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Fazit / Archiv | Beitrag vom 06.08.2015

Abla FahitaEine Fernsehpuppe spaltet Ägypten

Von Cornelia Wegerhoff

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Die Stoffpuppe Abla Fahita als Werbefigur für einen Mobilfunkanbieter auf Computerbildschirmen in der ägyptischen Hauptstadt Kairo, aufgenommen am 2.1.2014 (AFP / Khaled Deouki)
Die Stoffpuppe Abla Fahita als Werbefigur für einen Mobilfunkanbieter auf Computerbildschirmen in der ägyptischen Hauptstadt Kairo (AFP / Khaled Deouki)

Eine Fernsehmoderatorin sorgt derzeit für Aufsehen in Ägypten: Abla Fahita spricht offenherzig über Politik und Sex - ganz ohne rot zu werden. Sie kann nicht anders, denn Abla Fahita ist eine Stoffpuppe.

Ägyptens Fernsehzuschauern können nicht sagen, sie wären nicht gewarnt worden. "Die Sendung 'Live aus Duplex' ist nicht für Kinder geeignet", so der Sprecher zu Beginn der Freitagabend-Show. "Also, liebe Kleinen, ab ins Bett jetzt!" Dabei sieht die Moderatorin tatsächlich so aus, als käme sie direkt vom Kinderprogramm: Sie hat Kulleraugen, eine Knautsch-Nase und den gleichen, breiten Mund wie Ernie aus der Sesamstrasse.

Aber auch wenn Abla Fahita nur eine Stoffpuppe ist, hat sie doch reichlich Sex-Appeal. Sogar mit Lockenwicklern im Haar ist sie so etwas wie die arabischsprachige Antwort auf Miss Piggy von der Muppet-Show. Zwar mit rundem, menschlichem Gesicht statt mit Schweine-Nase, aber eben gerne auch mit Perlenkette und Pelzstola und manchmal ziemlich offenherzig, was das Dekolleté und das eine große Thema angeht:

"In unseren Köpfen ist nur Sex", singt sie zum Beispiel. "Wir sagen: Schlimm, was für eine Schande. Aber inWahrheit lieben wir es doch. Wir machen aus dem Thema gerne einen Elefanten, aber eigentlich nur, weil wir nie genug davon kriegen", macht sich Abla Fahita über ihre prüden Landsleute lustig. "Ja, wir sind ein gut erzogenes Volk. Aber ich bin schlecht erzogen und sorge hier gerade für einen Skandal."

Wohl wahr. Der Skandal ist jedes Mal vorprogrammiert, wenn Abla Fahita ausspricht, was im konservativen Ägypten sonst keinem über die Lippen geht. Schon bevor ihre neues Programm beim Privatsender CBC zum Sommerbeginn auf den Sender ging, löste ein Werbespot ersten Ärger aus.

Konservative Ägypter sprechen von einer Unverschämtheit

Abla Fahita räkelt sich darin in einem dünnen Nachthemd auf ihrem Himmelbett, bis zwei gut gebaute Kerle im Bild auftauchen. Die haben sich bei ihr als Bodyguards beworben. Abla Fahita lässt sie erstmal das Oberhemd ausziehen, um ihre "Qualitäten" zu prüfen. Auf den gigantischen Werbetafeln in Kairo war die flotte Puppe außerdem mit einem Exemplar von "50 Shades of Grey" abgebildet. In Ägypten stehen sowohl Buch, als auch Film auf dem Index.

"Eine Unverschämtheit", so die Reaktionen der konservativen Ägypter. Abla Fahita würde den ägyptischen Mädchen und Frauen "Schweinereien" beibringen, hieß es. Auf Facebook und Twitter gibt es seither nach jeder Sendungen einen neuen Shitstorm. Und auch ein Scheich meldete sich zu Wort:

"Abla Fahita sitzt im Nachthemd auf ihrem Bett. Diese lüsterne Puppe ist eine Gefahr für Kinder, sich mit Aids und Syphillis anzustecken", so der fromme Mann empört. Für das Autorenteam von Abla Fahita eine Steilvorlage die nächsten Gags.

Im April 2010 tauchte die Stoffpuppe zum ersten Mal im ägyptischen Fernsehen auf, damals noch als reine Werbefigur für einen Mobilfunkanbieter. Schon der Name ist komisch, absurd: Abla heißt Tante. Fahita ist ein ägyptisches Hühnergericht, eine Art Geschnetzeltes mit Paprika. Schnell wurde die Puppe zum Youtube-Star, tauchte immer öfter in Comedy-Shows auf und kommentierte auch munter politische Themen. Als im Jahr 2012 Mohamed Mursi von der Muslimbruderschaft zum neuen ägyptischen Präsidenten gewählt wurde, sang Abla Fahita für ihre Puppen-Tochter: "Ma alesh, mach Dir nichts draus, Carolina. Er bleibt doch nur vier Jahre."

Rief Abla Fahita zu Bombenanschlägen auf?

Doch schon ein Jahr später wurde Mursi gestürzt und selbst Abla Fahita geriet in den Sog der Ereignisse. Nachdem behauptet worden war, die Stoffpuppe sende in ihren Werbespots geheime Botschaften, mit denen zu Bombenanschlägen aufgerufen würde, ermittelte tatsächlich die Staatsanwaltschaft.

Die niedliche Abla Fahita unter Terrorverdacht - für die Fans ein Brüller, für die Macher weniger witzig. Denn die Produzenten sind dieselben, die bis zum vergangenen Sommer noch "El Bernameg", die Satire-Show von Bassem Youssef auf den Sender brachten. Nach Morddrohungen und massivem politischen Druck hat er seine Show schließlich aufgegeben. Seine Nachfolgerin aus Stoff traut sich trotzdem wieder an politische Späßchen. Dass die Ägypter wegen der Wirtschaftskrise weniger zu essen hätten, wäre zum Beispiel überhaupt nicht gut, kritisiert sie den Ministerpräsidenten persönlich.

"Warum sollten wir uns bei Dr. Mahlab bedanken? Der ägyptische Hintern ist in Gefahr. Wisst ihr nicht, was der Hintern für den ägyptischen Familienhaushalt bedeutet? Hinter jeder großartigen, ägyptischen Frau steckt ein Hintern, der ihr Leben stabil hält. Wenn wir abnehmen, gerät alles aus dem Gleichgewicht! Dann wird das Leben ein böses Ende nehmen."

Die Fans von Abla Fahita machen sich unterdessen Sorgen, dass Puppe und Produzenten bald ein böses Ende nehmen. Die Meinungsfreiheit ist in Ägypten massiv eingeschränkt. Wer laut Kritik übt, wird zum Staatsfeind. Auch Journalisten und Blogger sind inhaftiert. Selbst für eine Witzfigur ist die Lage ernst.

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