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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 25.07.2017

Abwanderung aus dem Senegal"Es geht um Träume, nicht um Armut"

Von Martina Zimmermann

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Unter einem riesigen Baum in einem senegalesischen Dorf treffen sich die Bewohner zu einer Besprechung. (Martina Zimmermann)
Am Dorftreffpunkt soll ein Café entstehen (Martina Zimmermann)

Das Durchschnittsalter im Senegal ist 19 Jahre. Ein junges Land - mit rund 15 Millionen Einwohnern - von denen im vergangenen Jahr 9700 in die EU gingen, trotz geringer Chancen auf Bleiberecht. Andere hoffen auf Fortschritte im eigenen Land, auch durch deutsche Hilfe. Am Sonntag sind Parlamentswahlen.

"Das Schlimmste war es, die Leute sterben zu sehen, ohne etwas tun zu können. Sie hatten wie ich den Traum, in Europa zu leben und zu arbeiten. Sie übergaben sich. Das Meer war zu stürmisch, es war windig und die anderen waren keine Fischer wie ich. Aber wenn du das Meer nicht kennst, wirst du seekrank. Sie haben nichts gegessen, und wenn sie etwas gegessen haben, dann kam es wieder heraus. So haben sie alle Kraft verloren."

Mit 30 Menschen kam der Fischer Iba Gaye auf einer Piroge vor drei Jahren über das Mittelmeer. Fünf seiner Mitreisenden hat er sterben sehen. Dann wurde das Boot von der spanischen Marine gerettet.

Iba Gaye hat sich später von Spanien bis nach Paris durchgeschlagen, wo er zwei Jahre bei seinem Bruder gewohnt hat. Als Illegaler durfte er dort die Wohnung nur unter größter Vorsicht verlassen.

"Eines Tages ging ich dann doch aus in eine Disko. Es gab eine Razzia, sie wollten die Papiere sehen. Weil ich keine hatte, nahm man mich mit aufs Kommissariat, setzte mich dann ins Auto und in ein Flugzeug."

"Ich habe zwei Jahre meines Lebens verloren"

So endete für Iba Gaye, heute 39 Jahre alt, der Traum von einem besseren Leben in Europa. Der Fischer hat damals seinen Motor verkauft, um den Schlepper zu bezahlen. Heute muss er Miete für Boot und Motor zahlen, wenn er morgens um vier mit seinen Kollegen aufs Meer hinausfährt, um Tintenfische zu fangen. Sein Fazit ist bitter:

"Ich habe zwei Jahre verloren und mein Leben ist jetzt sehr schwer. Ich habe kein Geld mehr, um es noch einmal zu versuchen. Ich gehe wieder fischen, weil ich für meine Frau und meine Kinder, meinen Bruder, meine Schwester und meine alte Mutter sorgen muss. Wir Afrikaner leben mit der Familie. Wer etwas verdient, der teilt."

An einem mehr oder weniger guten Tag kommt Iba Gaye abends mit umgerechnet 7,50 Euro nach Hause: Das reicht fürs Essen. Aber er lebt von der Hand in den Mund.

"Manchmal haben wir nicht genug zu essen. Denn bei schlechtem Wetter oder bei Wind fahren wir nicht hinaus. Dann bitte ich Freunde, mir etwas zu leihen und zahle es zurück, wenn ich wieder Geld habe."

Das Leben ist anderswo besser

In der Hafenstadt M’Bour, wo Iba Gaye lebt, ist eine solche Existenz eher die Regel als die Ausnahme. Dabei wissen alle, dass das Leben anderswo einfacher, sicherer und besser ist. In der 180.000-Einwohnerstadt haben die meisten Zugang zum Internet. Und es sind nur 80 Kilometer bis zur senegalesischen Hauptstadt Dakar.

"Ich wollte weg, um mehr zu verdienen und für meine Familie zu sparen. Aber meine Familie ist hier, hier sind meine Freunde. In Europa musst du Bescheid sagen und darfst nur zu einer bestimmten Uhrzeit zu Besuch kommen. Wir Senegalesen leben anders. Du kannst jederzeit kommen und wenn gegessen wird, teilen wir mit allen Anwesenden. Wenn du hier genug verdienst, um ein bisschen sparen zu können, ist das Leben hier schöner."

Der Fischer Iba Gaye will nun im Senegal bleiben. Aber da gibt es auch noch andere Geschichten: von Landsleuten, die es in Europa zu Wohlstand gebracht haben.

70 Prozent der senegalesischen Familien haben einen Angehörigen im Ausland. Doch derzeit berichten die Zeitungen vermehrt von Rückkehrern wie Iba Gaye, die zu Hunderten aus Europa oder den USA ausgewiesen werden.

