Seit 16:05 Uhr Echtzeit

Samstag, 17.11.2018
 
Seit 16:05 Uhr Echtzeit

Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.04.2015

Abschied wegen ZensurIrans erfolgreichste Pop-Band gibt auf

Von Bamdad Esmaili

Podcast abonnieren
(picture alliance / dpa / Landov Kheirk)
Siamak Khahani ist ein Mitglied der Band "Arian" - hier beim International Fajr Music Festival 2007 in Teheran. (picture alliance / dpa / Landov Kheirk)

Mit einem Paukenschlag hat die iranische Pop-Band "Arian" ihren Abschied von der Bühne ankündigte. Nach mehr als fünf Millionen verkaufter Alben soll nun Schluss sein: 15 Jahre Auseinandersetzung mit staatlicher Zensur haben die Musiker zermürbt.

Vor 15 Jahren gelang der Pop Band "Arian" mit dem Song "Parvaz" der Durchbruch. Das Lied war auch gesellschaftlich eine Sensation. Denn Arian war die erste Pop-Gruppe in der Islamischen Republik Iran: Eine Band, die im Iran allein dadurch ein Tabu brach, weil sie Popmusik macht. Nun haben die Musiker die Auflösung der Kultband erklärt - was Millionen Fans betrauern, gesteht Sänger und Gründer Ali Pahlavan.

"In den meisten Nachrichten, die ich bekomme, heißt es: 'bitte hört nicht auf, macht weiter.' Ich erwidere: wir haben lange überlegt ob wir diesen Schritt gehen sollen oder nicht. Aber manchmal musst du aufhören, um eine Sache nicht kaputtgehen zu lassen. Für Arian ist es wichtig, dass die Leute die Band in guter Erinnerung behalten."

Die Trennung einer Band sollte eigentlich nichts Besonderes sein. Auch bei "Arian" gab es Unstimmigkeiten unter den Musikern, die sich über die Jahre musikalisch auseinander entwickelt hätten, sagt Ali Pahlavan.

Arians Sound klingt auf dem fünften und letzten Album "Goodbye" deutlich moderner und elektronischer. Doch der Hauptgrund für die Trennung sei der politische Druck auf die Musiker im Iran gewesen. Für die Freigabe ihres fünften Albums durch die Zensur mussten sie fast zwei Jahre auf das OK des strengen Kulturministerium "Ershad" warten. Konzerte konnten sie auch kaum geben.

"Wir konnten nur im Jahr drei bis vier Konzerte in Teheran gehen und vielleicht höchstens drei auf der Insel Kish. In allen anderen Städten bekamen wir keine Genehmigung, weil wir eine gemischte Band waren, in der Frauen und Männer spielten. Mit sechs Konzerten im Jahr heißt das, dass du als Musiker theoretisch arbeitslos bist."

Ali Pahlavan wohnt mittlerweile in Australien und arbeitet in Sydney als Software-Entwickler. Musik macht er vorerst nicht mehr - auch wenn er mit Arian fünf Millionen Alben verkauft hat und mehr als 400 Konzerte gab.

"Das glaubt dir keiner. Ein Kollege von mir hat meinen Namen bei Wikipedia eingegeben und dort gelesen, dass ich fünf Millionen Alben verkauft habe. Er sagte, das könne er nicht glauben. Du hast fünf Millionen Alben verkauft und arbeitest jetzt in dieser Softwarefirma in Sydney? Du musst doch ein Millionär sein? In einem normalen Land geht es einem Sänger, der fünf Millionen Alben verkauft hat, doch richtig gut."

"Arian" ist nicht die einzige Band im Iran, die sich von der Bühne verabschiedet. Jüngst hat sich Irans bekannteste Rock Band "O-Hum" ähnlich geäußert. Sänger Shahram Sharbaf veröffentlichte auf seiner Facebook-Seite einen Brief, den er an das Kulturministerium adressierte.

Durch die sogenannte "Musikmafia" ist alles möglich

Darin kündigt der Musiker an, er werde die Lizenz für seine Band zurückgeben: Zwölf Jahre lang habe er für diese staatliche Auftrittserlaubnis gekämpft. Doch nun habe er sich entschieden, wieder im Untergrund Musik zu machen, da er keine Genehmigung bekomme, Musik auf CD zu veröffentlichen.

Auch die Rock-Gruppe Nioosh kämpft seit Jahren mit dem Kulturministerium. Sänger Soroosh Ghahramanloo sagt, unter der Rohani-Regierung sei es zwar einfacher geworden eine Album-Genehmigung zu bekommen. Doch noch immer werde die Hälfte der Texte zensiert und Konzerte könne man praktisch keine geben, erzählt Ghahremanloo. Es sei denn die Künstler arbeiten mit der sogenannten "Musikmafia". Durch die sei alles möglich.

