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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.09.2007

Achterbahnfahrt der Gefühle

Barbara Sichtermann: "Pubertät - Not und Versprechen", Beltz Verlag, 2007, 268 Seiten

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Bruch mit dem bisherigen Leben  (Stock.XCHNG / joana franca)
Bruch mit dem bisherigen Leben (Stock.XCHNG / joana franca)

Mit einer zugespitzten Sicht auf das "Frühlingserwachen" der Sexualität lotet Barbara Sichtermann alte Fragestellungen neu aus: Was passiert mit dem Körper? Was treibt die Jugendlichen zu Grenzerfahrungen und Provokationen? Was reizt an der Peergroup? Dabei ist ein weises, anspruchsvolles und gut geschriebenes Buch herausgekommen.

Um uns die Pubertät begreiflich zu machen, setzt Barbara Sichtermann einen Schritt vor den herkömmlichen Büchern auf dem Markt an. Sie wirbt nicht einfach für Verständnis für das aufmüpfige und verquere Gehabe der Mädchen und Jungen, die in dieser Umbruchszeit aus der Spur springen.

Vielmehr beschreibt sie, was die erwachende Sexualität mit den Teenagern zum Ende ihrer Kindheit anrichtet: Sie gehen als Kind zu Bett und wachen als Triebwesen wieder auf! In unserem Alltagsleben verheißen erotische Anspielungen stets Lust und Glück. Doch was die Jugendlichen erleben, ist zunächst ein Zerstörungswerk und Albtraum. Das tut weh – auch wenn davon niemand spricht.

Mit dem Beginn der Pubertät ist nichts mehr wie in der schönen heilen Kinderwelt. Plötzlich passiert etwas mit dem eigenen Körper, man fühlt sich fremd und unbehaglich in der eigenen Haut und kennt sich im eigenen Leben nicht mehr aus. Das ist ein Verlust, der zu betrauern ist. Doch so offen und aufgeklärt sich unsere Gesellschaft auch gibt – über diese dunklen, wilden, animalischen Seiten der Sexualität herrscht meist Schweigen, was für Jugendliche diese Phase noch schwieriger und einsamer erfahren lässt.

Mit dieser zugespitzten Sicht auf das "Frühlingserwachen" lotet Barbara Sichtermann alte Fragestellungen neu aus: Wie ist das mit der Scham? Was passiert mit dem Körper? Was treibt die Jugendlichen zu Grenzerfahrungen und Provokationen? Was reizt an der Peergroup und welche Rolle bleibt den Eltern? Aus der Perspektive der Heranwachsenden versucht die Autorin zu erahnen, was diese Veränderungsprozesse für die jungen Menschen bedeuten.

Wie ist das beispielsweise für eine 13-Jährige, die, noch ehe sie ihre eigene Attraktivität für sich annehmen konnte, erlebt wie andere darauf begehrlich reagieren und sie mit Sprüchen belagern? Eine Katastrophe! An der Öffentlichkeit überspielt sie die mit abgeguckten Posen. Im Verborgenen weint sie darüber. Alles Wissen um Sexualität hilft nicht über dieses Gefühlschaos hinweg. Klar bleibt die Autorin bei ihrer These: Pubertät bedeutet einen Bruch mit dem bisherigen Leben und alle Versuche, den zu kaschieren oder mit Verständnis überbrücken zu wollen, führen zu nichts. Die Not muss akzeptiert werden, wie das Versprechen.

Dabei beschreibt Barbara Sichtermann deutlicher, als man es ansonsten liest, dass angesichts der gesellschaftlichen Rollenerwartung Pubertät für Mädchen und Jungen durchaus zweierlei bedeutet. Mädchen müssen früh begreifen: Ihre Pubertät ist ein Wettkampf darum, wer die meisten Punkte im Ringen um erotische Attraktivität von den Männern bekommt. Jungen bleibt mehr Spielraum sich zu beweisen. Ob beim Sport oder beim Programmieren - sie müssen erst in der Gruppe der Geschlechtsgenossen miteinander kämpfen, ehe sie dem Werben eines gleichaltrigen Mädchens nachgeben dürfen.

Spannend ist dabei die Überlegung Sichtermanns, dass sich dadurch auch männliche Sexualität nur schwer aus dem Bannkreis von Herrschaft und Unterwerfung löst. Das erotische Erleben von Jungen wird auf diese Weise immer auch "gemacht" und darf nicht wie das der Mädchen der Natur folgen.

Zu all diesen Höhen und Tiefen, Nöten und Verheißungen verhält sich die Schule ignorant und will die Jugendlichen mit totem Wissen zustopfen, während in ihnen und um sie herum das Leben tobt. Auf nur einigen Seiten entwirft Barbara Sichermann ein Bild von einer Schule, die gerade Mädchen und Jungen in der Pubertät den Raum für Selbstdarstellung, Wetteifer und Peergroupbildung eröffnet und in der sich Jugendliche erfahren, behaupten und finden könnten. Sie zeigt damit: Hier gibt es viel zu tun!

Es ist ein weises anspruchsvolles und außerordentlich gut geschriebenes Buch. Unglaublich viele schöne und passende Sprachbilder bietet Barbara Sichtermann an, beispielsweise wenn sie von zärtlichen Feen spricht, die die Mädchen und Jungen durch die Kindheit begleiten oder wenn sie die Seelenlandschaft in der Pubertät mit einem Trümmerfeld vergleicht. So wenig sie diese Zeit beschönigt, so skandalisiert sie auch die Ausrutscher nicht. Sie behält einen klaren Kopf und denkt ihren Ansatz konsequent weiter – beispielsweise wenn sie so heikle und angstbesetzte Themen wie beispielsweise den Drogengebrauch bespricht.

Die Autorin geht davon aus, dass die Jugendliche in den Rausch flüchten, weil sie die Achterbahnfahrt ihrer Gefühle kaum aushalten. Noch erleben sie sexuelle Ekstase nicht. Also helfen sie sich mit Alkopops und Hasch, um zu den alten Sicherheiten zurückzufinden und Spannungen abzubauen – Hilfsmittel, die auch vielen Erwachsenen vertraut sind. Nur die Jugendlichen kennen ihr Maß noch nicht. Und so sehr Barbara Sichtermann den Eltern empfiehlt, in der Pubertät mehr zu vertrauen als zu kontrollieren. Hier wünscht sie ihnen ein gutes Augenmaß und vor allem erwachsene Übersicht. Dann weiß man als Mutter oder Vater, als Lehrer, Erzieher oder erwachsener Freund: Letztendlich laufen alle Kämpfe und Auseinandersetzungen mit den Pubertierenden auf den Abschied von der Kindheit und auch eine Trennung hinaus. Dieses kluge Buch hilft, dafür die nötige Souveränität zu entwickeln.


Rezensiert von Barbara Leitner

Barbara Sichtermann: Pubertät. Not und Versprechen.
Beltz Verlag, August 2007, 268 Seiten, 17.90 €

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