Am Strand von Mbour sitzen die Dofbewohner und warten auf die Rückkehr der Fischer. (Martina Zimmermann)Die Dorfbewohner von Mbour erwarten die Fischer. (Martina Zimmermann)

Die Fischer am Strand von Saly, fünf Kilometer von M’Bour entfernt, sitzen zusammen und flicken ihre Netze. Ousseynou Sene hat das Netz zwischen den Zehen seiner beiden Füße gespannt und grummelt vor sich hin, während er mit den Händen Löcher im Netz repariert:

"Wären wir in Europa, würden wir nicht die Netze reparieren, da würden wir neue kaufen. Hier müssen wir jeden Tag flicken."

Für Ousseynou Sene wäre es eine großartige Hilfe, wenn er bessere Netze hätte und seine Zeit nicht mit ewigem Flicken verbringen müsste. Der 23-Jährige fährt jeden Morgen aufs Meer hinaus, er muss seine schwangere Frau und ein Kind ernähren. Sein 20-jähriger Kollege Moustapha Tjandoum ist ledig. Europa ist für ihn interessant, aber sich auf den Weg dorthin machen?

"Ich habe gehört, es gibt nun weniger Arbeit in Europa. Da arbeite ich lieber hier. Es ist schwierig dort, du siehst doch, sie schicken die Leute zurück!"

"Was ist der Unterschied zwischen den Schwarzen und den Weißen?"

Fischer Ablaye Camara, 28 Jahre alt, legt das Netz beiseite und mischt sich ein:

"Das ist doch eine Frage der Freiheit! Die Leute müssen hingehen und zurückkommen können. Ich will nach Europa, nicht um zu arbeiten; ich will sehen, wie eure Strände sind, eure Hotels, wie es bei euch läuft! Aus Neugier!"

"Übers Internet kenne ich viele Städte in Europa, und ich träume wirklich davon, dorthin zu gehen, um zu sehen, wie die Menschen dort leben. Um den Unterschied zu sehen zwischen Afrika und Europa. Den Unterschied zwischen den Städten dort und denen in Senegal. Was ist der Unterschied zwischen den Schwarzen und den Weißen?"

Der 29-jährige Robert Diatta muss lachen. Er weiß, dass seine Frage unbeantwortet bleibt. Es gibt keinen Unterschied zwischen schwarzen und weißen Menschen. Wohl aber zwischen den Chancen, die sie haben. Das Durchschnittsalter im Senegal liegt bei 19 Jahren. Eine Gesellschaft, die so jung ist, braucht Perspektiven, meint Friederike von Stieglitz. Sie ist Direktorin der deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit in Senegals Hauptstadt Dakar.

"Heute stellt sich für eine zunehmend große Gruppe von jungen Leuten die Frage, welche Chance habe ich hier, wie kann ich hier jemand sein, der Anerkennung hat, der in der Lage ist, Verantwortung für eine Familie zu übernehmen. Da geht’s auch sehr viel um Träume. Es ist nicht die Armut im Sinne: Ich weiß nicht, was ich morgen zu essen habe, sondern es ist eher: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Was hab ich sonst für Perspektiven?"

Weniger als zwei Dollar am Tag

Senegal ist die vierte Wirtschaftsmacht Westafrikas und gilt als politisch stabil. Investoren gibt es bereits, multinationale Konzerne vor allem aus Frankreich und den USA lassen sich hier nieder. Das Wirtschaftswachstum lag im Vorjahr bei 6,6 Prozent, aber die Arbeitslosigkeit ist mit bis zu 40 Prozent viel zu hoch. Die meisten Senegalesen ernähren sich von der Landwirtschaft und dem Fischfang und knapp die Hälfte hat weniger als zwei Dollar am Tag zur Verfügung. Junge Männer, die keine Möglichkeit sehen, dieser Armut zu entkommen, versuchen ihr Glück in Europa, auch wenn sie keine Chance auf Asyl haben.

Mama Diouf, Chefin der Frauenkooperative in der Mitte, mit zwei Kolleginnen (Martina Zimmermann)Mama Diouf, Chefin der Frauenkooperative in der Mitte, mit zwei Kolleginnen (Martina Zimmermann)

Für Organisationen wie die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, die bei der Bekämpfung von Fluchtursachen helfen sollen, hat die Schaffung von Arbeitsplätzen Priorität – aber auch die kurzfristige Verbesserung der Lebensbedingungen im Alltag.

Das Dorf Félane liegt über 160 Kilometer von der Hauptstadt Dakar entfernt. Die nächste geteerte Straße ist über eine 13 Kilometer lange Sandpiste zu erreichen. Die traditionellen Hütten mit Stroh- oder Wellblechdächern sind typisch für ein senegalesisches Dorf. Manche Häuser sind gemauert und haben ein festes Dach. 1000 Einwohner hat das Dorf, in jedem Haushalt leben durchschnittlich ein Dutzend Menschen, die meisten Kinder und Jugendliche. Wer arbeiten kann, der arbeitet.

Eine Eismaschine verändert das Leben im Dorf

In Félane gab es weder fließend Wasser noch Strom, bis die deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit 2015 ein Pilotprojekt startete: Sie half eine Solaranlage aus 24 Modulen zu bauen. Heute betreiben die Frauen des Dorfes damit eine Eismaschine, die Mama Diouf leitet.