"Um als Musiker offiziell zu arbeiten, brauchst du eine Genehmigung. Bis man die bekommt, vergeht ein Jahr. Um ein Album aufzunehmen braucht man eine weitere Genehmigung für Musik und Texte, die mindestens zwei Monate auf sich warten lässt. Für Konzerte brauchst ebenfalls noch eine Genehmigung, das dauert wieder ein paar Monate. Wenn du das alles zusammen hast, dann willst du dir eine Konzerthalle mieten. Die Kosten sind aber so hoch, dass du sie auf die Besucher umlegst. Die Folge ist, dass kaum jemand so teure Tickets bezahlen kann. Das alles kannst du viel einfacher haben, wenn du mit der Musikmafia zusammenarbeitest. Es gibt Leute, die in dich investieren. Sie kennen andere Leute im Ministerium und können diesen langen Weg sehr verkürzen."

Dafür müssen sich die Musiker und ihre Kunst praktisch an den Strippenzieher im Hintergrund verkaufen, meint Ghahremanloo: Musiker müssen dort spielen, wohin sie geschickt werden und für Produkte werben, hinter denen sie nicht stehen. Sie dürfen das Land ebenso wenig verlassen wie auf privaten Veranstaltungen spielen.

Da den Musikern der Weg auf die Bühne meist verwehrt bleibt, spielen sie lieber auf der Strasse. Im Iran gibt es immer mehr Bands, die ihre Kunst so präsentieren. Immerhin, das dürften sie noch, sagt Rock-Sänger Soroosh Ghahremanloo

"Die kommen mit Schlagzeug oder E-Gitarre. Ich genieße es diese Leute zu sehen. Sie spielen auf der Strasse weil sie auftreten wollen, ihre Kunst zeigen wollen, nicht weil sie Geld brauchen. Sie wollen dass die Musik im Iran lebendig bleibt."

Die Band "Arian" hat 15 Jahre lang versucht, sich von der staatlichen Schikane nicht zurückschrecken zu lassen. Das neue Album "Goodbye" kommt nun ihrer Kapitulation gleich. Sänger Ali Pahlavan bedauert diesen Schritt.

"Ein Abschied ist immer schwer, gerade wenn du für eine Sache soviel gekämpft hast, so viele Hürden überwunden hast. Ich glaube nirgends auf der Welt muss ein Musiker so viele Hürden für seine Kunst überwinden wie im Iran. Wir haben die ganze Zeit, fünf, sechs, zehn Jahre gewartet, dass die Situation sich verbessert. Nach 15 Jahren treten wir immer noch auf der gleichen Stelle. Ich bin nur froh, dass einige Leute mit Arian eine schöne Zeit verbracht haben. Unsere Fans sollen das in guter Erinnerung behalten."

Mehr zum Thema:

Musik und Fragen zur Person - Der Dichter SAID
(Deutschlandfunk, Zwischentöne, 08.03.2015)

Klänge aus dem Iran
(Deutschlandfunk, Corso, 02.12.2011)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsDer Mickey, die Maus
 Micky Maus im Pop-Up-Museum «Mickey: The True Original Exhibition», einem Micky-Maus-Museum, das speziell zum 90. Geburtstags der Kult-Zeichentrickfigur vorübergehend eröffnet wurde. Die berühmteste Maus der Welt feiert Geburtstag: Vor genau 90 Jahren war Micky Maus in dem Zeichentrickfilm «Steamboat Willie» erstmals auf der Weltbühne zu sehen. Bis heute begeistert die Figur Kinder und Erwachsene - aber ihr Kommerz-Imperium ist bedroht. (picture alliance/Christina Horsten/dpa)

Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat getagt und entschieden, das Gendersternchen nicht in den Duden aufzunehmen: Schon jetzt gebe es verschiedene Möglichkeiten für eine geschlechtergerechte Schreibweise, erklärt die Duden-Chefredakteurin in der "FAZ".Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 9Überwältigende Übergänge
Die Schauspielerin Sesede Terziyan (als Elisabeth) steht am 10.01.2018 in Berlin bei der Fotoprobe zu dem Stück "Glaube Liebe Hoffnung" im Maxim Gorki Theater auf der Bühne. (picture alliance / Britta Pedersen / dpa)

Ist das "Postmigrantische Theater" ein Erfolg? Wie erlebten jüdische Bühnenkünstler Deutschland eigentlich nach ihrer Rückkehr aus dem Exil? Im Theaterpodcast #9 schauen wir auf einschneidende Übergänge und erinnern an den verstorbenen Theaterkritiker Dirk Pilz.Mehr

Folge 8"Siegreich" und "schiffbrüchig"
Porträt der Kulturmanagerin Adolphe Binder. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Was steckt hinter der Theaterkrise in Wuppertal und den Vorwürfen gegen Jan Fabre? Warum sind die Arbeiten des Regisseurs Jürgen Gosch so unvergesslich? Im September-Theaterpodcast schauen wir auf "siegreiche" und "schiffbrüchige" Theatermacher.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur