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Interview | Beitrag vom 09.05.2018

Achill Moser übers Wandern"Jeder Weg erscheint mir als Symbol des Lebens"

Achill Moser im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Eine Frau geht an dem Gemälde "Bergsteigerin" des Künstlers Jens Ferdinand Willumsen in der Ausstellung "Wanderlust" in der Alten Nationalgalerie vorbei. (picture alliance / Britta Pedersen/dpa)
Eine Frau geht an dem Gemälde "Bergsteigerin" des Künstlers Jens Ferdinand Willumsen in der Ausstellung "Wanderlust" in der Alten Nationalgalerie vorbei. (picture alliance / Britta Pedersen/dpa)

Seine Leidenschaft ist es, zu Fuß unterwegs zu sein. Der Weltenbummler und Buchautor Achill Moser braucht das Wandern als Ausgleich zum "Beschleunigungsdiktat", wie er sagt. Das Laufen sei für ihn ein "Sinnbild unseres Daseins".

Stephan Karkowsky: Das Frühlingswetter ist weiter fantastisch, vor allem die Museen müssen sich da mal ganz schön was einfallen lassen, um die Menschen nach drinnen zu locken - ins Dunkle. Die alte Nationalgalerie in Berlin macht das ganz geschickt und eröffnet morgen eine Großausstellung mit dem Titel "Wanderlust". Gezeigt werden Landschafts- und Wanderbilder von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir. Kurator Ralph Gleis sagte vorgestern bei uns in "Studio 9" am Nachmittag:

Ralph Gleis: Das Pendant-Bild, wenn Sie so wollen, zu Caspar David Friedrichs "Wanderer über dem Nebelmeer" ist dann am Ende ein überlebensgroßes Porträt von dem Dänen Willumsen, der seine Frau vor einer alpinen Landschaft als Bergsteigerin darstellt, und Sie sehen, das ist 1912, so durchwandert man auch ein Jahrhundert der Emanzipation, in dem sich auch die Frauen diesen Freiraum erkämpft haben und in dem auch die Frauen zu einer Bildwürdigkeit in der Malerei dann kommen.

Ausstellung "Wanderlust - Von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir" - ein Gespräch mit dem Direktor der Alten Nationalgalerie in Berlin, Ralpf Gleis

Karkowsky: Der Weltenbummler und Buchautor Achill Moser würde vermutlich sagen, gehen Sie doch lieber selbst wandern, denn Wandern ist seine Leidenschaft. Guten Morgen, Herr Moser.

Achill Moser: Schönen guten Morgen! Nein, ich bin ja auch schon ein Fan von Museen, aber ich denke, ich sehe das Museum eher so als Inspirationsquelle. Gleichwohl muss ich natürlich sagen, ich hab ja bis zum heutigen Tag gar keinen Führerschein gemacht und suche natürlich immer gern das Naturerleben.

Karkowsky: Dann ist das der Grund dafür, dass Sie so viel zu Fuß sind, weil Sie gar nicht Autofahren können?

Moser: Ich hab das Zu-Fuß-Gehen ja, wenn ich so will, ich hab ja früher Afrikanistik studiert, und als junger Student bin ich dann nach Afrika gekommen, hab dort lange bei den Turkana im Norden Afrikas gelebt. Und bei denen hab ich eigentlich die Lust und den Spaß am Gehen erlernt, kann man sagen. Denn dort erfuhr ich, dass die Männer, wenn sie längere Strecken zu Fuß hinter sich gebracht haben, noch mal kurz vor ihrem Ziel Halt machen und einen Moment warten, damit ihre Seele sie einholt. So ist das zu meinem Leitmotto eigentlich geworden: Nur zu Fuß hält die Seele Schritt.

Der Wüstenwanderer und Autor, Achill Moser (picture-alliance / dpa / Georg Wendt)Der Wüstenwanderer und Autor, Achill Moser (picture-alliance / dpa / Georg Wendt)

Karkowsky: Sie berichten in Ihren Büchern immer wieder vom Glück des Unterwegsseins. Wie würden Sie dieses Glück beschreiben?

Moser: Ich denke, wenn ich zu Fuß unterwegs bin, vor allem in der Natur, also das Naturerleben als Ausgleich gegenüber unserem Beschleunigungsdiktat heute sehe, dann, denke ich, wird man so zum Seismografen und nimmt alles, was man am Wegesrand sieht, hautnah auf. Ich denke, nichts bildet unser Leben besser ab als das Gehen. Für mich ist es Sinnbild unseres Daseins, wobei mir schon immer wieder beim Unterwegssein oft jeder Weg oder Pfad mit all seinen Höhen und Tiefen so als Symbol des Lebens selbst erscheint. Ich erinnere mich gerade so an ein Zitat des dänischen Philosophen und Schriftstellers Sören Kierkegaard, der auch mein Leben geistig sehr begleitet hat. Der hat einmal gesagt: Ich habe mir meine besten Gedanken angelaufen, und es gibt wohl keinen Gedanken, der so schwer wäre, dass man ihn beim Gehen nicht los würde.

