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Tonart | Beitrag vom 03.03.2015

Acid BrassDer wilde Geist des Widerstandes

Von Oliver Schwesig

Der britische Künstler Jeremy Deller, aufgenommen bei einer Ausstellungseröffnung am 20.5.2005 in Wien. (imago / SKATA)
Der britische Künstler Jeremy Deller (imago / SKATA)

Vor 30 Jahren endete der Streik der britischen Bergarbeiter. Der Konzeptkünstler Jeremy Deller hat dieses epochale Ereignis musikalisch verarbeitet. Sein Projekt Acid Brass kombiniert die Blasmusik der Arbeiterkapellen mit der Clubmusik Acid Jazz.

Englische Kleinstädte, Hunderte wehrlose Arbeiter, umringt von viel Polizei und irgendwann bricht Panik aus. Es fliegen Steine, Menschen schreien um Hilfe, Sirenen heulen und man sieht viele Verletzte. Auch 30 Jahre nach diesen Ereignissen lassen einen die unscharfen Videokameraaufnahmen von den Streiks, die man im Internet findet, nicht kalt. Die größte soziale Unruhe der Nachkriegszeit in Großbritannien, die hierzulande – auf dem Kontinent - schon fast in Vergessenheit geraten ist.

Der gescheiterte Streik sorgte für Katerstimmung in der britischen Gesellschaft. Nur kurze Zeit später boomte die Rave-Kultur. Acid House war die eskapistische Antwort der britschen Jugend auf den Nihilismus der Thatcher-Jahre.

Sehr unterschiedliche Phänomene der Protestkultur

Der Kontrast könnte kaum größer sein zwischen Blasmusik, gespielt von den Brassbands der Kohlegruben und Acid House. Für den britischer Konzeptkünstler Jeremy Deller gibt es zwischen den beiden Musikkulturen dennoch eine musikalische Verbindung. Beide atmeten den Geist der Protestkultur gegen Thatchers neoliberalen Umbau der britischen Gesellschaft, erklärt Deller:

"Ich hatte nur wenig Verbindung in diese Szene, war nur ein Beobachter von außen, ebenso bei den Brassbands. Nun und beide sind eng verbunden mit sozialen Unruhen. Und beide assoziierte man irgendwann eben auch mit einer politischen Bewegung. Als es um Streiks ging, oder bestimmte Gesetze oder Gewerkschaftsrichtlinien, etc. Und so bekamen diese musikalischen Stile eine politische Seite, was ursprünglich gar nicht mal geplant war."

Und so hört es sich an, wenn eine berühmte Bergarbeiter Kapelle Acid House Musik spielt: Jeremy Deller hat diese Fusion aus Bergarbeiter-Blaskapelle und Acid Jazz auf die Bühne gebracht. Beim größten Musikmagazin der Brass-Szene hatte er zunächst nachgefragt – wer ist die beste Kapelle im Land? Man empfahl ihm die Williams Fairey Brass Band. Bis heute eine der renommiertesten Bläser-Kapellen Englands. Sie sagten zu. Acid Brass war geboren. 1997 gab es das erste Konzert.

Eine echte musikalische Herausforderung

Aber so unterschiedlich wie der geschichtliche Hintergrund dieser Musiken, so unterschiedlich waren auch die musikalischen Strukturen. Auf der einen Seite eine monotone, repetitive Tanzmusik, die von DJs produziert wurde. Und auf der anderen Seite eine tradierte Musik, die professionelle Musiker nur nach Noten spielen.

Deller engagierte den Soundtrack-Komponisten Rodney Newton, der die Partitur für die Bläser notierte:

"Nun, einige Stücke sind sehr repetitiv. Manche sind sogar sehr anspruchsvoll mit Tonartwechsel, komplizierten Melodien. Und diese etwas anspruchsvolleren Stücke habe ich auch ausgewählt. Die, die ich mochte und von denen wusste ich auch: Die würden funktionieren. Denn es gibt Musik, die klingt super in einem Club, aber außerhalb eben nicht mehr. Und einige kann man sich eben in unterschiedlichen Zusammenhängen trotzdem noch anhören. Deshalb habe ich auch Songs ausgewählt, die sich episch oder manchmal sogar melancholisch anfühlten."

Was auf den ersten Blick nach einem musikalischen Spaß klingt, war für die beteiligten Musiker aber eine echte Herausforderung. Nigel Beasley, der Manager der Williams Fairey Brass Band erzählt:

"Rodney Newton hat sich die Stücke genau angehört und ganz penibel alles notiert. Die Stücke sind sehr repetitiv und das erfordert doch eine hohe Konzentration. Das ist wirklich eine Herausforderung. Dance Music hat ja normalerweise immer so ein permanentes Riff unterlegt, das dauernd wiederholt wird. Und da braucht man ein hohes Level an Konzentration. Aber das ist sehr effektiv."

Die Tanzmusik taugt für Konzerte

Was sagt nun das musikalische Ergebnis aus? Klar, besonders wenn man die Acid House Originale kennt, macht die Brass-Version am meisten Spaß. Und das ganze funktioniert auch sehr gut live: Die Williams Fairey Brass Band spielt immer wieder Acid Jazz Konzerte – sogar auch schon in Deutschland.

Nachzuhören ist das auch auf dem Album "Acid Brass": Die Klassiker des Acid Jazz finden sich dort: Tracks von 808 State, KLF oder Kevin Saunderson. Aber man merkt auch beim Hören der neuen Versionen, wie dehnbar diese simple Tanzmusik ist, und dass diese DJ-Erfindung auch als Konzertmusik taugt. Acid House und Brass Band Music - diese beiden musikalischen Extreme passen auch deshalb ganz mühelos zusammen, weil sie eine großen Gemeinsamkeit haben, die durch beide Musiken weht: Der wilde Geist des Widerstandes.

Mehr zum Thema:

Britischer Bergarbeiter-Streik - Wunden bis heute nicht geheilt
(Deutschlandradio Kultur, Kalenderblatt, 03.03.2015)

Englischer Film - Bündnis aus Bergarbeitern und Schwulen
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 27.10.2014)

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