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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.10.2011

Absturz am Rande der Gesellschaft

Jon McGregor: "Als Letztes die Hunde", Berlin Verlag, Berlin 2011, 270 Seiten

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Der Autor beschreibt die Gefühle und Zustände Suchtkranker. (AP Archiv)
Der Autor beschreibt die Gefühle und Zustände Suchtkranker. (AP Archiv)

In seinem neuen Roman erzählt Jon McGregor die Geschichte einer Gruppe von Drogen- und Alkoholabhängigen. Er liefert nicht nur Einblicke in ein unbekanntes Milieu, er beschreibt auch den radikalen Verfall des Menschen - von dem am Ende nichts als Asche übrig bleibt.

Der Roman "Als Letztes die Hunde" ist radikal in Inhalt und Form. Denn die erbarmungslose Geschichte von Drogen- und Alkoholabhängigen, von alten und jungen Männern und Frauen, beginnt mit dem Tod Roberts und endet in der Pathologie und dann im Krematorium. Robert, der sich mit Apfelwein ins Jenseits gesoffen hat, gab in seiner heruntergekommenen Wohnung einer Gruppe abhängiger Jugendlicher, darunter seiner Tochter Laura, Asyl.

Jon McGregor - und das ist das Raffinierte an diesem Buch - erzählt aus der Perspektive eines vielstimmigen "wir". Punktlose Sätze wechseln sich mit fast lyrischen Orts- und Zustandsbeschreibungen ab, und es entsteht ein chorisches, dichtes Szenario. Das Brutale, Dreckige, Verwahrloste und Hoffnungslose, dem all diese Menschen ausgesetzt sind, wird filmisch ausgeleuchtet und in Einzelbildern intensiv und rücksichtslos beschrieben, aber nicht filmästhetisch aufgebauscht. Der Beobachter, das "Wir", bleibt unbeteiligt, rapportiert, wertet jedoch nicht.

Mit dem Refrain: "Was sollen wir sonst tun?" wird die Beobachtertätigkeit relativiert und der Eindruck eines Chors verstärkt. Man könnte von einem Oratorium sprechen, obwohl der Roman wie ein Krimi beginnt und wie ein Krimi endet. Personen klettern über ein Garagendach und dann durch das Küchenfenster in die Wohnung Roberts. Irgendwann rückt die Polizei an, bricht die Tür auf. Dem Leichenfund folgt, was aus allen Krimis bekannt ist.

Jon McGregors mitleidlose Prosa zwingt den Leser, bei der Zerlegung des Menschen in seine fleischlichen Bestandteile in der kalten Atmosphäre der Pathologie zuzusehen und erspart ihm auch nicht den Blick in das züngelnde Feuer des Krematoriumsofens. "Als Letztes die Hunde" ist also viel mehr als eine Milieubeschreibung vom Rand der Gesellschaft. Der Roman beschreibt radikal den Verfall des Menschen, zuerst den psychischen und dann den physischen, bis nur die Asche übrig bleibt.

In kleinen Episoden gibt Jon McGregor Auskunft über die biografischen Hintergründe des Personals. Steve zum Beispiel ist immer überall rausgeflogen, aus der Schule, aus der Armee und zu Hause. Ant kam als Soldat beim Afghanistaneinsatz mit den Schlafmohnfeldern in Berührung. Robert verlor den Job, die Frau, die Tochter. Und da ist die Tochter selbst, die junge Laura, die es gerade in die Entzugsklinik geschafft hatte, aber dann vor Gericht muss, um über ihren Vater auszusagen. Und dann lernen wir noch Danny kennen, seit fünf Jahren "drauf" und derjenige, der Robert als erster findet.

Jon McGregor findet Ausdrücke für die Gefühle und Zustände Suchtkranker, für ihre erlebten "kleinen Tode", er charakterisiert ihre Leiden und beschreibt ihr Abwesenheitsgefühl von der Welt. Seine Typen sprechen Jargon, hart und hässlich und verzweifelt und reden über das "Zeug, über das man so nachdenkt". Ein solches Leben, sagen sie, ist ein "Vollzeitjob". Am Ende sind nicht mehr viele von ihnen am Leben, nur ihre Hunde trauern.

Ein erschütternder, rhythmisch durchkomponierter Roman und ein glänzend übersetztes Buch. Ernst, eindringlich und angemessen erbarmungslos.

Besprochen von Verena Auffermann

Jon McGregor: Als Letztes die Hunde
Roman. Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger
Berlin Verlag, Berlin 2011
270 Seiten, 22 Euro

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