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Buchkritik | Beitrag vom 20.06.2018

Adam Rutherford: "Eine kurze Geschichte von jedem ..."Was Gene über den Menschen verraten

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Im Vordergrund: Cover des Buches "Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat. Was unsere Gene über uns verraten", im Hintergrund das Modell einer DNA. (Rowohlt / Imago)
Gentests haben oft nur eine sehr bedingte Aussagekraft, meint Adam Rutherford. (Rowohlt / Imago)

Das unterhaltsame Buch "Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat" gibt Einblick in die aktuelle Genomforschung. Darin behauptet der Journalist und Genetiker Adam Rutherford, dass jeder Europäer mit Karl dem Großen verwandt sei.

Faszination und Bescheidenheit, das hat Adam Rutherford aus seiner Beschäftigung mit dem Genom gelernt. Der Journalist ist studierter Genetiker und weiß: Einerseits verrät die DNA vieles über die Menschen als Gruppe, andererseits verrät sie überraschend wenig über den Einzelnen.

"Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat" beginnt mit einem Blick zurück in die Vergangenheit des Homo sapiens. Rutherford kartiert seine Wanderungen und seine Liebschaften mit anderen Homo-Arten wie etwa den Neandertalern und schreibt: "Wir tragen ihre Gene, und ihre Unsterblichkeit wird genauso lange anhalten wie unsere eigene."

"Es lebe der König!"

Inhaltlich kann man das auch bei anderen Autoren lesen, aber die wenigsten sind dabei so unterhaltsam wie der Engländer. Der Genetiker hat einen sehr eigenen Blickwinkel auf das, was Gene über den Menschen verraten. Über Angehörige des Adels etwa schreibt er: Die seien besonders stolz darauf, ihre Abstammungslinie meist auf berühmte Herrscher zurückführen zu können, aber das mache sie nicht zu etwas Besonderem. "Sie sind königlicher Abstammung, weil jeder von uns königlicher Abstammung ist." Um dann fortzufahren: "Es lebe der König!" Denn gehe man ein paar Jahrhunderte zurück, verschmelzen die verschiedenen Stammbäume zu einem gemeinsamen Netzwerk und so ist jeder Europäer immer mit Karl, dem Großen, verwandt, ein Nachfahre der Wikinger und trägt jüdische DNA in sich.

"Vererbung ist ein Wahrscheinlichkeitsspiel"

Dieser Blick zurück ist informativ, aber relevant wird die Genetik erst in der Gegenwart. Beispiel Rassenfrage. Die Hautfarbe mag zwar deutlich sichtbar sein, aber das ist ein rein oberflächliches Merkmal: "Genetisch unterschieden sich zwei Schwarze wahrscheinlich deutlich stärker voneinander als ein hell- und ein dunkelhäutiger Mensch". Es lassen sich anhand der DNA zwar Gruppen definieren, so der Autor, aber die entsprechen dem Rassebegriff nur sehr bedingt.

"Wissenschaft versucht das, was sich richtig 'anfühlt' von dem zu trennen, was tatsächlich richtig ist", schreibt Adam Rutherford. Die Betonung liegt dabei auf "versucht". Denn Forschung liefert keine ewigen Erkenntnisse. Wissen entwickelt sich, hat eine eigene Geschichte. So war es Endes des 20. Jahrhunderts etwa selbstverständlich über ein Gen für Homosexualität, über eins für das ewige Leben oder über das für Fettsucht zu sprechen. Heute gilt das als überholt. "Vererbung ist ein Wahrscheinlichkeitsspiel, kein Schicksalsspiel", betont Adam Rutherford folgerichtig. Meist wirken viele Gene zusammen und auch die Umwelt nimmt - selbst bei vielen Erbkrankheiten – Einfluss. Daher haben Gentests oft nur sehr bedingte Aussagekraft: "Jeder, der etwas anders sagt, möchte Ihnen etwas verkaufen!"

Skepsis gegenüber den Schlagzeilen

Adam Rutherford eröffnet auf den über 460 Seiten seines klugen Buches einen ebenso informativen wie amüsanten Einblick in die aktuelle Genomforschung. Quasi nebenbei impft er seinen Lesern auch eine gewisse Skepsis ein und vermittelt ihnen das intellektuelle Handwerkszeug, um die nächste Schlagzeile zu Errungenschaften der Genetik besser einordnen zu können. Von daher: eine ganz klare Leseempfehlung!

Adam Rutherford: Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat. Was unsere Gene über uns verraten
Übersetzt von Monika Niehaus und Coralie Wink
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2018
464 Seiten, 16,99 EUR

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