Zeitfragen 28.05.2020

ADHS bei ErwachsenenWenn der Kopf ein Rummelplatz istVon Andrea und Justin Westhoff

Beitrag hören Unscharfe Silhouetten eines Karussels verschwimmen mit den Umrissen der mitfahrenden Menschen. (Eyeem/ Rick Engdahl)Ungefiltert strömen Eindrücke auf viele ADHS-Kranke ein. (Eyeem/ Rick Engdahl)

Das Gefühl von Getriebensein, nicht abschalten können, fehlende Impulskontrolle: Nicht nur bei Kindern sind das mögliche Anzeichen von AD(H)S. Auch 2 Millionen Erwachsene sind betroffen - oft ohne es zu wissen, schätzt das Portal "adhs-deutschland".

"Ich war sehr unruhig, ich hatte überhaupt große Probleme, mich anzupassen, zuzuhören, ich wollte immer raus, ich wollte weg, ich wollte mich bewegen, und das war halt ein richtiges Gedanken-Chaos, das sind hundert verschiedene Dinge, alle zur gleichen Zeit, eins ist genauso wichtig wie das andere." 

So wie Jasmin geht es vielen. Auch Mark ist betroffen:

"Was halt typisch für mich ist, ist so Impulsivität, also Dinge sagen, die mir in den Kopf geschossen kommen, ohne das steuern zu können, nicht stillsitzen können und so rumklackern mit so kleinen Dingern, viel Unruhe machen, Dinge vergessen, oder ewig brauchen für eine Email, wo andere fünf Minuten brauchen, brauche ich 20 Minuten, weil ich schon wieder vergessen hab, was ich am Anfang geschrieben habe, aber ich glaube, das Impulsive und das Nicht-konzentrieren-können ist das Schlimmste."

Die Autorin Kathrin Weßling beschreibt ihre Erfahrung so:

"Ich hatte einfach immer das Gefühl, viel zu viel Gefühle zu haben, die mit meinen Gedanken vermischt sind und zu so einem Riesen-Brei werden. Das heißt, dass alles so ungebändigt auf uns einstürmt, was eben auch diese Überreizung macht und dadurch Aggression oder impulsives Verhalten, aber auch solche Sachen wie: Man verschläft einen Flug, der total wichtig ist, und man kann einfach nicht fassen, wie das passieren konnte." (Kathrin Weßling)

Die "Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung", kurz "ADHS" oder im Volksmund das "Zappelphilipp-Syndrom", nach einer Figur aus dem Kinderbuch "Der Struwwelpeter" des Frankfurter Arztes Heinrich Hoffmann: Sie ist eine der häufigsten seelischen Erkrankungen im Kindesalter, fünf bis sieben Prozent der unter 12-Jährigen sind davon betroffen, Jungen etwas mehr als Mädchen.

Aber auch Erwachsene wie "Jasmin" und "Mark" – die nicht wirklich so heißen. Oder die Autorin Kathrin Weßling, die schon vor ein paar Jahren in ihren Texten und in Interviews das Leben mit einer ADHS beschrieben hat.

ADHS entsteht in der Kindheit

"Früher hatte man ja angenommen, dass sich das rauswächst, das ist leider nicht der Fall oder nur bei bestimmten einzelnen Symptomen", sagt Felix Betzler, der an der Berliner Charité eine ADHS-Spezialsprechstunde für Erwachsene leitet. Die Störung entsteht zwar immer schon in der Kindheit, aber mehr als die Hälfte der Betroffenen zeigt auch später noch ein deutlich auffälliges Verhalten:

"Symptome der Unaufmerksamkeit bleiben meistens bestehen, die Hyperaktivität, die wird bei zunehmendem Alter etwas geringer, allerdings muss man sagen, dass sich da die motorische Unruhe ins Innere verlagert, und dass die dann eben zu einer inneren Unruhe wird, die man bei erwachsenen Betroffenen sehr, sehr häufig, eigentlich fast immer findet."

Es gibt eine weitere Form der Erkrankung, die manch einer auch schon in Heinrich Hoffmanns Geschichtensammlung "Der Struwwelpeter" erkennen mochte: Tatsächlich verkörpert sein "Hans-Guck-in-die-Luft" recht anschaulich die "ADS": eine Aufmerksamkeitsstörung ohne motorische Unruhe. Die Menschen sind eher verträumt, schusselig, "ständig mit den Gedanken woanders". Als Kinder fallen sie weniger auf, vor allem in der Schule, und werden deshalb noch seltener diagnostiziert als die Hyperaktiven.

ADHS-Spezialambulanzen für Erwachsene

Das Internetportal "adhs-deutschland" schätzt, dass etwa zwei Millionen Erwachsene hierzulande eine ADHS oder ADS haben – ohne es zu wissen.

Mark zum Beispiel sagt: "Ich bin jetzt 37 und ich fang jetzt zum ersten Mal in meinem Leben an, dazu Gedanken zu entwickeln und damit einen Umgang zu finden, und ich habe Dinge, die vielleicht man heute der ADHS im Kindesalter zuschreiben würde, dem noch nicht zuordnen können. Ich bin ja in der DDR auch zur Grundschule gegangen, die ersten zwei Jahre, damals gab’s ADHS nicht, konnte halt nicht schreiben, und lesen ging halt einfach nicht, das war halt einfach so."

Inzwischen sind die ADHS-Spezialambulanzen für Erwachsene ziemlich überlaufen, auch weil andere Psychotherapeuten manche ihrer Patienten dorthin überweisen. Wie Jasmin:

"Ich befand mich schon in der Therapie wegen Burnout und Depressionen, und dann hat mich meine Therapeutin mal gefragt, ob ich mal über ADHS nachgedacht habe. Und da war ich erstmal stutzig geworden, weil ich das immer so als Kindheitskrankheit eingeordnet habe, und ich hatte auch viele Vorurteile, wie andere auch, dass Kinder, die so was haben, meistens schlecht erzogen wurden, und habe mich belesen und musste dann feststellen, dass das alles ganz genau auf mich zutraf."

"Die Abklärung ist sehr komplex"

In der Tat gibt es seit Anfang der 2000er-Jahre heftige Diskussionen: Von einer "Medikalisierung" sozial-psychologischer Probleme in Schule und Elternhaus war da immer wieder die Rede. Oder von einer "Modekrankheit". ADHS scheint passend, geradezu symbolisch für unsere hektische, überemotionalisierte Zeit. Ein Trugschluss, sagt der Psychiater Felix Betzler:

"Wir müssen davon ausgehen, dass es das immer schon gab. Viele Dinge sprechen dafür, wenn man die Literatur durchforstet, eben dieses so genannte Zappelphilipp-Syndrom, das ist ja uralt, und es kommt auch in jeder Kultur vor, und erst jetzt ist das Bewusstsein dafür geschärft."

Richtig sei zwar, so Betzler, dass vielen Kindern anfangs zu schnell das Medikament "Ritalin" gegeben wurde: "Häufig wird die Diagnose aus meiner Sicht zu schnell vergeben, die ADHS-Abklärung ist sehr komplex."

Aber er fügt gleich hinzu: "Ich kann nicht umhin, das ganz klar als Diagnose zu erkennen, ich sehe so viele Betroffene, und man hat ja letztendlich auch die Erkrankung als solche identifiziert. Und wer das sehen würde, was ich täglich sehe, der hätte praktisch keinen Zweifel."

Miniaturfigur in einer Tablettenverpackung. (picture alliance/imageBROKER/Ulrich Niehoff)Modekrankheit ADHS? Zumindest wurde die Diagnos eine Zeitlang zu schnell gestellt - und auch zu schnell Ritalin verschrieben. (picture alliance/imageBROKER/Ulrich Niehoff)

Die Diskussion, ob ADHS und ADS überhaupt Krankheiten sind, hat den erwachsenen Betroffenen jedenfalls erheblich geschadet, weil ihnen Hilfe verweigert wurde oder sie diese aus Scham gar nicht gesucht haben.

Allerdings ist bei ihnen eine Aufmerksamkeitsstörung nicht immer gleich zu erkennen, weil es hier zu einer Symptomverschiebung kommt. Vor allem die typische "Zappeligkeit", die motorische Hyperaktivität, lässt nach. 

"Ich denke, dass ich's mehr im Griff habe, weil man sich als Erwachsener zusammenreißen kann", sagt Jasmin. "Das ist halt das, was aber den Druck noch mehr erhöht. Und es führt dazu, dass dann soviel Unruhe entsteht und man da gar nicht mehr rauskommt aus seinem eigenen Chaos."

Ungefiltert strömt die Welt auf sie ein

Dieses Getriebensein, das Gefühl, wie unter Strom zu stehen, nicht abschalten zu können. Man ist erschöpft, todmüde und schlaflos zugleich, erzählt Jasmin. Denn das Problem mit der Aufmerksamkeit bleibt. Manche erleben schmerzlich, wie die ganze Welt ungefiltert auf sie einströmt. Mark zum Beispiel:

"Ich hab so einen Rummel im Kopf, und der ist mal einen Tag besser, mal einen Tag nicht so, aber eigentlich ist der immer da, und es passiert immer was, ich war letztes Jahr bei einem klassischen Konzert, und das war sehr schön, mit meiner Partnerin, aber ich kriege halt auch so viel mit, was sie nicht mitkriegt. Wenn sie sich auf die Musik konzentrieren kann, sehe ich halt, dass fünf Leute ihr Handy rausholen und damit rumspielen oder Fotos machen oder so, oder ich von ganz vielen Dingen abgelenkt werde."

Bei anderen ADHSlern ist es genau das Gegenteil: Obsessiv verweilen sie bei einem Gedanken, einer Beschäftigung, als gäbe es nichts anderes.

Und dann die Impulsivität...

"Ich kann es nicht abwarten, bis jemand endlich zu Ende gesprochen hat, fahr ihm dann ins Wort und manchmal auch auf ne Art und Weise, die vielleicht verletzend ist für andere", sagt Jasmin. "Was ich natürlich gar nicht so meine, aber meines Erachtens geht es dann irgendwie nicht schnell genug, weil ich schon viel weiter möchte, und das ist dann halt meine Ungeduld, die dann viele vielleicht nicht so toll finden."

Die fehlende Impulskontrolle führt oft auch zu unüberlegtem Handeln: Erwachsene mit ADHS zeigen nicht selten eine gefährlich hohe Risikobereitschaft etwa beim Sport oder beim Autofahren, sie bringen sich häufiger in finanzielle Schwierigkeiten, geraten schneller in Konflikte mit Partnern oder Arbeitsgebern...

Zum Beispiel Mark: "In Beziehungen, aber auch im Job hätte ich schon viel mehr Probleme gehabt, wenn ich nicht nette Vorgesetzte gehabt hätte, die verstehen, warum das so ist, oder einen Partner, der das mittragen kann, obwohl das für den Partner noch schlimmer ist, weil der alles ungefiltert abkriegt. ich versuche, mich zusammenzureißen, aber fällt mir halt trotzdem schwer."

Kein Zusammenhang mit Hochbegabung

Und die Betroffenen erleben sich selbst oft als Versager, weil sie ihre Ausbildung abbrechen oder geforderte Leistung im beruflichem Alltag nicht konstant erfüllen können, weil sie Dinge immer wieder aufschieben, Versprechen nicht halten.

"Ich kann keine Prioritäten setzen, ich versuche dann, irgendwas anzufangen, will sofort aber das nächste und das übernächste, und das führt dann eben auch zu einer Überforderung, es muss ja mal irgendwann irgendwas fertig werden, denkt man sich", berichtet Jasmin. "Und dann merkt man: Alles angefangen, nichts aufgehört."

Schuld- und Schamgefühle sind die Folge, und häufig werden Menschen mit ADHS oder ADS für "minderintelligent" gehalten. Das sind nicht – allerdings auch nicht überdurchschnittlich oft hochbegabt, wie gelegentlich behauptet wird.

Aber sie sind besonders gefährdet, andere psychische Erkrankungen zu entwickeln, weiß Felix Betzler:

"Man sagt zutreffenderweise, eine ADHS kommt selten allein. Depression ist sehr häufig anzutreffen, auch nicht selten Angsterkrankungen, Zwangserkrankungen, auch da wird diskutiert, ob das eine Art Kompensation ist, und Persönlichkeitsstörungen und Suchterkrankungen."

