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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 23.09.2013

Ägyptens Medienschlacht

Der Nachrichtenkanal Al Jazeera unter Propaganda-Verdacht

Von Cornelia Wegerhoff

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Newsroom von Al Jazeera in Doha, der Hauptstadt von Katar (dpa / picture alliance / Tim Brakemeier)
Newsroom von Al Jazeera in Doha, der Hauptstadt von Katar (dpa / picture alliance / Tim Brakemeier)

Der Unmut über Al Jazeera wird größer. Gleich reihenweise kehren Journalisten dem internationalen Fernsehsender den Rücken. Vor allem in Ägypten ist Al Jazeera wegen seiner Berichterstattung über die Muslimbrüder in die Kritik geraten.

Wochenendtreffen unter Freunden in der Kairoer Wohnung von Mohamed Saleh und seiner Frau Nevine.

Die beiden servieren wie landesüblich Shai; starken, schwarzen Tee im Glas. Die Gäste unterhalten sich. Im Hintergrund läuft der Fernseher. In Ägypten gilt das keineswegs als unhöflich. Im Gegenteil: Zur Zeit ist jeder froh, wenn er auch bei Besuchen zwischendurch immer wieder einen Blick auf die Mattscheibe werfen kann.

Mohamed Saleh: "Ich stehe morgens auf und noch bevor ich irgendwo hingehe, schaue ich die Nachrichten. Dann steig' ich ins Auto und schalte da auch gleich wieder den Nachrichtensender im Radio ein. Und wenn ich wieder zu Hause bin, ziehe mich nur kurz um und sitze gleich wieder vor dem Kasten. Ich denke, das macht inzwischen das ganze ägyptische Volk so. Und zwar genau seit zwei Jahren und acht Monaten, seit der Revolution im Januar 2011."

Denn politische Unruhen am Nil herrschen, prägen immer wieder blutige Straßenschlachten die Nachrichten aus Ägypten. Die letzte große Welle der Gewalt überrollte das Land im August, während und nach der Räumung der islamistischen Protestlager in Kairo. Dort hatten sich wochenlang die Anhänger des Anfang Juli gestürzten Präsidenten Mursi verschanzt. Hunderte Menschen kamen ums Leben, Tausende wurden verletzt, als die ägyptischen Sicherheitskräfte die Lager stürmten UND als die Muslimbrüder, aus deren Reihen Mursi stammt, daraufhin tagelang landesweit Rache übten.

Die Armee verhängte über Ägypten den Ausnahmezustand. Doch immer noch gibt es nahezu täglich gewalttätige Übergriffe zwischen den Islamisten und deren Gegnern. Der ägyptische Innenminister Mohamed Ibrahim entkam nur knapp einem Bombenanschlag. Das Land kommt einfach nicht zur Ruhe.

Nachrichtensprecherin: "Herzlich willkommen. - In Ägyptens Hauptstadt Kairo haben sich heute erneut große Menschenmengen zu Protesten versammelt, um damit die legitim gewählte Regierung des gestürzten Präsidenten Mursi zu unterstützen ..."

"Lass uns was anderes gucken",

unterbricht der Gast Tarek Abdel Radi und deutet auf die Fernbedienung, die auf dem Wohnzimmertisch gleich neben dem silbernen Tablett mit den Teegläsern liegt.

"Irgendeinen anderen Kanal, aber nicht Al Jazeera. Wir wissen doch sowieso, was die melden. Schalt mal auf Arabiya um zum Beispiel oder auf ON-TV oder CBC!"

"Al Jazeera ist zum Sprachrohr der Muslimbruderschaft geworden",

meint auch Gastgeber Mohamed Saleh und schaltet um.

Der 34-Jährige und seine nahezu gleichaltrigen Freunde sind Liberale. Von einem "Putsch" , so wie ihn die Sprecherin von Al Jazeera bezeichnet, spräche in Ägypten nur die Muslimbruderschaft, erklären sie. Für den Rest des Volkes sei der Sturz Mursis eine zweite Revolution. Tagelang haben die Männer, die alle als Reiseführer arbeiten, im Juni und Juli auf dem Kairoer Tahrir-Platz mitdemonstriert, um den unliebsamen Präsidenten los zu werden. Mursis vermeintliche Legitimität, von der bei Al Jazeera die Rede ist, habe er durch sein ganz und gar undemokratisches Handeln während seiner einjährigen Amtszeit verspielt. Aber das verschweige der Nachrichtensender.

