Seit 16:00 Uhr Nachrichten

Montag, 09.12.2019
 
Seit 16:00 Uhr Nachrichten

Kompressor | Beitrag vom 06.08.2019

Adorno über PopmusikDie ästhetischen Grausamkeiten der Beatles

Thomas Hecken im Gespräch mit Max Oppel

Beitrag hören Podcast abonnieren
Der Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno / Foto um 1960. (picture-alliance / akg-images)
Mochte die Beatles nicht: Der Popfeind Theodor W. Adorno. (picture-alliance / akg-images)

Adorno gilt als Feind der Popmusik. Und das, obwohl er sich nur einmal dazu geäußert hat. Kulturwissenschaftler Thomas Hecken über ein hartes, aber begründetes Urteil.

Wenn es um Massenkultur geht, spielt das Denken des Philosophen Theodor W. Adornos eine wichtige Rolle. Jazzmusik, Hollywood-Filme und Fernsehproduktionen – über all diese Phänomene hat Adorno geschrieben. In dem berüchtigten Kulturindustrie-Kapitel der "Dialektik der Aufklärung" zur "Aufklärung als Massenbetrug", aber auch darüber hinaus.

Der Kulturwissenschaftler Thomas Hecken konnte nur eine Stellungnahme finden, in der sich Adorno direkt zu Popmusik geäußert hat. Vor allem auf sie geht der Ruf Adornos als "Popfeind" zurück.

Ein Feind der Beatles

Hecken erkennt in diesem Urteil kein Ressentiment, sondern eine klare Analyse: Der Grund für die Kritik liege in der reinen Orientierung der Popmusik am Erfolg, an den Charts. In den immer gleichen Songs konnte Adorno nur "ästhetische Grausamkeiten" erkennen, so Hecken. Die Optimierung auf den nächsten Hit sei heute durch Klickzahlen und Likes auf einer persönlichen Ebene angekommen, die Analyse der Kulturindustrie deshalb weiter aktuell.

Zu den frühen Beatles sagte Adorno im Jahr 1965, sie würden sich "heruntergekommener Ausdrucksmittel" bedienen und seien Teil einer "dirigistischen Massenkultur". "Härter kann man im Urteil nicht sein", sagt Hecken. Adorno hätte dieses Urteil auch bis heute nicht revidiert, egal wie progressiv sich Popmusik gebe. Denn für Adorno sei jeder Versuch, über die Popmusik gute Botschaften oder Inhalte transportieren zu wollen, zum Scheitern verurteilt.

Kann man sich Musik auch kritisch aneignen?

In den 90er-Jahren verschwand Adorno jedoch zunehmend aus den Feuilletons. An den Universitäten setzten sich die "Cultural Studies" durch. Ihre Theoretikerinnen und Theoretiker erkannten in Popmusik und Filmen nicht mehr nur einen "Massenbetrug", sondern auch Analysegegenstände, die man sich widerständig und subversiv aneignen könne. Adorno hätte das bis heute abgelehnt, so Hecken.

(sed)

Mehr zum Thema

Adornos Einfluss auf die Popmusik - Guter Pop ist adornitisch
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 06.08.2019)

Zum 50. Todestag von Theodor W. Adorno - Was tun gegen Rechtsradikalismus?
(Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit, 04.08.2019)

Adornos "Studien zum autoritären Charakter" - Der Mensch als Anhängsel der Maschine
(Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit, 04.08.2019)

Fazit

Nach dem SPD-ParteitagFortgesetzte Selbstverzwergung
Ein Schkoladen-Nikolaus steht auf einem Tisch beim SPD-Parteitag (picture alliance/Michael Kappeler/dpa)

Der SPD-Parteitag sollte der Partei Aufwind geben. Aber ist die Sozialdemokratie gerettet? SPIEGEL-Journalist Nils Minkmar hat Zweifel. Die Genossen müssten internationaler denken, die Intellektuellen zurückgewinnen und die Selbstzweifel bekämpfen. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur