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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.03.2010

Adam und Eva lieblos

Der israelische Autor Meir Shalev auf Lesereise mit dem Buch "Aller Anfang"

Von Tobias Wenzel

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Ein alter Mann liest  in der Bibel (AP)
Ein alter Mann liest in der Bibel (AP)

Seit früher Kindheit ist der israelische Autor Meir Shalev angetan von der Bibel als literarisches und historisches Buch. In seinem neuen Buch "Aller Anfang" sucht er nach den ersten Malen in der Bibel, dem ersten Auftauchen der Liebe, des Lachens und des Hasses.

Das Hauptziel des Bibelstudiums an israelischen Schulen bestehe darin, dafür zu sorgen, dass nach dem Ende der Schulausbildung niemand jemals wieder die Bibel lese. So Meir Shalev ironisch am Montagabend bei der Vorstellung seines Buches "Aller Anfang" im Jüdischen Museum Berlin. Ein angemessener Ort, um ein Buch über das Alte Testament vorzustellen, das nach den Anfängen von Liebe, Hass und anderen Phänomenen Ausschau hält.

Noch am Nachmittag, als der 61-jährige schlanke Autor mit kurzen Haaren und hoher Stirn in seiner absuderweise in rosa gestylten barbiehaften Hotelsuite über die Bibel sprach, konnte er sich ein Lachen nicht verkneifen. In der Bibel, schreibt Meir Shalev in seinem neuen Buch, gibt es hingegen nicht viel zu lachen. Überhaupt wird nur an einer Stelle gelacht:

"Das ist das erste und letzte Mal in der Bibel. Abraham und Sara lachen, als Gott ihnen verspricht, dass sie einen Sohn bekommen. Da ist er 99 und sie 89 Jahre alt. Die Bibel ist offensichtlich ein sehr ernstes Buch. Es gibt zwar auch ein paar lustige Episoden in der Bibel, aber gelacht wird nur an dieser einen Stelle. Auf der anderen Seite wird in der Bibel sehr viel geweint. Das sagt ja auch schon einiges über Bibel."


Als Kind wurde Meir Shalev auf zwei vollkommen verschiedene Arten in die Bibel eingeweiht. Im Schulunterricht sollte er die Bibel als Heiligtum betrachten. Zu Hause brachte ihm sein Vater, ein Lehrer für Bibelkunde, das Buch der Bücher wirklich näher. Er besuchte mit Meir und dessen Schwester die Schauplätze der Bibel.

"Am meisten hat mich der erste Besuch beeindruckt. Damals gingen wir genau an den Ort, an dem David Goliath tötete. Das ist ungefähr 40 Minuten von Jerusalem entfernt. Mein Vater hatte das alles sehr genau geplant. Er hatte sogar einen Freund mitgebracht, der mit einer Steinschleuder gekonnt Steine schoss, während mein Vater die Bibelstelle las. Da war ich sechs oder sieben und wie hypnotisiert. Damals wurde für mich die biblische Erzählung wahr, nicht als göttliches Wunder, sondern einfach als eine wahre Geschichte."

Seitdem hat die Bibel Meir Shalev nicht mehr losgelassen, allerdings vor allem als literarisches und historisches Buch. Und nun hat er sich auf die Suche nach den ersten Malen in der Bibel begeben. An welcher Stelle taucht zum ersten Mal ein Traum auf? Und wo zum ersten Mal die Liebe?

"Hat Adam Eva geliebt? Hat Eva Adam geliebt? Gut möglich, aber ihre Beziehungen werden nicht mit dem Wort 'Liebe' beschrieben. Schade."

Wenige Worte und schon hat Meir Shalev die romantische Vorstellung vom biblischen Paradies zerstört. Stattdessen liebt zum ersten Mal in der Bibel wortwörtlich Abraham seinen Sohn Isaak. Shalev nimmt die ersten Male der Bibel immer nur als Ausgangspunkt, um seine eigenen, überraschenden, oft augenzwinkernden Interpretationen anzuführen. So kommt der Autor schnell von den ersten Tieren zu der oft so gedeuteten Aussage der Genesis, Gott habe den Menschen die Tiere gegeben, um sie zu beherrschen. Ein Freibrief zur Ausbeutung der Tiere, so Shalev, und, sobald man Menschen als Tiere bezeichnet, zur Unmenschlichkeit:

"Da beginnt der Rassismus. Zum Beispiel haben die Nazis die Juden als Ratten bezeichnet. Das gab ihnen später die Legitimation, sie umzubringen. Werden Ratten getötet, misst man dem keine Bedeutung bei. In der Bibel ist von den großen Menschen aus Kanaan die Rede, die auf andere Menschen wie auf Heuschrecken hinabschauen. Es sind meistens Wörter für kleine, hässliche Tiere, die es angeblich nicht wert sind, am Leben zu bleiben."

Wie die Polygamie mit dem ersten Fall von Hass in der Bibel zusammenhängt, an welcher Stelle die ersten Spione auftauchen, die den modernen Geheimdiensten in nichts nachstehen, all das erfährt man aus Shalevs auch oder vielleicht gerade für Atheisten interessantem Buch. Er interpretiert – zum Ärger gewisser Glaubenshüter -, was zwischen den Zeilen steht:

"Ich mag an der Bibel, dass sie kein psychologisches Buch ist. Die Bibel beschreibt die Handlungen und Worte der Menschen. Und der Leser muss dann entscheiden, wie ihre Seele, ihre Gefühle, ihre Gedanken aussehen: Warum verhielt sich Jakob nur so? Warum hatten König David und seine Frau Michal eine so schlechte Beziehung? Man liest nur über den Kampf, aber man muss verstehen, wie es dazu kam."


Meir Shalev: Aller Anfang
aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
Diogenes Verlag 2010
378 Seiten, 22,90 Euro.

Am Dienstag (23.03.) liest Meir Shalev aus dem Buch in Dresden, am Mittwoch in Regensburg und am Donnerstag in München.

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