Die Ursachen sind noch nicht restlos geklärt

Es ist noch nicht ganz geklärt, ob die ADHS-Symptome mit dem Alter nachlassen oder sogar verschwinden. Aber sicher ist, dass diese Folgeerkrankungen im Laufe der Jahre eher zunehmen, weil die psychische Belastbarkeit eines Menschen abnimmt: Wer ein Leben lang gegen Unruhe, Reizbarkeit und Konzentrationsprobleme ankämpfen muss, um halbwegs zu funktionieren, der kann irgendwann nicht mehr.

Die Ursachen der Erkrankung sind noch nicht vollständig aufgedeckt und sehr vielfältig. Einige Erkenntnisse hat man durch intensive Erforschung mit der kindlichen ADHS gewonnen:

"Man nimmt an, dass gewisse genetische Faktoren eine Rolle spielen, und ADHS verläuft auch in Familien, das heißt, wenn wir Patienten mit ADHS haben, ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand anderes in der Familie auch die Störung hat, relativ groß." Aber es sind nicht "die Gene" allein,­ betont Katerina Rasche, Oberärztin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Berliner Vivantes-Klinikums Am Friedrichshain:

"Man weiß, dass es bestimmte Risikofaktoren gibt, die prädisponieren, ein ADHS zu entwickeln, so gehören zum Beispiel Geburtskomplikationen dazu, Nikotinkonsum der Mutter, niedriges Geburtsgewicht und insgesamt Frühgeburtlichkeit."

ADHS ist eine Störung im Gehirn

Fachärzte sind zudem darüber einig, dass es sich um eine Störung im Gehirn handelt:

"Man weiß, dass es bestimmte neuroanatomische Veränderungen im Gehirn gibt. Das heißt, wenn man MRT-Untersuchungen bei diesen Patienten durchführen würde, würde man sehen, dass das globale Gehirnvolumen etwas reduziert ist, und dort vor allem Bereiche, die für die Motorik zuständig sind, zum Beispiel das Frontalhirn, wo sich ein bisschen die Impulsivität dahinter versteckt, und das Kleinhirn.

Das Fron­tal­hirn ist die Steuerzentrale für die In­for­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung. Die wichtigste Aufgabe: Rei­ze zu fil­tern, zu sor­tie­ren, sie zu lö­schen oder wei­terzu­lei­ten. Das passiert über eine chemische Signalübermittlung, die von Botenstoffen gesteuert wird. Und wenn das nicht richtig funktioniert, herrscht "Chaos im Kopf", eine Reizüberflutung, wie Felix Betzler erklärt:

"Bei ADHS-Patienten geht man von einer Botenstoff-Disbalance aus, dass besonders zwei Botenstoffe zu wenig zur Verfügung stehen. Und das ist Noradrenalin und Dopamin. Das lässt sich allerdings diagnostisch noch nicht einsetzen. Also wir können leider keinen Wert messen, dass wir dann eben sagen können, das ist eine ADHS oder nicht."

Computergrafik eines Gesichts. (imago / Panthermedia / kentoh)Bei ADHS-Kranken ist der Informationsfluss im Gehirn gestört. (imago / Panthermedia / kentoh)

Aber vielleicht ja bald: Im Rahmen eines internationalen Forschungsverbundes wurde 2012 das Projekt "The Virtual Brain" gestartet, das die Neurologieprofessorin an der Charité Petra Ritter leitet:

"Das ist mein eigenes virtuelles Gehirn", erklärt sie. "Und da machen wir eine Simulation von EEG, und das kann man auf der Kopfoberfläche messen, das ist jetzt eine Simulation von Aktivität im Gehirn, und das sind so genannte subkortikale Strukturen."

Das Projekt interessiere sich zum einen dafür, wie überhaupt das gesunde Gehirn funktioniere, und zum anderen, wie man dieses Wissen dann auf Gehirnerkrankungen übertragen könne: 

"Das heißt, wie kann man Abweichungen von der Funktionsweise des gesunden Gehirns erkennen und dann entsprechend auch den Patienten helfen. Hier sieht man eine Simulation, wo anhand des EEGs der Strom der Information rekonstruiert wird."

