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Studio 9 | Beitrag vom 15.04.2016

Ackerbau-ProjektEine Perspektive für syrische Flüchtlinge in der Türkei

Von Reinhard Baumgarten

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Ya’qub Latif: Ohne Unterstützung der Welthungerhilfe käme die Familie nicht über die Runden (ARD / Reinhard Baumgarten)
Ya’qub Latif: Ohne Unterstützung der Welthungerhilfe käme die Familie nicht über die Runden (ARD / Reinhard Baumgarten)

Unmittelbar an der syrischen Grenze nahe der Kleinstadt Elbeyli finanziert die Deutsche Welthungerhilfe ein Pilotprojekt. Sie hat für 30 syrische Flüchtlingsfamilien Ackerland gepachtet. Der Anbau von Tomaten und Paprika soll ihnen eine Zukunft ermöglichen.

Bis zur Grenze sind es nur wenige Hundert Meter. Auf der anderen Seite wird ge­kämpft. Manchmal fliegen Granaten über den Zaun, sagt Fatima Lativ.

"Wir gehen nicht zurück. Wir haben vier Kinder. Da drüben gibt es nichts: kein Wasser, kein Brot, kein Strom, gar nichts. Hier ist es auch nicht leicht, aber es ist besser als in Syrien."

Fatima und Ya’qub Latif sind syrische Bauern auf türkischem Boden. Seit diesem Frühjahr beackern sie einen halben Hektar Land nahe der Kleinstadt Elbeyli.

"Der Markt ist da"

"Das funktioniert so, dass die Welthungerhilfe von türkischen Bauern Land pachtet für die syrischen Bauern, die dann auf diesem Stück Land ihre Produkte anbauen können."

Dirk Hegmanns ist Leiter der Deutschen Welthungerhilfe in der Türkei.

"Das ist hauptsächlich Paprikaschoten- und Tomatenproduktion, die dann auch gut vermarktet werden können in Gaziantep. Der Markt ist da, der Markt ist groß. Wenn das gut klappt, haben wir auch vor, das in großem Rahmen in anderen Regionen der Türkei durchzuführen."

Nachhaltigkeit im Mittelpunkt

30 Millionen Euro setzt die Welthungerhilfe in diesem Jahr in der Türkei ein, um das Los von gut 750.000 Menschen zu erleichtern.

"Das Wichtigste überhaupt ist für Syrer Nachhaltigkeit", erklärt Osama Yabancı, zuständig für das Landwirtschaftsprojekt in Elbeyli.

"Die Welthungerhilfe gibt ihnen das Material, das Saatgut, die Maschinen, die Bewässerung, Düngemittel."

Hilfe zur Selbsthilfe. 30 syrische Flüchtlingsfamilien nehmen an dem Pilotprojekt teil. Pro Familie investiert die Welthungerhilfe rund 2000 Euro.

"Nächstes Jahr werden sie das Land pachten und dann werden sie selbstständig das Gemüse anbauen", ist Osama Yabancı überzeugt.

Fatima Latif: "Wir gehen nicht zurück, wir haben vier Kinder." (ARD / Reinhard Baumgarten)Fatima Latif: "Wir gehen nicht zurück, wir haben vier Kinder." (ARD / Reinhard Baumgarten)

10 Euro für den Tagelöhner

Granaten in der Ferne. Ya’qub Latif zuckt mit den Schultern. Welche Wahl haben wir, fragt er ratlos. Die ersten Pflänzchen zeigen sich bereits. Zart schieben sie sich durch die hellbraune Erde. Ya’qub Latif ist zufrieden und zuversichtlich.

Die Latifs bewohnen einen 16 Quadratmeter großen Verschlag plus Kochstelle, für den sie um­ge­rechnet 120 Euro zahlen. Ya’qub Latif verdingt sich als Tagelöhner. Etwa 10 Euro bringt er an guten Tagen nach Hause. Ohne Unterstützung der Welthungerhilfe kämen sie nicht über die Runden.

"Wenn ich Glück habe, kriege ich einen Job. Aber wir leben seit sechs Monaten mehr oder weniger von dem, was wir uns vom Geld der Welthungerhilfe kaufen können. Wir sind sechs Personen und bekommen im Monat knapp 100 Euro. Das reicht um be­stimmte Grundbedürfnisse wie Zucker, Tee oder Reis decken zu können."

Potenzial für eine langfristige Perspektive

Schoten und Tomaten werden die Latifs nicht reich machen. Aber sie werden ihr Le­ben verbessern, zeigt sich Dirk Hegmanns zuversichtlich.

"Im ersten Schritt ist das vielleicht nicht viel, was sie da produzieren. Wir haben das mal ausgerechnet. Das sind so um die 3000 Euro, die sie damit verdienen. Wenn man das dann später in größerem Maßstab macht, dann können sie da durchaus eine langfristige Perspektive draus entwickeln."

Vielen syrischen Flüchtlingen fehlt in der Türkei genau das: eine Perspektive für die Zukunft. Die Latifs sorgen sich um ihre Schoten. Sie denken jedenfalls nicht da­rüber nach, sich auf den Weg nach Deutschland machen zu wollen.

Der Anbau von Tomaten und Paprika soll ihrer Familie eine Zukunft ermöglichen. (ARD / Reinhard Baumgarten)Der Anbau von Tomaten und Paprika soll ihrer Familie eine Zukunft ermöglichen. (ARD / Reinhard Baumgarten)

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