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Buchkritik | Beitrag vom 21.12.2020

Adrian Daub: „Was das Valley denken nennt“Helden des Hightech

Von Arno Orzessek

Das grüne Cover des Buches "Was das Valley denken nennt" auf einer sonnigen Collage. (Suhrkamp / Deutschlandradio)
Schon im Titel steckt Kritik: "Was das Valley denken nennt" von Adrian Daub. (Suhrkamp / Deutschlandradio)

Trotz manchen Heidegger-Zitates und vielfacher Selbststilisierung: Philosophen sind die Tech-Giganten des Silicon Valley nicht. Daran lässt Adrian Daub, der in Sichtweite an der Universität Stanford lehrt, keinen Zweifel.

Schon der Titel "Was das Valley denken nennt" muss den Protagonisten im Silicon Valley missfallen: Adrian Daub bezichtigt sie intellektuell unredlicher Selbststilisierungen und -mystifizierungen. Angefangen mit der Verherrlichung des Studienabbruchs, den sich Mark Zuckerberg, Jeff Bezos und andere zugutehalten, über die "mantraähnlichen Phrasen" und den "Kult um das Genie" bis hin zur ideologischen Verklärung von "Disruption" alias schöpferischer Zerstörung, mit der man auch rabiates Marktgebaren à la Uber beschönigen kann.

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Daub lehrt an der Universität Stanford, die er als "Wartezimmer" des Valleys charakterisiert; er ist mit dem Milieu, der Lebensart und den Denkweisen der Kritisierten vertraut. Der deutschen Ausgabe merkt man allerdings an, dass die amerikanische vorausging: Manche Details werden außerhalb Kaliforniens nur wenige interessieren.

Technologien, nicht Inhalte verändern die Welt

"Dieses Buch handelt von der Ideengeschichte an einem Ort, der gerne so tut, als hätten seine Ideen keine Geschichte", erläutert Daub im ersten Satz. Denn im Valley war am Anfang nicht das Wort oder der hochfliegende Gedanke, am Anfang war die Tat, sprich: die Produktentwicklung. "Wir kamen einfach jeden Tag zur Arbeit und machten das, was uns der richtige nächste Schritt zu sein schien", meinte Mark Zuckerberg lapidar.

Später jedoch entwickelte die Erfolgreichsten smart anmutende Erzählungen über ihren Erfolg ("Narrative"), und selbigen geht Daub auf den Grund. Er zählt maßgebliche Firmengründer zur Post-Hippie-Ära, womit er sich erklärt, dass sie noch als T-Shirt-tragende Multi-Milliardäre einen Außenseiter-Status kultivieren.

Bester Spruch des Büchleins: "Sie sind Außenseiter, wie das hölzerne Pferd ein Außenseiter für Troja war." Unstrittig ist, dass sie eine berühmte These Marshall McLuhans brillant umsetzen: Es sind die Technologien selbst, die die Welt verändern, weniger die Inhalte, die mittels der Technologien transportiert werden.

Nachahmung, Heroismus und Egoismus

Ein zweiter geistiger Pate des Valleys ist nach Daub der französische Kulturtheoretiker René Girard. Dessen mimetische Theorie besagt, dass Menschen sich gegenseitig nachahmen – in allem, was sie tun und was sie begehren. Die Theorie, die zumindest vordergründig gut zum Erfolg der digitalen Revolution und der sozialen Medien passt, hat etwa Peter Thiel beeinflusst, den deutschstämmigen Groß-Investor, Paypal-Gründer und Kapitalgeber von Facebook; sie wird bis heute im Valley in Seminaren und Konferenzen verbreitet.

Und dann ist da noch Ayn Rand, die Evangelistin des ungehemmten Kapitalismus, die das Loblied des heroischen Individuums sang. Ein Elon Musk, der das ganze Sonnensystem als seinen Spielplatz betrachtet, könnte Rands Fantasie entsprungen sein.

Daub mischt soziologische Beobachtungen und philosophische Gedanken mit ideengeschichtlichen Herleitungen, eine restlos konsistente Kritik des Valleys resultiert daraus nicht. Doch wer nach der Lektüre des Essays noch immer auf die Unschuldsmienen der Digital-Fürsten, auf ihre Propaganda, ihre quasi-religiöse Beweihräucherung der Technologie, ihr Gerede von Gemeinschaft, Optimierung und Weltverbesserung hereinfällt, dem sei gesagt: Das Valley hat dich lieb und zählt weiterhin auf dich.

Adrian Daub: "Was das Valley denken nennt. Über die Ideologie der Techbranche"
Suhrkamp Verlag, Berlin 2020
159 Seiten, 16 Euro

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