ADHS ist eine Störung des Informationsflusses im Gehirn. Wäre die also mit "Virtual Brain" erkennbar?

"Ja, ganz sicher", sagt Ritter. "Alles, was mit Verhalten zu tun hat, basiert auf den neuronalen Prozessen im Gehirn. Und prinzipiell sind das genau die Prozesse, die wir mit der Gehirnsimulation unter die Lupe nehmen. Nämlich: Wie verändert sich bei Krankheiten die Neurotransmission – so nennt man den Transport von den Botenstoffen von einer Nervenzellpopulation zu der nächsten. Und genauso, wie wir damit Schizophrenie, Depression, traumatische Gehirnerkrankungen, Schlaganfall und Epilepsie beleuchten, denke ich, ist das auch ein geeignetes Tool, um ADHS genauer zu untersuchen und die Vorgänge herauszuarbeiten, die man jetzt noch nicht kennt."

Online-Selbsttests von zweifelhafter Qualität

Solange ist man auf die klassische Diagnostik angewiesen, also im Wesentlichen auf Befragungen und Tests.

Wie oft haben Sie Probleme damit, eine Arbeit zu Ende zu bringen? Wie oft vergessen Sie Termine?
Wie oft vermeiden Sie etwas, weil es viel Aufmerksamkeit erfordert?
Wie oft zappeln Sie herum?
Wie oft stellen Sie fest, dass Sie das, was Sie sich vorgenommen haben, noch gar nicht angefangen haben?

Das Internet ist voll mit solchen ADHS-Selbsttests, und wer hier bei jeder Frage "sehr oft" oder "häufig" ankreuzt hat, hat mit Sicherheit Probleme, die ihm nicht erst durch den Fragebogen offenbart wurden. Vor allem in den USA sind solche Tests ein Marketing-Instrument, das den Absatz von Medikamenten angekurbelt hat.

"Es gibt eine ganze Menge Fragebögen auch im Internet mit zweifelhafter Qualität. Deswegen kann so was nur für Betroffene orientierend sein, um dann solche Sprechstunden wie unsere beispielsweise aufzusuchen", sagt deshalb auch Felix Betzler, der in seiner Sprechstunde an der Charité umfangreiche Untersuchungen zur ADHS bei Erwachsenen durchführt:

"Die Diagnostik läuft so, dass wir ein ausführliches Gespräch mit den Betroffenen führen. Dann gibt es Fragebögen, die fragen die drei Ebenen der ADHS ab: Das ist die Unaufmerksamkeit, die zweite Ebene ist die Hyperaktivität, und das Dritte ist die Impulsivität. Dann ist aber auch sehr wichtig, noch weitere Informationsquellen hinzuzuziehen. Weil eben die Erkrankung ja bereits im Kindesalter begonnen haben muss, also schauen wir uns die Schulzeugnisse an, und wir sprechen mit Angehörigen, meistens sind das die Eltern."

Hilft die Diagnose den Betroffenen wirklich?

Die gesicherte Diagnose ADHS, gerade wenn man sie erst im Erwachsenenalter bekommt, ermöglicht eine Versöhnung mit sich selbst, heißt es oft. Weil aus dem Selbstvorwurf "ich bin unfähig!" die Erkenntnis "Ich habe eine Erkrankung!" wird.

Aber, sagt etwa Jasmin: "Die Menschen, die ich kenne, die sind genauso wenig aufgeklärt, wie ich früher war. Das hat sich bis jetzt noch nicht so rumgesprochen, wie ich mir das wünschen würde. Ich spreche da auch nicht drüber, weil ich sofort merken würde, das wird abgetan, weil das auch viel in den Medien wirklich schlecht gemacht wurde.

Und Mark meint: "Erstmal war es nicht entlastend, ganz im Gegenteil! Und ich bin heute immer noch sehr ambivalent, ob ich das entlastend finde oder ob es mich einfach nur nervt, so, dass ich wieder zum Psychiater renne und eine Therapie suche und ich wieder Dinge verändern muss, damit die Welt mich akzeptiert oder wie auch immer. Nee – noch nervt es mich einfach manchmal, wobei es geholfen hat, dass ich mich deshalb getraut habe, irgendwo hin zu gehen."

