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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 27.02.2019

Ägyptische GeschichteGeheimnis um ein Pyramidenfragment

Von Stefanie Oswalt

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Abschrift Pyramidenfragment 7495. Aegyptische Inschriften aus den Königlichen Museen zu Berlin, hg. v. der Generalverwaltung, Erster Band: Inschriften von der Ältesten Zeit bis zum Ende der Hyksoszeit, Leipzig 1913. Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin, Ägyptologisches Institut, Sign. EO 2390 R712-1. (Armin Hempel)
Abschrift Pyramidenfragment 7495. Aegyptische Inschriften aus den Königlichen Museen zu Berlin, hg. v. der Generalverwaltung, Erster Band: Inschriften von der Ältesten Zeit bis zum Ende der Hyksoszeit, Leipzig 1913. Universitätsbibliothek der FU Berlin. (Armin Hempel)

Vor mehr als 100 Jahen verschwand aus dem Besitz des Neuen Museums in Berlin ein mehr als 4000 Jahre altes Pyramidenfragment. Forscher und Forscherinnen der Freien Universität haben sich auf die Suche begeben und Unerwartetes entdeckt.

Eine paradoxe Geschichte: Da erforschen Ägyptologen einen Gegenstand – aber der ist gar nicht mehr vorhanden: ein über 4000 Jahre altes Pyramidenfragment. 1875 hat das Deutsche Kaiserreich dieses kleine Pyramidenfragment in Kairo für das Neue Museum erworben, das 20 Jahre zuvor auf der Museumsinsel in Berlin eröffnet worden war. Wenige Jahre nach dem Erwerb ist das rätselhafte Fragment jedoch spurlos verschwunden.  

Stephan Hartlepp: "Das Fragment wurde 1889 entwendet. Es handelt sich mit großer Wahrscheinlichkeit um ein Stück Stein, welches aus einer Wand herausgebrochen wurde. Die genaue Gesteinsart und ob es noch Farbreste darauf gab, ist nicht bekannt. Auch zur Größe haben wir keine genauen Angaben, aber es wird schätzungsweise die Größe eines Notizheftes gehabt haben. Das, was wir sagen können, ist, dass es ca. 4000 Jahre alt ist, und dass man 26 Hieroglyphen in drei Kolumnen angeordnet hat."

Ein Stück Stein in der Größe eines Notizblocks. Stephan Hartlepp ist Ägyptologe am Sonderforschungsbereich "Episteme in Bewegung" an der Freien Universität Berlin. Zufällig stieß er in einer über 100 Jahre alten Publikation auf eine Skizze des Fragments. Nun arbeitet er daran, den Inhalt und die Herkunft des Pyramidenfragments zu rekonstruieren. Passt es zu einer bereits bekannten Pyramide? Und was bedeuten die 26 Hieroglyphen auf dem Fragment?  

Hartlepp: "Zweimal kann man einen Namen lesen, der auf der Basis des Eigennamens des Königs Pepi I. gebildet wird: Anchesenpepi. Neben diesem Namen sind noch andere Begriffe zu sehen. Darunter zwei, die eine Sinneinheit bilden: Mesket Sehedu. Mesket Sehedu kann man vielleicht mit ‚Milchstraße‘ übersetzen. Das, was es auf alle Fälle ist, ist ein Bereich im Himmel mit sehr vielen Sternen."

Uralte erhaltene religiöse Texte

Diese Wörter zeigen, dass das Fragment zu dem sogenannten Pyramidentext-Corpus gehört, sagt Stephan Hartlepp. Die Texte wurden ursprünglich an die Grabwände der unterirdischen Grabanlagen von Pyramiden angebracht. Sie gehören zu den ältesten erhaltenen religiösen Texten der Menschheit, so Professor Jochem Kahl, Experte für Altägyptische Philologie an der Freien Universität Berlin:

"Diese Texte, von denen viele Ritualsprüche sind, dienten dem Himmelsaufstieg des verstorbenen Königs. Sie wurden ursprünglich anlässlich seines Begräbnisses rezitiert und sollten insbesondere seine Aufnahme in die Göttergemeinschaft garantieren. Im Laufe der Geschichte wurden sie auch von Königinnen und hohen Beamten genutzt. Derzeit sind uns mehr als 800 Pyramidentextsprüche bekannt, wobei ein Spruch einen Umfang von wenigen Zeilen bis zu einer DIN A5-Seite in Übersetzung haben kann."

"Das verschwundene Pyramidenfragment"  (Grafik: Martina Hoffmann)"Das verschwundene Pyramidenfragment" als graphische Darstellung. (Grafik: Martina Hoffmann)
So mühsam die wissenschaftliche Detailarbeit ist – wenn aus dem Puzzle ein Bild wird, öffnet sie den Blick in ferne Zivilisationsgeschichte. Die Kombination der Wörter auf dem verschwundenen Fragment legt nahe, dass es sich um den Pyramidentextspruch 262 handelt. In diesem Fall war der Text der verstorbenen Königin Anchesenpepi gewidmet:

"Anchesenpepi passierte das Haus jenes Bas und somit entkam Anchesenpepi der Gewalt des Großen Sees. Anchesenpepi setzte über in der großen Barke, ohne dass in ihr ihr Fährgeld angenommen worden wäre, und ohne dass der Weiße Palast der Großen sie von der Milchstraße der Sterne ferngehalten hätte. Siehe, Anchesenpepi, sie hat die Höhe des Himmels erreicht, und Anchesenpepi hat das Sonnenvolk gesehen!" 