Während der Revolution war Al Jazeera eine wichtige Informationsquelle

Ägypter tragen eine risiege ägyptische Flagge bei einer Kundgebung auf dem Tahrir-Platz in Kairo. (Maya Alleruzzo/AP/dapd)Feier zum ersten Tag der ägyptischen Revolution, Januar 2012 (Maya Alleruzzo/AP/dapd)Jeder in der Freundesrunde kann Beispiele dafür nennen, wie der mächtige Fernsehkanal aus dem kleinen Emirat Katar für die Islamisten Partei ergreife. Dabei haben viele Ägypter den Sender 2011 beim Sturz von Langzeit-Diktator Mubarak noch als "Sender der Revolution" gefeiert. Während des Volksaufstandes ist Al Jazeera für sie die wichtigste Informationsquelle, weil die gleichgeschalteten, staatlichen Medien in Ägypten die landesweiten Proteste gegen das Regime zunächst verschweigen.

Nevine Saleh: "Vor und nach dem 25. Januar 2011 haben wir immer diesen Sender gesehen. Wir dachten, er ist glaubwürdig. Aber nach einer Weile haben wir herausgefunden, dass es da viele Lügen gibt."

Mohamed Track: "Bei den Freitagsdemos so wie heute oder vorige Woche spricht Al Jazeera immer noch von Hunderttausenden demonstrierenden Muslimbrüdern, obwohl selbst das Bild nur noch ein paar Hunderte zeigt, die tatsächlich da sind."

So Gastgeber Mohamed und seine Frau. Und auch ihr Freund Tarek Abdel Radi, der als Reiseführer vor allem österreichische Urlauber betreut und Deutsch spricht, klagt über falsche Zahlen, die Al Jazeera über die Mursi-Gegner veröffentlicht:

"Am 30. Juni 2013 demonstrierten Millionen Ägypter im ganzen Land. Und Al Jazeera hat nur von Tausenden gesprochen. - Ich habe Jahre lang Al Jazeera angeguckt. Und jetzt schau ich fast überhaupt nicht mehr Al Jazeera. Die bringen überhaupt nur eine Seite und die ist immer die Seite von ,Achuan’, der Muslimbruderschaft."

Auf der Seite der liberalen Demokratiebewegung habe Al Jazeera vermutlich nie gestanden, ist sich Tarek inzwischen sicher.

"Bei der Revolution 2011 hat Al Jazeera nur über Ägypten berichtet wegen der schlechten Beziehung zwischen Mubarak und Katar."

Ist Al Jazeera, von internationalen Kollegen oft respektvoll als "CNN der arabischen Welt" bezeichnet, also in Wahrheit nicht mehr als ein Propaganda-Kanal Katars?

Das winzige Land an der Ostküste der arabischen Halbinsel, ist gerade nur halb so groß wie Hessen, gehört aber durch seine Ölvorkommen zu den wohlhabendsten Staaten der Erde. Diesen Reichtum nutzt Katar, um im Nahen Osten politisch Einfluss zu nehmen. Auch in Ägypten. So unterstützt der islamisch-konservative Monarch aus Katars Hauptstadt Doha die Muslimbrüder.

Besonders deutlich zeigte sich das nach der Wahl von Mohamed Mursi. Der Kandidat der Muslimbrüder bekam als Präsident gleich doppelte Hilfe aus Katar. Einmal durch Milliarden-Kredite und dann durch wohlwollende Berichterstattung von Al Jazeera. Dabei sind die Drähte zwischen Politik und Medien kurz. Der Gründer und Eigentümer von Al Jazeera war noch der Emir von Katar persönlich – Scheich Hamad bin Chalifa Al Thani – damals der mächtigste Mann im Land.
Beim Programmstart 1996 war er mit dem hehren Ziel angetreten, endlich Alternativen zu den staatlichen Propaganda-Kanälen der arabischen Diktatoren zu schaffen. Mit 17 BBC-Journalisten und seinem Vermögen im Rücken baute er damals die erste internationale arabischsprachige Fernsehstation auf.

Dessen Werbe-Trailer ist symbolisch: Aus allen Erdteilen rasen Linien aufeinander zu und verwandeln sich in geschwungene, arabische Lettern: "Al Jazeera" steht schließlich in Gold auf dem Bildschirm zu lesen.

