Achte das Fremde!

28.08.2007
Die Geschichte von "Golem stiller Bruder" spielt in Prag um 1600. Im Mittelpunkt des spannenden wie unheimlichen Buches steht die Bedrohung der jüdischen Getto-Bevölkerung durch den von Mönchen aufgehetzten Pöbel. Immer lauert im Hintergrund die Gefahr wie ein aufziehendes Gewitter. Mirjam Pressler hat ein beunruhigendes Jugendbuch geschrieben.
Prag um 1600. Der fünfzehnjährige Jankel hat beide Eltern verloren und wird aufgenommen im Haus seines Großonkels, des berühmten Rabbi Löw. Er fühlt sich wohl, hat nur Angst vor dem unheimlichen Josef unterm Dach, einer Ausgeburt an Hässlichkeit und Stumpfsinn.

Josef ist ein Golem, ein künstlicher Mensch aus Lehm, vom Rabbi erschaffen, um das jüdische Getto vor Pogromen zu schützen. Der Antisemitismus brodelt in der Stadt Prag, und als ein reicher jüdischer Kaufmann fälschlicherweise des Mordes angeklagt wird, sollen Jankel und der Golem ihn retten.

Mirjam Pressler hat ein beuruhigendes Jugendbuch geschrieben, eine Mischung aus historischem Roman, Fantasy- und Entwicklungsroman. Der künstliche Mensch verwandelt sich im Lauf des Geschehens vom Monster zum Vertrauten, zu dem Jankel eine tiefe Beziehung entwickelt. Und nicht nur der Golem verwandelt sich spürbar, auch der Junge wird im Lauf der Ereignisse erwachsen.

Im Mittelpunkt der ebenso spannenden wie unheimlichen Geschichte steht die permanente Bedrohung der jüdischen Getto-Bevölkerung durch den von Mönchen aufgehetzten Pöbel. Ein untergeschobener Mord, eine Aufsehen erregende Gerichtsverhandlung und der grausame Überfall auf das Getto bilden dramatische Eckpunkte des Geschehens. Angst und Anspannung gehören zum Alltag, denn immer lauert im Hintergrund die Gefahr wie ein aufziehendes Gewitter.

Erfahren wir auch von den eigenen Lebensgewohnheiten der Juden nicht viel, so doch umso mehr vom kleinbürgerlichen Leben um 1600. Mirjam Pressler malt ein lebendiges, buntes Bild des Gettos mit seinen Gassen und Märkten, erzählt vom Alltag der Handwerker und der Gelehrten, der Frauen und Kinder. Man sieht sie deutlich vor sich: die jungen Bäcker in der Backstube, die Talmud-Schüler in ihren schwarzen Gewändern, die unermüdlich waschenden und kochenden Frauen.

Fantasy ist in. Doch Mirjam Pressler reitet nicht auf der Harry-Potter-Welle mit, sondern hat mit der Legende vom Golem einen Ur-Stoff des Genres wieder entdeckt und neu gedeutet. Das Monster ist kein Fremdkörper in Jankels Welt, sondern wird zum Freund.

Doch seine monströse Stärke und auch die magischen Kräfte des Rabbi bleiben rätselhaft. Unmerklich gehen reales und phantastisches Geschehen, Wirklichkeit und Traum ineinander über. Besonders die ungewöhnlich vielen Nacht-Szenen entwickeln im Schatten der Dunkelheit eine unheimliche Atmosphäre.

Trotz einer gewissen Düsterkeit des Romans bleibt ein positiver Lese-Eindruck! Denn starke Charaktere wie Jankel, sein bester Freund Schmulik, der alte Rabbi oder viele tüchtige Frauen stellen sich dem drohenden Schicksal entgegen und lassen sich trotz aller schrecklicher Ereignisse nicht auf Dauer entmutigen. Sie ziehen ihre Kraft auch aus ihrem Glauben. Es gibt, so könnte eine leise Botschaft des Buches lauten, immer einen Neuanfang. Und es lohnt sich, das Fremde, für das der Golem steht, zu achten. Denn es ist einem näher, als man glaubt.


Rezensiert von Sylvia Schwab


Mirjam Pressler: Golem stiller Bruder
Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 2007, 374 Seiten, 16,90 Euro, ab 12 Jahre