Zumindest eröffnen die Diagnose und eine umfassende Aufklärung eine Reihe von Möglichkeiten, den Alltag besser zu bewältigen. Das sind zum einen Psychotherapien, zum anderen Medikamente:

Der wichtigste chemische Wirkstoff gegen ADHS ist Methylphenidat, am bekanntesten das Präparat "Ritalin". Er erhöht die Konzentration der Nervenbotenstoffe Dopamin und Noradrenalin im Gehirn, das dadurch Reize von außen besser filtern kann. 1954 kam "Ritalin" erstmals auf den Markt, seit 1971 fällt es unter das Betäubungsmittelgesetz. Denn der Stoff gehört zu den Stimulanzien, ist also eigentlich ein "Aufputschmittel".

Nebenwirkungen: Gewichtsverlust, Mundtrockenheit, Kopfschmerzen

"Die wirken aber interessanterweise paradox bei Betroffenen. Wenn Nicht-Betroffene die einnehmen würden, dann würden die total hibbelig und unruhig werden", sagt Felix Betzler. "Wenn Betroffene die einnehmen, dann passiert genau das Gegenteil: Die werden dann ruhig, können sich konzentrieren, die Impulsivität geht runter. Das ist sehr, sehr eindrucksvoll, muss man sagen."

"Bei dem Methylphenidat gab’s halt schon eine Wirkung im Sinne von: ich konnte mich besser konzentrieren", sagt Mark. "Und das so ein Aha-Effekt, wo ich dachte, oh krass, so ist das für andere, die können sich 20 Minuten am Stück konzentrieren, und wie absurd das ist, dass ich das nicht konnte."

Jasmin berichtet: "Wir mussten am Anfang ein bisschen experimentieren, weil, ich konnte mich zwar besser konzentrieren, aber wenn die Wirkung nachgelassen hat, bin ich in so ein Müdigkeitsloch reingefallen, und das ist natürlich für das Selbstwertgefühl nicht optimal. Und jetzt sind wir aber auf einem guten Weg, das medikamentös gut einzustellen."

Nebenwirkungen seien unterschiedlich ausgeprägt, sagt Felix Betzler: "Die sind hauptsächlich Appetitverlust, dann auch entsprechend Gewichtsverlust, Mundtrockenheit, Kopfschmerzen in der Anfangszeit, das sind die für die Patienten eigentlich die unangenehmsten."

Mark beschreibt seine Erfahrung als einen emotionalen Lock-in: "Also die Impulsivität war irgendwie weg, aber die kam halt nicht raus. Und ich hab halt nicht mehr gepfiffen oder irgendwas gemacht mit meinen Händen, und das war irgendwie angenehm, glaub ich, für die anderen, aber für mich war’s, als wenn sich das so aufstaut und nicht rauskommt. Und ich dachte wieder, dass ich depressiv werde, was ich ja früher schon mal war, und deshalb nehme ich jetzt das vierte Medikament in der Hoffnung, dass da vielleicht was besser wird."

Die Medikamente wirken nicht bei jedem

Lange Zeit waren Methylphenidat-haltige Medikamente für Erwachsene gar nicht zugelassen. Was besonders junge Menschen mit ADHS vor Probleme stellte, weil sie unter Umständen genau am Ende der Schule oder Ausbildung, kurz vor der Abschlussprüfung alleine gelassen wurden.

Ein Grund: Solche Stimulanzien könnten auch als "Drogen" missbraucht werden. Dazu Felix Betzler:

"Es kommen schon auch einige in die Sprechstunde, die das Gefühl haben, sie können sich nicht so gut konzentrieren und bräuchten quasi da einen kleinen Booster, beispielsweise im Studium, um sich besser hinsetzen zu können und zu lernen. Das ist natürlich nicht im Sinne des Erfinders. Und diese Fälle muss man letztendlich erkennen."

