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Sein und Streit | Beitrag vom 01.09.2019

Aby Warburgs Kulturwissenschaftliche Bibliothek in HamburgEin Labyrinth zum Sich-drin-verlieren

Von Axel Schröder

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 Der Lesesaal im Warburg Haus (Warburg-Haus, Hamburg )
Wissen im Halbrund: Blick in den Lesesaal von Warburgs Bibliothek. (Warburg-Haus, Hamburg )

Renaissance oder Reklame? Der Kunsthistoriker Aby Warburg sammelte Bilder aus allen Genres, um zu zeigen, wie Motive der Antike bis in die Moderne wirken. Die Kulturwissenschaftliche Bibliothek in Hamburg knüpft an diese Forschung an.

Mitten im feinen Eppendorf, einem Hamburger Wohnviertel, hat sie ihren Sitz - die "Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg". In die rote Klinkerfassade ist das Kürzel des Hauses eingearbeitet: "KBW". Die Außenalster ist nicht weit. "Wenn man sich die Architektur anschaut, sieht man schon: Es ist ein Fremdkörper hier", sagt der Leiter des Warburg-Hauses, Uwe Fleckner. "So sehen Bürohäuser aus, so sehen Banken aus – und Warburg kam ja aus einer traditionsreichen Hamburger Bankiersfamilie." Aber selbst ins Geschäft des Vaters einzusteigen, das sei dem jungen Aby Warburg nicht in den Sinn gekommen.

Ein Forscherleben im Namen der Erinnerung

Uwe Fleckner weist auf einen goldenen Schriftzug hin: Über dem Durchgang ins Innere des Hauses ist der Name einer griechischen Gottheit in die Wand eingelassen. Er markiere eine Art Oberthema, das Warburgs Forschung und die Zusammenstellung der Schriften seiner Bibliothek bestimmte, erklärt Fleckner, der an der Universität Hamburg Kunstgeschichte lehrt:

"Mnemosyne, die Göttin der Erinnerung und Mutter der Musen, das ist seine Leitgöttin gewesen: Erinnerung, Forschung über das Gedächtnis der Menschheit, über das Nachleben antiker Gedanken, antiker Bildprägungen in der Renaissance, aber auch bis in Warburgs Gegenwart hinein."

Der Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler  Aby Warburg auf einer historischen Fotografie (akg-images)Denken auf elliptischen Bahnen: der Kunsthistoriker Aby Warburg. (akg-images)

Uwe Fleckner führt durch die Halle, hinein in den berühmten, elliptisch geformten Lesesaal der Warburg-Bibliothek. Hier dominieren die in dunklem Holz gearbeiteten vollen Bücherregale, die rechts und links auf eine Empore führenden halbrunden Treppenaufgänge.

Bücher und Bilder auf Planetenbahnen

Die Ellipse als Symbol hatte für Aby Warburg eine besondere Bedeutung, an der Ernst Cassirer einigen Anteil hatte. Der Philosoph der "Symbolischen Formen" besuchte Warburg 1921, als dieser – schwer erkrankt an einer Psychose, einer bipolaren Störung – im Schweizer Sanatorium "Bellevue" einquartiert war. Bei dieser Gelegenheit habe Cassirer Aby Warburg Keplers Modell der elliptischen Planetenbahnen nähergebracht, sagt Uwe Fleckner:

"Die Ellipse, also eine geometrische Form mit zwei Polen – und Warburg begriff unwillkürlich, dass das für ihn eine Metapher sein könnte, um seine eigene Bipolarität, seine eigene bipolare Krankheit zu überwinden. Weil er sagt: 'Ich muss ja gar nicht immer nach dem Zentrum suchen, das mich so zerreißt!'"

Der Mnemosyne Atlas im Lesezimmer der Kunstwissenschaftlichen Bibliothek von Aby Warburg. (dpa/ Fine Art Images/ Heritage Images)Mit dem Flipchart in die Römerzeit: der "Mnemosyne Atlas". (dpa/ Fine Art Images/ Heritage Images)

Zu diesem Zeitpunkt ist Warburgs kulturwissenschaftliche Sammlung mit ihren vielen zehntausend Schriften noch in dessen Wohnhaus untergebracht. Fünf Jahre später lässt er auf dem Nachbargrundstück ein eigenes Haus für seine Bibliothek errichten, die von Anfang an eine ganz eigene Ordnung hatte: Nicht alphabetisch oder streng nach Fachgebieten sind die Bücher sortiert, sondern nach vier Rubriken.

Im Regal geht es um gute Nachbarschaften

"Orientierung", "Bild", "Wort" und "Handlung", in diese Kategorien ist Aby Warburgs Forschungssystem untergliedert. Als Unterordnung entwickelte Warburg außerdem das System der so genannten "guten Nachbarschaft", erklärt Uwe Fleckner:

"Wenn heute ein Bibliothekar Bücher ordnet, dann wird er sie natürlich thematisch zusammenbringen, dann werden wir alles über die Porträtmalerei der Niederlande an einem Ort finden. Warburg wird dann aber zum Beispiel Bücher zur Wirtschaftsgeschichte der Niederlande dazu geordnet haben. Oder er wird Porträtliteratur mit anderem Schwerpunkt, also etwa die Idee, inwiefern zum Beispiel Abbilder magisch wirken könnten, diesen Büchern zugeordnet haben."

Gerettet aus dem Labyrinth des Wissens

Ernst Cassirer, seit 1919 Professor an der Philosophischen Fakultät der neugegründeten Hamburger Universität, lernt Aby Warburgs Bibliothek Anfang der Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts kennen. Cassirers Begeisterung für die Bibliothek und das ihr eigene System schildert Wolfram Eilenberger in seinem Buch "Zeit der Zauberer":

"Ich darf nie wieder an diesen Ort zurückkehren, sonst werde ich mich für ewig in diesem Labyrinth verlieren", murmelt Cassirer, nachdem ihm Dr. Fritz Saxl, als leitender Bibliothekar der warburgschen Sammlung, gut eine Stunde lang an den fein, wenn auch höchst eigenwillig sortierten Schränken und Regalen vorbeigeführt hat."

Ein Haus für aktuelle Forschung

60.000 Bände umfasste die Bibliothek, als Aby Warburg am 26. Oktober 1929 an einem Herzinfarkt starb. Anfang der Dreißigerjahre emigrierte dann nicht nur Warburgs Familie, sondern mit ihr auch die Bibliothek nach London, wo sie noch heute im "Warburg-Institute" ihren Platz hat. Den Zweiten Weltkrieg überstand das Haus in Hamburg unbeschadet.

Unter dem Dach des Warburg-Hauses wurden Forschungsstellen zu den Themen "Entartete Kunst" und "Politische Ikonografie" eingerichtet. Hier hat das Warburg-Kolleg seinen Sitz, lädt den wissenschaftlichen Nachwuchs zum Austausch über interdisziplinär angelegte Fragen mit kunstgeschichtlichem Fokus ein. So bleibt das geistige Erbe Aby Warburgs in seinem Haus lebendig.

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