Karkowsky: Und Sie wandern ja tatsächlich auch gern mal auf literarischen Spuren und folgen Cervantes durch Spanien oder Heine durch Italien. Funktioniert das denn?

Moser: Ja, wunderbar. Ich bin ja ein großer Literaturfan auch, und zum anderen ist es dann so, wenn man sich auf die Strecken und Wege großer Autoren macht, dann erlebt man, wie zum Beispiel Heinrich Heine im Harz oder auf seiner Italienreise, noch mal ganz neu, bekommt ein ganz anderes Gefühl für Landschaft, für Städte, für Gedanken, für Empfindungen. Und ich bin ja auch oft unterwegs auf diesen Strecken gewesen mit meinem Sohn zusammen, und das ist natürlich noch mal ein doppelt großes Geschenk. Ich denke, es gibt nichts Wichtigeres in der Familie auch als das gemeinsame Erleben.

Karkowsky: Wenn ich an Sie denke, habe ich immer diesen Song von Lee Marvin im Kopf, diesen berühmten Song "Wandering Star". Da singt er "Home is made for comin' from / For dreams of goin' to / Which with any luck / Will never come true". Also zu Hause, das ist, wo man herkommt, und von dem man träumt, hinzugehen, aber mit etwas Glück werden diese Träume nie wahr. Wie hält denn Ihre Frau Sie eigentlich fest in Hamburg? Geht das ohne Eisenkugeln?

Moser: Ja, das geht. Ich bin natürlich sehr glücklich seit 35 Jahren mit meiner Frau Rita verheiratet, und das geht wirklich sehr happy. Müsste sie natürlich auch noch selbst sagen, muss ich sagen. Aber nein, ich hab natürlich auch so ein Gefühl, wenn ich unterwegs bin, nach Heimat und nach Zuhause, und das ist auch eine Sehnsucht, die mich aus der Ferne natürlich zurückzieht. Und ich habe lange gebraucht in meinem Leben, um zu erkennen … Also mein Sehnsuchtsziel, ich bin ja Hamburger, ist doch Hamburg, und ich liebe es auch, hier in meinem Viertel heimisch geworden zu sein. Ich mag es, die Kirchenglocken am Sonntag zu hören, mit den Nachbarn im Garten dann zu plaudern, in meinem Stammcafé die Zeitung durchzublättern, mit meiner Frau einen Kaffee zu trinken. All diese Dinge, finde ich, sind auch Heimat und sind ebenso für mich wichtig wie das Unterwegssein und das Reisen in der Fremde.

Besucher betrachten die Gemälde "Bonjour Monsieur Gauguin" des Künstlers Paul Gauguin und "Bonjour Monsieur Coubert" des Künstlers Gustave Coubert in der Ausstellung "Wanderlust" in der Alten Nationalgalerie in Berlin. (picture alliance / Britta Pedersen/dpa)Besucher betrachten die Gemälde "Bonjour Monsieur Gauguin" des Künstlers Paul Gauguin und "Bonjour Monsieur Coubert" des Künstlers Gustave Coubert in der Ausstellung "Wanderlust" in der Alten Nationalgalerie in Berlin. (picture alliance / Britta Pedersen/dpa)

Karkowsky: Aber welche Sehnsucht ist die größere? Die, wieder wegzugehen, oder die, nach Hause zu kommen nach langen Monaten auf Wanderschaft?

Moser: Ich sehe es so, dass ich mein Leben zum Glück so einrichten durfte als Pendler zwischen den Welten. Und insofern merkt auch meine Frau immer so - ja, ich sag einfach mal, wenn es mir dann hier zu eng wird und alles zu schnell wird, durch die digitale Welt auch und E-Mails und Telefon und so …, - dann merkt die schon, Mensch, Achill sucht sich ein neues Ziel, um dann aufzubrechen. Genauso ist es unterwegs. Wenn ich lange in der Einsamkeit unterwegs war, in der Natur oder mit Einheimischen in Afrika oder Asien, freue ich mich auch auf Zuhause wieder, auf meine Frau, auf meine Familie, auf ein gutes Essen im Restaurant, auf Theater, Ballett, Kino – also bin ich auch ein großer Fan. Dieses Pendeln zwischen den Welten, finde ich, macht mein Leben sehr reich.

Karkowsky: "Unterwegs", so heißt das jüngste Buch von Achill Moser, erschienen bei DTV. Und die Ausstellung "Wanderlust" der Alten Nationalgalerie in Berlin eröffnet morgen. Herr Moser, herzlichen Dank, und Ihnen noch einen schönen Wandertag!

Moser: Gerne, gleichfalls!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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