Erst 2011 beziehungsweise 2014 kamen zwei ADHS-Medikamente speziell für Erwachsene auf den Markt. Inzwischen gibt es neben Methylphenidat auch noch andere Arzneistoffe, die zur Behandlung der Aufmerksamkeitsstörung eingesetzt werden, Amphetamine zum Beispiel oder der Wirkstoff Atomoxetin, der den zu schnellen Abbau des Noradrenalin hemmt und nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fällt.

Bei etwa 20 Prozent der Betroffenen wirken die Medikamente allerdings gar nicht. Das liegt zum Teil auch daran, dass sie einfach vergessen oder falsch eingenommen werden, was wiederum ein Symptom der Erkrankung sein kann. Viele brauchen daher zusätzlich eine nicht-medikamentöse Therapie. Angebote gibt es reichlich, allerdings ist die Auswahl nicht beliebig, meint Felix Betzler:

"Ich bin kein Freund dieser Schulenseparierung zwischen Tiefenpsychologie, Analyse und Verhaltenstherapie etc. Bei ADHS allerdings kann man sagen, dass die Verhaltenstherapie die Therapie der Wahl ist, also man lernt beispielsweise Ablagesysteme, Ordnungssysteme, Kalendersysteme sich mit den drei Regeln "immer, alles und zwar sofort" in den Kalender zu schreiben. Das sind die Grundpfeiler der psychotherapeutischen Behandlung der ADHS."

Apps, die gezielt Hirnfunktionen beeinflussen können

"Selbstmanagement" heißt das Zauberwort, sagt Jasmin:

"Und zwar habe ich mir jetzt zum Beispiel zusammen mit meiner Therapeutin Wochenpläne erarbeitet, was ich mir vornehme, natürlich auch, was zu schaffen ist, was ich dann abarbeiten kann, dass ich Pausen machen soll, dass ich mein Chaos, was im Kopf ist, ein bisschen geordnet bekomme. Ich kann mich auch größtenteils dran halten. Es gibt immer wieder Tage, wo ich sage, es ist absolut jetzt nicht möglich, aber das ist eine richtige gute Struktur, die ich an die Hand bekommen habe, woran ich mich langhangeln kann, und das hilft mir wirklich sehr im Alltag."

Das Ganze lässt sich auch gut mithilfe von Kalender- oder "To-Do"-Apps im Smartphone managen, am besten mit Erinnerungsfunktion.

An Apps, die gezielt bestimmte Hirnfunktionen beeinflussen, forscht die Neurologin Petra Ritter im Rahmen ihres Projekts "The Virtual Brain" an der Charité:

"Das hier ist die sogenannte 'BrainModes-App', die wir auch in der Sektion für Gehirnsimulation, so heißt unsere Abteilung, entwickeln."

Mit einer solchen App kann man zum Beispiel lernen, sich zu entspannen oder die Aufmerksamkeit zu fokussieren.

"Ich bin jetzt verbunden mit diesem iPad und meine EEG-Signale werden gemessen", erklärt Ritter. "Beta-Aktivität sieht man hier, Gamma-Aktivität, das sind die Aktivitäten, die stärker werden, wenn man sich konzentriert, und wenn man müde ist und anfängt einzuschlafen."

Konzentration und Entspannung managen

Diese Messungen werden beim "Neurofeedback" genutzt. Das ist ein Verhaltenstraining, bei dem die Patienten durch die "Rückmeldung", also durch Darstellung ihrer Hirnstrommuster auf einem Computerbildschirm "motiviert" werden sollen, einzelne Aktivitäten im Gehirn zu kontrollieren:

"Das ist eine von den Neurofeedback-Apps, die wir entwickeln. Das ist das so genannte Katzenspiel, wo man durch Konzentration beziehungsweise auch Entspannung diese Katze über die Hindernisse steuert. Und man bekommt dann immer 'relax to fly', also praktisch eine Anweisung, um jetzt hochzukommen, muss man sich entspannen, und so hebt man die Katze an, und mal schauen, so kommt man jetzt wahrscheinlich über den nächsten Berg, ja, und jetzt kommt die nächste Anweisung: 'focus to go down', und dann muss man sich eben fokussieren. Also zum Beispiel mathematische Berechnungen mach ich dann immer, so kann man sehr leicht lernen zu beeinflussen, was das Gehirn gerade macht."