Sophie Ruch: "Hier tauchen wir ein in die Vorstellungen der alten Ägypter darüber, was nach dem Tod geschieht: So steht beispielsweise der ´große See`, der im Text erwähnt wird, für die Einbalsamierung. Wenn es heißt, ´Anchesenpepi passierte das Haus jenes Bas`, so hat sie ihren Körper verlassen und steigt nun in den Himmel auf. Nach altägyptischen Glaubensvorstellungen setzt sich nämlich die Königin aus verschiedenen Wesenheiten zusammen, den sogenannten ‚Ka‘ und ‚Ba‘, die nach dem Tod der Königin zum ‚Ach‘ verschmelzen."

Ein Pyramidenspruch klanglich rekonstruiert

Dank des Wiener Ägyptologen Roman Gundacker gibt es sogar erstmalig eine klangliche Rekonstruktion des Pyramidenspruchs. Wir können heute altägyptische Hieroglyphen lesen und verstehen, aber wie die gesprochene Sprache klang, weiß niemand.
 
Eine Klangrekonstruktion helfe, den Quellen, ihren Verfassern und auch der Vergangenheit näher zu kommen und die Texte zu entschlüsseln, sagt Roman Gundacker:

"Aus einer anderen Hinsicht ist das Ganze aber auch für den Fortgang der Wissenschaft von größter Bedeutung, weil viele Texte durch Wortspiele einen Doppelsinn tragen. Und oftmals kann man diesen Doppelsinn aber nur erschließen, wenn man dieses Wortspiel oder den Gleichklang von Wörtern tatsächlich wahrnehmen und verstehen kann. Also es fördert auch das Verständnis der Texte."

Auch diese klangliche Rekonstruktion gehört zur Forschungsarbeit. Natürlich beantwortet sie noch nicht die Frage, wer die historische Figur ist, die in dem Text auf dem Fragment besungen wird. Dass es vier Königinnen mit dem Namen Anchesenpepi gab, ist belegt. Gibt es noch eine fünfte und damit vielleicht eine bisher unentdeckte Pyramide? Beim Versuch, Antworten zu finden, geht Ägyptologe Stephan Hartlepp so vor wie ein Detektiv und kombiniert:

"Das Grab von Anchensenpepi I. wurde bislang noch nicht gefunden, die Königin hat es aber zweifellos gegeben. Die Gräber von Anchesenpepi III. und IV. sind bekannt und erforscht. In beiden Grabkammern gab es keinerlei Pyramidentexte an den Wänden. Die kommen also nicht in Frage."

Etwas ist irritierend

Bleibt Königin Anchensenpepi II. – ob sie auf dem gesuchten Fragment besungen wird? Ein französisches Forscherteam hat vor gut 20 Jahren in Sakkara, 20 km südlich von Kairo, die für sie errichtete Pyramide entdeckt. Tatsächlich findet sich auf der Südwand dieser Pyramide der Textspruch 262. Irritierend allerdings: Die Richtung der Schrift verläuft in der Grabkammer von rechts nach links, während sie auf der Überlieferung des Fragments von links nach rechts verläuft.

Stephan Hartlepp, Ägyptologe, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sonderforschungsbereich "Episteme in Bewegung" (Erika Borbély Hansen)Stephan Hartlepp, Ägyptologe, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sonderforschungsbereich "Episteme in Bewegung" (Erika Borbély Hansen)
Wie ist das möglich? Stephan Hartlepp berät sich nach einem Besuch im Neuen Museum mit Oliva Zorn, der stellvertretenden Leiterin des Ägyptischen Museums. Sie gibt ihm Auszüge aus den Archivbüchern sowie Objektzettel und plötzlich ist die Lösung für das Links-rechts-Problem der Schrift gefunden, eine verblüffende Lösung:  

Hartlepp: "Nämlich, dass die einzige Publikation, sprich die Abbildung, die jedem Ägyptologen auf der Welt zur Verfügung steht, falsch ist. Denn diese Abbildung ist spiegelverkehrt. Was im Grunde für das Lesen der Hieroglyphen kein Problem ist. Der Pyramidentextspruch 262 an der Südwand der Grabkammer liest sich ja von rechts nach links. Und unser Fragment, wie wir jetzt wissen, auch!"

So wurde bei der Suche nach einem verschwundenen Pyramidenfragment ein folgenreicher Fehler korrigiert – und man hat ein genaues Verständnis seiner Herkunft und Beschaffenheit gewonnen:

Hartlepp: "Gesteinsart, Größe, die Farbe der Hieroglyphen und den genauen Fundort. Und wir können jetzt sagen, dass das Fragment ca. 4300 Jahre alt ist."

Man mag fragen: Eine so aufwändige Recherche für ein einzelnes, nicht einmal mehr vorhandenes Objekt? Ja! Denn hinter einer vermeintlich kleinen Zuordnungsfrage verbirgt sich der weite Kosmos der altägyptischen Welt. Um diese Welt Schritt für Schritt zu erfassen, bedarf es der zuweilen sehr kleinteiligen wissenschaftlichen Feinarbeit.

Die ganze Geschichte präsentiert der Sonderforschungsbereich "Episteme in Bewegung" der FU Berlin im Netz unter www.hinter-den-dingen.de.

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