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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.09.2013

Abweichung als Schlüsselmotiv

Beate Rothmaier: "Atmen, bis die Flut kommt", DVA, München 2013, 400 Seiten

Ein Vater mit seinem Kind (picture alliance / dpa / Uli Deck)
Ein Vater mit seinem Kind (picture alliance / dpa / Uli Deck)

Zwei Romane hat Beate Rothmaier schon veröffentlicht, in denen sie sich als begnadete Erzählerin zeigte. In ihrem neuem Werk gelingt es ihr auf sehr kreative Weise, eigene Erfahrungen literarisch zu verarbeiten. Im Mittelpunkt stehen ein alleinerziehender Vater und seine Tochter Lio, die an einer seltenen Behinderung leidet.

Lio ist – etwas Besonderes. Das neugeborene Mädchen sieht aus wie ein Äffchen, mit dem schwarzem Haarbüschel am Steiß und der abnormen Schädelform. Es hat diverse körperliche Fehlbildungen. Eines unter zehntausend Kindern – so die Statistik – trifft solch eine spontane Gen-Mutation. Lio wird bis an sein Lebensende auf Hilfe angewiesen bleiben. Ihre Mutter Paule will dieses Schicksal nicht akzeptieren. Sie verschwindet und überlässt ihre Tochter dem Vater: Konrad, Anfang 30, freiberuflicher Comiczeichner.

Beate Rothmaiers Roman "Atmen, bis die Flut kommt" erzählt von Konrads Leben mit Lio über einen Zeitraum von 17 Jahren, darüber, wie er sich einrichtet zwischen Fürsorge und Überforderung – mit der Behinderung als Normalität: ein alleinerziehender Vater, der von der Umwelt immer wieder auf das Anderssein seiner Tochter hingewiesen wird, in konkreten Erlebnissen mit Ärzten, Behörden-Menschen und Therapeuten, Freunden, kurzzeitigen Freundinnen – und durch die Blicke fremder Menschen.

Abweichung ist ein zentrales Schlüsselmotiv im Roman. Angefangen bei Konrad, dem Ich-Erzähler, der als Deutscher in Zürich von der Hand in den Mund lebt und auf materielle Dinge keinen Wert legt. Als selbsternannter "randständiger Außenseiter" interessiert er sich im Leben wie in seiner Kunst für Leute, die anders sind. Da ist der "Tanzbär" vor dem Fenster auf seiner Straße – ein verwirrter Mann, der von der Polizei immer wieder neu zurück in den Alltag einsortiert wird. Oder die Hauptfigur in dem Comic, das Konrad gerade zeichnet: der "Gesichtlose", ein deformierter Musiker. Und Konrads einziger Freund Max, ein Völkerkundler, schreibt seine Doktorarbeit über sogenannte Freakshows, in denen Menschen mit Abnormitäten auf öffentlichen Plätzen ausgestellt werden.

Der Autorin geht es allerdings nicht um Skurrilität um ihrer selbst willen. Ihr Ausgangspunkt für den Roman ist die Frage: Wo endet die Gestaltbarkeit des eigenen Lebens? Wie geht ein junger Mensch mit seinem Schicksal um? Rothmaier – sie ist selbst Mutter eines behinderten Kindes – lässt uns aus der Perspektive eines Mannes blicken, der die Abweichung als Normalität akzeptiert hat. Und doch bäumt sich Konrad irgendwann dagegen auf. Sein Ausbruch steht gleich am Anfang des Romans und strukturiert die Erzählung: eine lange Autofahrt mit der 17-jährigen Tochter Lio, kunstvoll verschränkt mit verschiedenen zeitlichen Ebenen aus den ersten Jahren ihres gemeinsamen Lebens.

Ungewöhnlich ist auch Beate Rothmaiers literarische Auseinandersetzung mit der Gattung des Comis. Die Kapitel tragen Namen wie "Splash page" – ein Begriff für die von einem einzigen Bild dominierte Comic-Seite – oder "Inking", was sich auf die Kolorierung eines Comics bezieht. Erzählerische Mittel der Graphic novel werden teilweise verwendet, wenn es um komische und absurden Situationen geht, die in diesem Roman ebenfalls ihren Platz haben. Weit über Comic-Niveau hinaus ragt wohlgemerkt die Sprache in diesem Roman – präzise, sensibel, klug. Beate Rothmaier zeigt, wie schon bei ihren beiden Vorgänger-Romanen: welch einfühlsame und begnadete Erzählerin sie ist.

Rezensiert von Olga Hochweis

Beate Rothmaier: Atmen, bis die Flut kommt
Deutsche Verlagsanstalt, München 2013
400 Seiten, 20,60 Euro

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