriger, 16-Jähriger gedopt wird. Nicht in der Sache, aber doch physisch und auch seelisch, würde ich denken. Und diese Differenzen, glaube ich, gehören jetzt angeschaut, und nicht im Sinne einer Sommerlochdebatte, sondern mit der Frage, welchen Sport wollen wir denn heute auflegen. Denn, wie gesagt, es ist in keiner Weise erzählt, wo hier der Bruch mit dem Ganzen ist.

Degenhardt: Sie sagten, Sie wünschten sich Details. Wünschen Sie sich möglicherweise auch eine Sondersitzung des Sportausschusses des Deutschen Bundestages, um mehr zu erfahren, letztlich vielleicht auch über die Frage, warum der Bericht nicht gleich an die Öffentlichkeit gelangt ist? Da steht ja auch der Vorwurf der Vertuschung im Raum.

Geipel: Der steht im Raum. Der Bericht ist nur durchgesickert, an die Medien sozusagen ein bisschen herangespielt worden. Es hat bisher ja keinen offiziellen Termin dazu gegeben. Wichtige Dokumente sind verschollen. Es hat ja lange das Argument gegeben, datenschutzrechtlich gibt es Probleme. Jetzt sagt das BMI, wir haben das alles geklärt. Also, hier gibt es eine Verzögerungstaktik, das liegt auf der Hand. Aber es liegt natürlich auch auf der Hand, dass das ein äußert prekärer und brisanter Bericht ist.
Degenhardt: Frau Geipel, Sie kümmern sich derzeit, habe ich gelesen, um circa 600 Doping-Opfer. Sind darunter eigentlich auch Athleten aus dem Westen?

Geipel: Bisher nicht. Aber ich könnte mir vorstellen, dass jetzt auch – und es war ja dieses lange Warten, ja – also der Osten hat auf den Westen gewartet, dass es endlich zu diesen Aussagen kommt, es war im Raum und wir haben gerade jetzt im Frühjahr, seitdem der Verein sich neu aufgestellt hat, sehr viele Anfragen gerade von ostdeutschen Athleten, aber eben auch Anfragen von Angehörigen und Trainern, aktuell. Und ich glaube, dass diese Geschichte jetzt doch sehr viel stärker zusammen erzählt werden wird, und dass wir auch Anfragen bekommen aus dem Westen. Das liegt ein bisschen auf der Hand nun.

Degenhardt: Mit welchen Problemen haben denn die Doping-Opfer, egal, woher sie kommen, vor allem zu kämpfen?

Geipel: Zu überleben. Also, das ist das Allererste. Sie sind in einer Weise aus dem Leben geworfen, dass es uns ganz schwer fällt, wirklich so zu helfen, dass diese kaputten Seelen und auch Körper in irgendeiner Form ins Leben zurückkommen. Also es geht, wenn Sie mich so konkret fragen, geht es natürlich um juristische Schwierigkeiten, um Anspruchsregelungen. Es geht um immer wieder ganz starke psychische Problematiken und natürlich vor allen Dingen eben auch: Rückgrat ist kaputt, Nieren sind kaputt, Herz ist kaputt. Wie ist es möglich, im Haus einen Lift einzubauen, ich kann mich nicht mehr bewegen. Und da geht es dann um Athleten, die sind heute 45, 48, also sie sind jung.

Degenhardt: Ines Geipel war das, die Präsidentin des Vereins Doping-Opfer-Hilfe. Sie war einst selbst eine erfolgreiche Sprinterin in der DDR. Vielen Dank für das Gespräch, Frau Geipel.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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