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Im Gespräch | Beitrag vom 28.11.2019

Aenne Rappel, Vorsitzende der JemenhilfeDrei Beduinen, viele Waisen und ein Krankenhaus

Moderation: Marco Schreyl

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Das Foto zeigt Kinder im Jemen, der von einem Bürgerkrieg erschüttert wird. (dpa / picture alliance / AA / Mohammed Hamoud)
Kinder im Jemen kennen vor allem Armut, Hunger und den Bürgerkrieg. (dpa / picture alliance / AA / Mohammed Hamoud)

Nach einer Reise in den Jemen ließ Aenne Rappel das Land nicht mehr los. Sie gründete einen Förderverein, baute mit Hilfe von Spenden ein Krankenhaus und ein Kinderheim. Für viele der Waisen dort ist sie die "Mama".

Es gibt Sehnsuchtsorte − und es gibt Staaten wie den von einem blutigen Bürgerkrieg gequälten Jemen.

Für Aenne Rappel ist das Land am Golf von Aden dennoch eines, für das sie im wahrsten Sinne des Wortes ihr letztes Hemd geben würde. "So grausam (wie jetzt) war es noch nie", erzählt die 84-Jährige. Das Land erlebt seit 2015 einen Bürgerkrieg.

Die Infrastruktur ist vielerorts fast vollständig zerstört, es fehlt an Nahrungsmitteln, Wasser, Strom, praktisch an allem: "Alle zehn Minuten verhungert laut UN ein Kind. Das ist, was mir im Augenblick auf der Seele brennt. Ansonsten muss ich sagen, ist der Jemen ein grandioses, wunderschönes Land mit liebenswerten Menschen."

Mit einem Beinbruch fing alles an

Aenne Rappel begeisterte sich früher für China, sprach sogar Mandarin. 1996 blätterte sie in einem Reisemagazin, eine Reportage über den Jemen machte sie neugierig. Zusammen mit ihrer Cousine flog Rappel in das heute ärmste arabische Land.

Das Foto zeigt Aenne Rappel, Gründerin der Jemenhilfe Deutschland. (Bayerischer Rundfunk / Nadja Hübner)Lebt für den Jemen: Aenne Rappel, Gründerin der Jemenhilfe Deutschland. (Bayerischer Rundfunk / Nadja Hübner)

Die Cousine brach sich dort ein Bein, gemeinsam mussten sie ein Krankenhaus aufsuchen: "Die hatten zwar ein Röntgengerät, aber ich glaube, das war eine Spende vom Röntgen persönlich. Die hatten nur zwei Gipsbinden. Die haben sie suchen müssen und haben sie uns geschenkt. Wir haben hinterher gesagt, das ist eigentlich ein Geschenk, das man gar nicht annehmen kann."

Zurück in Deutschland gründete Aenne Rappel die Jemenhilfe und begann, Spenden für das Krankenhaus zu sammeln. Regelmäßig brachte sie persönlich Verbandsmaterial und Medikamente in das Land.

Rappel kam wieder, mit 45.000 D-Mark

Dann kam der Tag, als die deutsche Spendensammlerin aus dem bayerischen Aichach von drei Beduinen gebeten wurde, ein Krankenhaus zu bauen. Das Land dafür würden sie ihr schenken.

"Ich habe versucht zu erklären, dass ich keine Millionärin bin. Das ich viele Menschen brauche, die helfen. Und ich wiederkomme, wenn ich Geld habe. Wenn ich nicht mehr komme, dann wissen sie, es ist mir nicht gelungen."

Aenne Rappel kam wieder, mit 45.000 D-Mark. Das Krankenhaus wurde im Süden des Landes gebaut. Trotz regelmäßiger Bombardements: Das Gebäude ist immer noch intakt. Seit über 20 Jahren ist es jetzt Anlaufstelle für alle Menschen der Region. Egal ob Huthi-Rebellen oder IS-Kämpfer, hier wird jeder behandelt.

Freund und Feind friedlich vereint

"Die liegen dann friedlich beieinander. Erst schießen sie, und wenn es weh tut, liegen sie brav nebeneinander im Bett." 6000 Euro überweist Aenne Rappel monatlich für das Krankenhaus, noch einmal 6000 Euro werden im Monat für ihr Kinderheim benötigt. Denn das hat die gelernte Horterzieherin ebenfalls gegründet. Auch das passierte eher zufällig. Während das Krankenhaus gebaut wurde, war Rappel viele Monate vor Ort. Sie lernte Arabisch und kam mit vielen Waisenkindern in Kontakt.

Für Aenne Rappel war bald klar, es muss auch noch ein Kinderheim her. Viele Mädchen und Jungen sagen "Mama" zu ihr. Aus den Kindern sind über die Jahre junge Erwachsene geworden. "Wir haben mittlerweile einen fertigen Apotheker, der nächste macht in diesem Jahr noch sein Staatsexamen als Arzt. Wir haben einen Studenten der Zahnmedizin, und so geht es weiter. Was will ich mehr? Es gibt so viel Freude, das glauben Sie gar nicht."

Was Aenne Rappel schmerzt: Seit dem Bürgerkrieg konnte sie nicht mehr in den Jemen reisen. "Ich werde ja nicht jünger und nicht rüstiger, ich komme auch an meine Grenzen. Ich glaube nicht, dass ich noch einmal runterkomme, so weh mir das tut. Ich würde es furchtbar gern sehen."

Für Rappel ist das jedoch kein Grund, aufzugeben. Gerade in der Adventszeit ist sie wieder auf vielen Weihnachtsmärkten unterwegs, immer für ihre Jemenhilfe. Schließlich müssen monatlich 12.000 Euro für das Krankenhaus und ihr Kinderheim zusammenkommen.

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