Aktham Soliman fühlte sich als "Soldat in einer großen Armee"

Übersetzt heißt "Al Jazeera” zwar "die Insel” und bezieht sich damit auf die arabische Halbinsel, auf der auch das Emirat Katar und das Sendezentrum liegen. Doch schon seit langem ist der Fernsehkonzern ein "Global Player”, mit Sport-Kanälen, Kinderprogrammen und länderspezifische Live-Angeboten. Rund 50 Millionen Zuschauer täglich sollen die arabischen Sendeangebote via Satellit im Nahen Osten empfangen. Das englischsprachige Programm erreicht laut Verantwortlichen weltweit gut 200 Millionen Menschen. Ihr Webportal Al Jazeera.net gilt als eine der meistbesuchten Seiten der Welt.

Inhalte für das Nachrichtenprogramm kamen auch jahrelang von Aktham Soliman. Er ist Journalist, lebt in Berlin und hat elf Jahre als Deutschland-Korrespondent des Senders gearbeitet.

Aktham Soliman: "Ich habe mich für einen Traum namens Al Jazeera entschieden, sehr bewusst damals. Mit der Zeit wurde der Traum zum Albtraum. Ich war immer stolz ein unabhängiger Journalist zu sein. Auf einmal entdecke ich, ich bin unbewusst ein Soldat in einer großen Armee, die eine sehr klare Führung hat, mit Befehlston. Das ist die Außenpolitik des Staates Katar, die am Ende sogar die Wahrheit ganz ignoriert."

Aktham Soliman zog deshalb bereits 2012 die Konsequenzen und kündigte.

"Der Einfluss der Muslimbruderschaft auf Al Jazeera ist sehr, sehr groß. Viele Mitarbeiter gehören dazu, zu dieser Organisation. Und viele Führungspositionen werden von denen besetzt oder zumindest entscheidende Positionen."

Das Resultat – so der Journalist – ist massiver Einfluß auf Wort und Bild.

"Am 30. Juni waren Millionen Ägypter auf dem Tahrir-Platz. Auf einem anderen Platz waren die Pro-Mursi-Demonstranten. Und die waren viel weniger. Ich will das nicht bewerten, ist mir egal, wer mehr, wer weniger ist. Aber wenn ich durch Nahaufnahmen den Eindruck erwecke, die sind genauso groß, dann habe ich die Wahrheit verzerrt und zwar bewusst."

Der Berliner Journalist Aktham Soliman ist mit seiner starken Kritik nicht allein. Auf besondere Weise macht der ägyptische Al Jazeera-Reporter Hagag Salema seinem Unmut Luft. Er kündigte im Juli, live am Telefon bei der Konkurrenz vom ägyptischen Privatfernsehen:

"Ich weiß, was Neutralität bedeutet. Doch dieser Sender sorgt zur Zeit nur dafür, dass die Auseinandersetzungen zwischen den verfeindeten Gruppen im ägyptischen Volk immer aggressiver werden. Deshalb gebe ich an dieser Stelle bekannt: Um mein Land und meiner eigenen Würde willen, arbeite ich ab sofort nicht mehr für Al Jazeera."

Für die liberalen, ägyptischen Privatkanäle war die Kündigungswelle, die dem Ausstieg von Hagag Salema folgte, ein gefundendes Fressen. Seit der Entmachtung Mursis liefern sie sich eine regelrechten Medienschlacht mit "Al Jazeera”.

Immer wieder versuchen sie zu entlarven, dass die Konkurrenz aus Katar "zum Sprachrohr der Muslimbruderschaft" geworden sei. In einem Videomitschnitt beim Privatsender ON-TV war so beispielweise zu sehen, wie der bekannte Al-Jazeera-Moderator Ahmed Mansour den Islamisten bei einem Vortrag offensichtlich Verhaltenstipps gibt, wie sie medienwirksam demonstrieren sollen:

"Ihr sollt bei den Demos ägyptische Fahnen tragen, so wie die Leute, die gegen Mursi sind. Genauso haben sie am 30. Juni das ägyptische Volk betrogen. Sie haben ägyptische Fahnen getragen und so die Revolution gestohlen. Ihr müsst auch von der Revolution sprechen."

Nicht nur mit Hilfe solcher Ausschnitte wird der einst so geachtete Fernsehsender in Ägypten offen angefeindet. "Al Jazeera"-Reporter wurden von anderen Journalisten aus öffentlichen Pressekonferenzen geworfen, Kamerateams bedroht und tätlich angegriffen. Auf Handzetteln, die in der Nachbarschaft des Kairoer "Al Jazeera"-Büros verteilt wurden, stand neben dem Signet des Senders zu lesen:

"Eine Kugel kann einen Menschen töten, eine lügende Kamera eine ganze Nation."