Im Sommer 2018 wurden Neurofeedback-Methoden nach eingehender Prüfung in die Leitlinie zur Behandlung von ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter aufgenommen.

Heilbar ist die Aufmerksamkeitsdefizitstörung bis heute nicht. Man muss lernen, damit zu leben. Für Jasmin war die gesicherte Diagnose ein wichtiger Schritt auf diesem Weg:

"Für mich persönlich ist es gut, ich habe dadurch mehr Selbstvertrauen gewonnen, weil ich auch wirklich was Positives jetzt inzwischen rausziehen kann, und tatsächlich bin ich kreativ und kann das mehr ausleben, aber da bin ich noch erst am Anfang."

Es wird immer wieder diskutiert, ob man einer solchen Diagnose auch etwas "Gutes" abgewinnen kann. Ein positiver Aspekt sei zum Beispiel, dass Menschen mit ADHS oder ADS viel emotionaler sind als andere, also auch einfühlsamer, empathiefähiger. Mark, der selbst im medizinischen Bereich arbeitet, überlegt einen Moment:

"Mhm, nee, weil, ich nehme ja alles wahr. Also wenn ich im Café sitze mit meiner Lebensgefährtin oder eben anderen und ich krieg halt die Gespräche vom Nachbartisch mit, dann ist das erstmal anstrengend, ihr zu folgen, also ich sehe da noch nicht so viele Vorteile drin. Ich hab ganz nette Kollegen, die mir immer wieder sagen, wie toll ich bin und dass ich auch gute Seiten habe im Umgang mit Patienten, weil ich so offen bin und so, viele schreiben auch von Kreativität oder von – keine Ahnung, noch sehe ich die sehr positiven Dinge davon nicht."

Nicht krank, nur einfach anders?

Viele Prominente, die sich öffentlich zu ihrer ADHS bekannt haben, kommen aus dem kreativ-künstlerischen Bereich.

Das hat die Debatte noch einmal befeuert, ob ADHS und ADS überhaupt Krankheiten sind, oder ob hier eine Pathologisierung stattfindet von Menschen, die einfach anders sind: anders denken und fühlen, sich nicht gut in unsere Leistungsgesellschaft einpassen können – oder wollen. Und ob – unter massivem Einfluss der Pharmaindustrie – das soziale Funktionieren mit Hilfe von Medikamenten hergestellt werden soll.

"Was wir mit den Medikamenten tun, ist eine Symptomkontrolle", sagt Felix Betzler. "Und je stärker der Ausprägungsrad, desto durchschlagender dann auch die Effekte der Medikation. Wenn Patienten, die sehr, sehr schwer betroffen sind, dann zum ersten Mal die Medikamente kennenlernen und dann eben Dinge, die sie gar nicht für möglich gehalten hatten, dann eben zu Ende bringen können  – das ist sehr beeindruckend."

Dennoch halte er es für sehr wichtig, das auch immer kritisch zu hinterfragen, betont Betzler. "Weil ich nämlich auch der Meinung bin, dass besonders in den USA die Medikamente zu schnell verschrieben werden. Es ist auch sicherlich kein Zufall, dass die Zahl der identifizierten Erkrankten doppelt so hoch ist wie bei uns."

Das A und O der ADHS und ADS sei die gesicherte Diagnose, "weil das ja eine sehr eingreifende Therapie ist, die wir da machen. Jeden Tag Stimulanzien einnehmen, dafür muss man sich der Diagnose schon sicher sein, um das in Kauf zu nehmen, und die Ausprägung muss auch schon einen Leidensdruck erzeugen."

Jasmin jedenfalls hat es geholfen: 

"Also weg ist es nicht, aber es ist deutlich besser geworden. Ich habe zum Beispiel festgestellt, als ich neulich mit der S-Bahn gefahren bin, da konnte ich ein Buch lesen, obwohl die S-Bahn sehr voll war. Das wäre früher nie möglich gewesen. Weil ich ja alles gehört und gesehen habe, da habe ich’s gar nicht erfassen können, weil es zu viel auf einmal war."

Regie: Beatrix Ackers, Sprecherin: Eva Meckbach, Ton: Jan Fraune,  Redaktion: Jana Wuttke.

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