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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.04.2011

Abschalten, abschalten, abschalten!

Diskussion über Tschernobyl und die Folgen am Staatsschauspiel Hannover

Von Volkhard App

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Bartolomeyevka, 330 Kilometer südöstlich von Minsk. Trotz hoher Strahlenbelastung werden Orte wie dieser wieder bewohnt. (AP)
Bartolomeyevka, 330 Kilometer südöstlich von Minsk. Trotz hoher Strahlenbelastung werden Orte wie dieser wieder bewohnt. (AP)

In Hannover sprach der Sozialphilosoph Oskar Negt mit Arbeitern, die 1986 bei der Atomkatastrophe eingesetzt wurden, und dem Fotografen Rüdiger Lubricht, der immer wieder in der Sperrzone unterwegs war. Seine Bilder zeigen leere Häuser, wucherndes Gestrüpp und verwaiste Spielplätze.

Leonid Korzh erschien reich bestückt mit Orden. Auch Oskar Negt, der kritische Sozialphilosoph, der das Gespräch leitete, scheute sich nicht, die sogenannten "Liquidatoren”, zu denen Korzh 1986 gehörte, als "Helden” zu bezeichnen. Das waren die Menschen unmittelbar vor Ort, die dabei halfen, die atomare Katastrophe einzudämmen, soweit es überhaupt noch möglich war. Korzh, der an dem Werk in Tschernobyl sogar mitgebaut hatte, lebte mit seiner Familie in der Nachbarschaft, im Epizentrum der Explosion. Die ersten Gefühle:

"Da war eine Unruhe in uns, wir hatten Sorge um die Ehefrauen, die Eltern, Kinder und all die Menschen im Dorf. Das war das dominierende Gefühl. Aber ausgesprochene Angst hatten wir zunächst nicht – vielleicht, weil wir nicht das ganze Ausmaß der Katastrophe kannten."

Die Familie von Korzh und die anderen Dorfbewohner wurden durch die radioaktive Strahlung stark belastet. Von einem "kleinen Unfall” sprach man offiziell, die Kinder spielten eine Zeitlang weiter draußen - und als die Dorfbewohner dann doch evakuiert wurden, sagte man ihnen, es sei lediglich für drei Tage. Korzh hat wie viele andere "Liquidatoren" bleibende Schäden davongetragen:

"1998 wurde ich gelähmt und musste sehr viel Zeit in unterschiedlichen Krankenhäusern verbringen. Ich musste neu sprechen und neu laufen lernen. Alles, was ich vorher ohne Probleme konnte, musste ich neu lernen."

Jurij Wazkel war tätig in einer speziellen Einheit, die das Militär zusammengestellt hatte. Von den 700 Menschen dieser Gruppe, die am Reaktor die Katastrophe bändigen wollte, leben heute noch 200. Unvergessen ist dem "Liquidator” Wazkel zum Beispiel der rot verfärbte Wald unweit des beschädigten Reaktors:

"Der rote Wald ist aber nur eine Episode in meiner Erinnerung. Damals war ich Reserve-Offizier und musste Befehle ausführen, ohne darüber nachzudenken, welche Bedeutung sie für mein Leben haben könnten. Was den roten Wald betrifft - der ist durch sehr hohe Strahlung verbrannt worden."

In der Zeit nach dem Super-GAU sind Autoren und Fotografen immer wieder in die Sperrzone gefahren, um zu recherchieren und ihre Eindrücke dann länderübergreifend zu vermitteln. Der Fotograf Rüdiger Lubricht war seit 2003 17 Mal in dieser Region unterwegs. Es ist zu eindrucksvollen Begegnungen gekommen:

"Besonders sind es die Alten gewesen, die zurückgekehrt sind in die Sperrzone und dort wider jegliche Vernunft ihre alten Lebensräume wiederentdeckt oder neu geschaffen haben, in ärmlichsten Verhältnissen leben und eine Gastfreundschaft und überhaupt eine Freundlichkeit an den Tag legen, die herzergreifend ist. Zum anderen hat mich die Geschichte der Liquidatoren bewogen, dort weiterzumachen. Das waren sehr einschneidende menschliche Erlebnisse. Und allein die Situation vor Ort, die Verlassenheit darzustellen, ist auch immer wieder ein fotografischer Reiz."

Aber es sind Bilder der Agonie. Die Wanderausstellung mit Fotos von Lubricht, die jetzt auch im Foyer des hannoverschen Schauspielhauses gezeigt wird, erzählt viel von der Trostlosigkeit in der Sperrzone: mit leeren Häusern, wucherndem Gestrüpp und verwaisten Spielplätzen. "Verlorene Orte - gebrochene Biografien” heißt das kürzlich erschienene Buch mit diesen Bilddokumenten.

So wird die Erinnerung an jene Atomkatastrophe wach gehalten. Wenn seine Frau des Abends Bilder aus Fukushima sehe, beginne sie zu weinen, berichtet Leonid Korzh. Und Jurij Wazkel denkt vor dem Fernsehschirm an die eigene Hilflosigkeit, damals in der Reaktor-Ruine:

"Es stimmt mich immer sehr traurig. Tschernobyl hat die Menschheit gewarnt, welche Gefahren die Atomenergie in sich birgt. Wir haben noch immer nichts gelernt."

Keinen Zweifel an seiner Haltung ließ Moderator Oskar Negt und attackierte die Desinformation und zynische Vokabeln wie "Restrisiko”. Glaubt er denn, dass gegenwärtig bei den wirtschaftlich und politisch Verantwortlichen tatsächlich ein Umdenken stattfindet?

"Das weiß ich nicht, ob ein Umdenken stattfindet, denn die inneren Strukturen dieses Denkens sind für mich geleitet von Dingen, die ich nicht als politische Option verstehe. Die werden in der nächsten Zeit wahrscheinlich die betriebswirtschaftlichen Kalkulationen in den Vordergrund rücken, aber ich bin sicher, sie werden eine Wende vornehmen müssen - aus wahltaktischen Gründen und es gibt ja keine Europapolitik der Atomenergie. Insofern bin ich optimistisch, dass der Druck von unten oder selbst die Drohung eines Drucks von unten schon ausreicht, ein bißchen Besinnung in diese Frage reinzubringen."

Es gehe darum, dass die Erde bewohnbar bleibe, die Atom-Technik sei nicht beherrschbar und auch in punkto Entsorgung untragbar, unterstrich Negt gleich zu Beginn und wiederholte seine Botschaft gegen Ende der Veranstaltung. Als skandalös empfindet er es, dass in Teilen der Öffentlichkeit überhaupt noch eine Diskussion darüber stattfindet, ob man die hiesigen AKWs vollständig abschalten solle oder nicht:

"Bewohnbarkeit der Erde, unsere eigene Grundlage - die muss Priorität haben bei jeder politischen Entscheidung. Deshalb: abschalten, abschalten, abschalten!"

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