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Lesart / Archiv | Beitrag vom 06.03.2017

Abschied von alten MännlichkeitsidealenWarum das starke Geschlecht keine Schwächen zeigen will

Jack Urwin im Gespräch mit Andrea Gerk

Männliche Models vor einer Filiale von Abercrombie & Fitch (dpa / pa / Vennenbernd)
Muskeln, Macht und Männlichkeit: Der britische Journalist Jack Urwin plädiert in seinem Buch "Boys don't cry" für ein neues Männerbild (dpa / pa / Vennenbernd)

Warum fällt es Männern so schwer, über ihre Emotionen zu sprechen? "Es war eine große Arbeit, damit anzufangen", sagt der britische Journalist Jack Urwin über seine eigene Entwicklung. In seinem Buch "Boys Don't Cry" untersucht er auch Männlichkeitsideale im Militär und im Terrorismus.

Mut, Stärke und Kraft  gelten oft noch als wichtige Attribute von  Männlichkeit. Dazu werden Männer manchmal von klein auf erzogen: "Boys don't cry' heißt es dann. Mit diesem Thema hat sich der britische Journalist Jack Urwin in einem Buch mit dem gleichnamigen Titel auseinander gesetzt.   

Urwins Nachdenken über Männlichkeit entspringt einem persönlichen Erlebnis, dem Tod seines Vaters. Er hatte schon länger Probleme mit dem Herzen, darüber aber nie mit seiner Familie gesprochen. Der Autor beschreibt im Deutschlandradio Kultur mögliche Gründe für dieses Verhalten seines Vaters:

"Es kann sein, dass er uns wirklich beschützen wollte. Und ein großer Teil hängt eben auch damit zusammen, dass es dieses Männlichkeitsmantra gibt, dass man keine Hilfe braucht. Dass – wenn man um Hilfe bittet -, damit gleichzeitig Schwäche zeigt, wenn man etwas zugibt. Und das gilt dann als unmännlich sich das einzugestehen. Ich habe das selbst bei mir selber gemerkt: Ich bin jetzt durch eine Phase gegangen, wo ich lange Zeit Depressionen hatte. Aber ich habe mir das nicht einmal eingestanden, geschweige denn, mit irgendjemandem darüber gesprochen."

Wann fangen wir Männer endlich an, uns zu öffnen?

So ein Verhalten mache überhaupt keinen Sinn und schade nur, sagt Urwin und plädiert für eine größere Offenheit von Männern – ihm selber falle das allerdings immer noch schwer:

"Wir wissen, wenn wir Emotion unterdrücken, dass das ungesund ist. Das Problem ist einfach nur: Wann fangen wir an, uns zu öffnen? Und Mädchen reden über ihre Probleme von klein auf mit Mädchen. Aber wenn Jungen in die Pubertät kommen, dann gilt es als unmännlich, über Probleme zu reden. Und dann gilt es als 'schwul', wenn du über so etwas redest. Und das ist das Letzte, was du in der Pubertät willst, ganz egal, welche sexuelle Ausrichtung du wirklich hast."  

Cover - Jack Urwin: "Boys don't cry" (Edition Nautilus / picture-alliance/ dpa / Wolfram Steinberg)Cover - Jack Urwin: "Boys don't cry" (Edition Nautilus / picture-alliance/ dpa / Wolfram Steinberg)

Frauen und Männer gehen in ihrer Jugend immer noch unterschiedliche Wege 

Frauen und Männer gingen gerade in ihrer Jugend immer noch sehr unterschiedliche Wege, meint der Autor. Er habe jetzt endlich begriffen, wie schädlich auch für ihn die Unterdrückung von Emotionen gewesen sei:

"Aber das war eine wirklich große Arbeit, damit anzufangen. Vor allem auch, mich gegenüber meinen männlichen Freunden zu öffnen, war überhaupt nicht einfach. Wenn man damit erst mit Mitte 20 anfängt, dann ist das hart."

Der "Terrorismus der weißen Männer" in Amerika

Urwin geht in seinem Buch auch auf Männlichkeitsbilder im Militär und im Krieg ein. Der Komplex Terrorismus spiele hier mit hinein. In diesem Zusammenhang sagt der Autor über die politische Situation in Amerika:  

"Die größte Gefahr, die vom Terrorismus derzeit in Amerika ausgeht, das ist amerikanischer Terrorismus, der praktisch im eigenen Land stattfindet. Und er wird von weißen Männern verübt, die sehr stark rechtsradikalen Ideen anhängen. Es gibt eine Statistik, der zufolge zwischen 95 Prozent und 98 Prozent aller Amokläufe von weißen Männern verübt werden."  

Diese Tatsache werde in den USA einfach hingenommen oder sogar ignoriert, kritisiert Urwin. Diese männlichen Täter fühlten sich als Männer "irgendwo unsicher", lautet seine Einschätzung:

"Und diese ganze Faszination in Amerika – an Waffen, am Militär – die kommt letztendlich nicht überraschend. Man meint, in dem Moment, wo man sich ein Gewehr nimmt und einfach alles niedermäht – dass man dann wieder ein Mann ist. Und man wieder Kontrolle ausüben kann. Es geht letztendlich auch wieder um Dominanz. Und das meine ich, wenn ich von dieser 'toxischen Männlichkeit' rede."

Jack Urwin: "Boys Don't Cry. Identität, Gefühl und Männlichkeit"
Edition Nautilus, Hamburg 2017
232 Seiten, 16,90 Euro

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