"Die Eismaschine hat das Leben der Frauen und das Leben im Dorf verändert. Heute können die Frauen den Fisch kühlen und auf Märkten verkaufen, wo sie vorher nicht hinkamen."

Früher mussten die Frauen den Fisch trocknen. Aber viel verdarb, weil sie nicht alles verarbeiten konnten. Das Dorf hat für das Projekt das Land zur Verfügung gestellt und ein Haus für die Eismaschine gebaut. Mama Diouf rückt ihren "Boubou", das hübsch auf dem Kopf zusammengebundene bunte Tuch zurecht, als sie sagt:

"Die Männer glaubten am Anfang nicht an das Projekt. Den doppelten Dachboden da oben auf dem Gebäude mit der Eismaschine haben die Frauen mit Palmwedeln von den Feldern selbst gemacht. Es war schwierig, bis im Innern die richtige Temperatur herrschte. Und jetzt wo alles funktioniert, sind alle da, sogar die Leute aus den Nachbardörfern kaufen das Eis hier bei uns. Für den Verkauf von Fisch, aber auch für Zuhause."

Youssoupha und seine Kollegin vor der Eismaschine (Martina Zimmermann)Mit der Eismaschine lässt sich der Fisch besser konservieren. (Martina Zimmermann)

Die Frauen haben selbst entschieden, was sie mit dem ersten selbst erwirtschafteten Geld machen wollten. Ein zweiter Brunnen sollte es sein, erklärt Markus Hagenah von der deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, der das Projekt betreut.

"Die kleine Einheit der Eismaschine wird mit einer Solarpumpe betrieben, die soviel Wasser liefert, dass etwa 2500 Quadratmeter Landwirtschaft betrieben werden kann und zwar ganzjährig. Die meiste Zeit reicht das Wasser der Solarpumpe, um Tomaten, Karotten, Auberginen, Salat usw. zu bepflanzen und auch zu bewässern."

Strom aus dem Solarkiosk

Rund 30 Frauen arbeiten auf den Feldern, insgesamt 120 Frauen arbeiten in der Kooperative. Ein junger Mann ist für die Säuberung der Solaranlage verantwortlich, zwei junge Frauen arbeiten im "Solarkiosk", verkaufen das Eis, laden Handys, Laptops und andere elektrische Geräte auf und verkaufen einen Solarkit mit Steckdosen, Glühbirnen und USB-Klappe für Zuhause. Auch Solartaschenlampen sind von größter Bedeutung, weiß Markus Hagenah: 

"Der Großteil der Haushalte nutzt immer noch herkömmliche Taschenlampen mit Batterie zur Beleuchtung. In den Häusern gibt es halt keinen Strom und etwa fünf Prozent des verfügbaren Gelds wird für Taschenlampenbatterien ausgegeben. Das ist ein finanzieller Aspekt, aber die Batterien werden auch einfach weggeschmissen, sind bleihaltig und das ist nicht gut für die Umwelt. Die jungen Menschen fangen an, Solar-Taschenlampen zu verkaufen. Diese Investition rechnet sich schnell für einen Haushalt."

Der 21-jährige Youssoupha Diouf ist für die Solaranlage verantwortlich, er entfernt jeden Tag Staub und Sand. Dafür bekommt er seinen Anteil am Gewinn der Kooperative.

"Die jungen Leute bei uns reden viel übers Auswandern. Manche sagen, du verdienst doch nix mit dem Projekt. Aber ich glaube, dass das eine Lösung ist. Ich versuche, die anderen davon zu überzeugen, dass man seinen Lebensunterhalt hier im Dorf verdienen kann."

Der Traum von einem besseren Leben

Mama Diouf hat sechs Kinder. Die einzige Tochter hilft zuhause, die Söhne hat sie alle in die Schule geschickt. Der Jüngste ist 15. Die Mutter freut sich, dass ihre Kinder nun im Dorf bleiben:

"Wenn das Handy alle war, brauchtest du früher einen Tag, um 13 Kilometer in den nächsten Ort zu laufen und zurückzukommen. Was für ein Zeitverlust! Jetzt gibt es hier ein Plus für die Jugend. Manche verkaufen Fisch mit dem Karren im nächsten Ort. Viele haben kleine Kühltaschen zuhause, die sie mit unseren Eiswürfeln füllen und sobald sie genug Fisch haben, verkaufen sie ihn mit dem Karren auf dem Markt."

Im Schatten des riesigen Baumes auf dem Dorfplatz haben die Frauen eine runde Mauer gebaut: Sie dient als Empfangszimmer. Im Inneren laden Tische und Bänkchen aus Zement zum Hinsetzen ein. Hier wollen die Frauen bald Besuchern Fisch und Säfte servieren. Dank einer Solarbeleuchtung soll demnächst die Jugend hier nachts einen Treffpunkt haben. Das alles sei erst der Anfang, sagen die Frauen: Der Anfang vom Traum von einem besseren Leben im Senegal. Am Sonntag wählen die rund 15 Millionen Bürger ein neues Parlament.

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