Auch von offizieller Seite wurde gegen Al Jazeera vorgegangen. Die ägyptische Armee ließ gleich nach dem Sturz Mursis Al Jazeera-Mitarbeiter vorübergehend verhaften und nahm den ägyptischen Live-Kanal "Al Jazeera Mubasher Masr" vom Sender. Aus Gründen der "Staatssicherheit", wie es hieß. Als ein ägyptisches Verwaltungsgericht Anfang September erneut die Sperrung der Sendefrequenzen anordnete, erklärte der Richter nur noch, es habe keine offizielle Lizenz vorgelegen.

Über Londoner Anwälte kündigte Al Jazeera unterdessen an, es werde sich vor internationalen Gerichten und den Vereinten Nationen gegen die Zwangsmaßnahmen zur Wehr setzen. Sie seien ein Verstoß gegen die Pressefreiheit.

Al Arabiya berichtet weitgehend sachlich, meint Karin El Minawi

Die deutsch-ägyptische Journalistin Karin El Minawi berichtet seit acht Jahren für eine große, deutsche Tageszeitung aus dem Nahen Osten. Besonders häufig schreibt sie zuletzt über Ägpyten. Als wichtige Informationsquelle dient ihr Al Jazeera inzwischen nicht mehr.

Karin El Minawi: "Al Arabiya und Al Jazeera waren ja zur Zeit der Revolution die Nachrichtensender, die das Bild, das damals auf der Straße passierte, in die Häuser getragen hat. Und jetzt, wo Al Jazeera in Verruf geraten ist, weil sie ziemlich einseitig berichten, ist Al Arabiya jetzt an erster Stelle."

Denn soweit das in Anbetracht der oft verworrenen Nachrichtenlage überhaupt möglich sei, berichte Al Arabiya weitgehend sachlich, meint Karin El Minawi. Das mag überraschen. Hat Al Arabiya sein Hauptquartier doch in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Deren Regierung verfolgt ebenfalls klare Interessen. Mit Milliarden-Krediten hat sie Ägyptens Armee und die Übergangsregierung gestützt. Aber diese klare Parteinahme zeigt sich im Programm von Al Arabiya bisher nicht. Anders als die privaten Medien – die seien völlig parteiisch, meint die deutsch-ägyptische Journalistin.

"Sie zeigen im Fernsehen alte Filme vom Militär. Die zeigen, wie sie Hand in Hand mit dem Volk auf der Straße sind. Die sind genauso wie Al Jazeera, die polarisieren. Die Objektivität bleibt in Ägypten meiner Meinung nach auf der Strecke. Es wird die Ansicht des jeweiligen Lagers vertreten, da jeder seine Meinung vertritt und vor daher in Ägypten nicht mehr objektiv berichtet wird."

Zurück in der Kairoer Wohnung. Die Freundes-Runde, die gemeinsam demonstrieren geht und auch gemeinsam Fernsehnachrichten schaut, meint dass es absolut richtig ist, dass die ägyptischen Privatsender klipp und klar Partei beziehen:

"Sie berichten einfach über das wahre Gesicht der Muslimbruderschaft."

Nevine Saleh: "Ja, die sind gegen die Muslimbrüder. Aber sie sind ehrlich. Und sie decken auf, was Al Jazeera alles Falsches zeigt. Zum Beispiel war bei ON-TV zu sehen, wie ein Mann einen Beutel mit Blut unter sein Hemd gesteckt hatte und als er das zum Platzen brachte, sah es so aus als sei er schwer verletzt."

Doch die Schlacht der Medien provoziere vielleicht auch wieder Straßenschlachten, befürchtet die Journalistin Karin El Minawi. Denn besonders auf die weniger gebildeten Ägypter habe das Massenmedium Fernsehen eine starke Wirkung:

Karin El Minawi: "Selbst in den einfachsten Viertel haben die auf den Dächern Satellitenschüsseln. Wenn sie keine eigenen haben, dann zapfen sie sich eine Leitung von einer Satellitenschüssel in ihre Wohnung. 40 Prozent der Bevölkerung kann nicht lesen oder schreiben, von daher beziehen sie ihre Nachrichten hauptsächlich vom Fernsehen. Und solange die Privatsender weiter gegen die Islamisten aufhetzen, solange Al Jazeera, solange die weiter falsche Nachrichten überbringen, wird sich die Lage im Land nicht beruhigen."

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