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Thema / Archiv | Beitrag vom 03.02.2014

AbhörskandalKunst gegen den Überwachungsstaat

Trevor Paglen macht in seinen Bildern die Geheimdienste sichtbar

ILLUSTRATION - Durch eine Lupe ist am 16.01.2014 in Berlin das Logo des US-Geheimdienstes National Security Agency (NSA) auf einem Monitor zu sehen. US-Präsident Obama stellt am 17. Januar 2014 seine Reformen für den Geheimdienst NSA vor. Foto: Nicolas Armer/dpa (dpa/Nicolas Armer)
Logo des US-Geheimdienstes NSA zu sehen durch eine Lupe. (dpa/Nicolas Armer)

Was Geheimdienste tun, bleibt meist im Verborgenen - das liegt in der Natur der Sache. Aber sollte das auch so sein? Die Arbeit des New Yorker Künstlers Trevor Paglen dreht sich vor allem darum, das scheinbar Unsichtbare sichtbar zu machen.

Kassel: Trevor Paglen war in Berlin am Wochenende, ich habe bei dieser Gelegenheit mit ihm gesprochen und ihn gefragt, wie man das, wie er denn das eigentlich macht, scheinbar Unsichtbares sichtbar werden zu lassen!

Trevor Paglen: So sind viele von uns im Alltag gewohnt, die Dinge anzuschauen. Das Geheime sei das, was man eben nicht zu Augen bekommt. Ich sehe das Geheimgehaltene in anderer Hinsicht, nämlich das vom Staat geheim Gehaltene. Und das ist ja etwas, was der Staat ganz bewusst vor unseren Augen verbirgt. Aber mehr als das, es ist vor allem eine ganze Fülle an Machtmitteln, mit denen der Staat bestimmte Dinge für geheim erklärt oder geheim zu Haltendes aufbaut oder auch etwas finanziert, etwas, was als Institution erscheint. Und als eine solche Institution hat das geheim Gehaltene auch immer eine Infrastruktur, etwa im haushaltstechnischen Sinne oder im rechtlichen Sinne. Oder auch dadurch, dass man Herstellungsstätten aufbauen muss. Alles das hinterlässt auch Spuren auf der Erde. Die Erde ist ja als Oberfläche grundsätzlich sichtbar und da lässt sich auch auf Dauer nichts unsichtbar halten. Man kann ja nicht aus unsichtbaren Bausteinen eine unsichtbare Fabrik erstellen. Meine Aufgabe, mein Ansatz als Künstler besteht nun darin, diese Widersprüche ausfindig zu machen, so dass etwas, was geheim gehalten wird, sichtbar wird. Ich gehe dazu nicht notwendigerweise immer den direkten Weg, sondern manchmal indirekte. Dadurch, dass ich kleine Realitätssplitter oder Plätze finde, an denen das Geheime sichtbar wird. Ich glaube, ganz oft gelingt es uns, damit eine Art Wortschatz aufzubauen, der es uns ermöglicht, in anderen Zusammenhängen über das geheim Gehaltene nachzudenken.

Ein Blick mit anderen Augen

Kassel: Lassen Sie uns das mal an einem ganz praktischen Beispiel klarmachen: eine Tarnfirma. Wenn Sie – und damit sind wir bei der Kunst, über die wir gleich noch reden am Ende – ein Foto zeigen, auf dem ist ein relativ unauffälliges Gebäude, da steht irgendein relativ unauffälliger Firmenname und Sie sagen aber dazu, das ist nicht, was scheint, das gehört der CIA oder der NSA oder einer anderen Organisation. Wie können Sie sich sicher sein und wie kann ich mir sicher sein?

Paglen: Ja, damit kommen Sie wirklich zum Dreh- und Angelpunkt meiner Arbeit und auch zur Krux bei vielen meiner Bemühungen. Das sind ja visuelle Projekte, es sind aber auch Kunstprojekte, viel Vorarbeit fließt da ein, Arbeit, Recherche in Archiven mit Dokumenten. In vielem vergleichbar der herkömmlichen Arbeit eines Journalisten. Sie haben recht, vieles, was da herauskommt, ist langweilig, öde oder trivial oder vollkommen abstrakt, es sieht vielleicht aus wie ein Strich in einem Farbfeld. Und ich sage, das ist aber jetzt vielleicht eine Einrichtung der CIA. Oder im zweiten Fall könnte ich sagen, das ist ein Satellit in einem Nachthimmel. Im Wesentlichen aber habe ich keinerlei Handhabe zu belegen, dass das auch wirklich dasjenige ist, was ich hier ausgebe. Ich zeige Ihnen nur Bilder und ich fordere den Betrachter auf, die Bilder mit anderen Augen anzuschauen, das nicht Offenkundige zu entdecken. Wenn sie mir dabei folgen, können wir vielleicht gemeinsam unsere Sicht auf die Welt verändern. Und das ist auch die Aufgabe der Kunst in meiner Betrachtung, dass man versucht, durch solche Erforschungen die Welt, sich zu verändern. Vielleicht kann meine Kunst uns darin unterstützen, eine andere Sicht auf die Welt zu erlernen. Und dieser Unterschied zwischen dem, was man sieht und was man weiß, ist ein uraltes philosophisches Problem, das notwendigerweise auch in diesen Gesamtprozess mit einfließt.

Kassel: Diesen Objekten – wir müssen gleich, glaube ich, auch darüber sprechen, dass es manchmal auch Menschen sind –, aber diesen Objekten so nahe zu kommen, sie auf die Art und Weise, die Sie schon beschrieben haben, zu identifizieren, hat das eigentlich bei Ihnen das Gefühl, bedroht zu sein von diesen geheimen Aktivitäten, eher verstärkt? Oder ist es auch vielleicht im Vergleich zu den sogenannten normalen Menschen bei Ihnen eher schwächer geworden, weil Sie im Alltag immer damit umgehen?

Paglen: Das ist eine Frage, die wirklich ins Schwarze geht, und ich glaube, die Antwort darauf ist irgendwie Ja und Nein. Beides trifft zu. Und der Grund dafür ist, ich habe so viel Zeit mit diesen Einrichtungen und Strukturen verbracht, dass ich mir mehr als andere, die weniger darüber nachgedacht haben, klar geworden bin, wie allgegenwärtig mittlerweile diese Dinge sind. Einer, der sich nicht damit befasst, wird wohl nicht daran denken, dass jetzt diese computergesteuerten Nachrichten hier und da durch einen Router gejagt werden, dass sie an diesen oder jenen Stellen überwacht und angezapft werden könnten. Aber genau das geschieht eben, wenn ich draußen in der Wüste sitze und irgendeine Militärbasis aufnehme oder Drohnen beobachte. Da wird mir eben klar, welches Ausmaß an Gewalt auch in diesen Unternehmungen steckt, die das Militär und die Nachrichtendienste unterhalten. Zugleich aber spüre ich ein tiefes Mitgefühl mit den Menschen, die in diesen Programmen einbezogen sind. Die wenigsten werden sich wohl klarmachen, dass hier wirklich Millionen und Millionen von Menschen in diesen Geheimprojekten Arbeit finden. Das ist sogar ein wesentlicher Teil der amerikanischen Volkswirtschaft, überwiegend bewohnt von Menschen wie du und ich, die normalerweise nicht daran denken, dass sie computerüberwacht werden könnten. Weil ich eben so viel mit diesen Vorgängen zu tun hatte, habe ich mir sogar eine Art Gemeinde aufgebaut, die mir auch zugetan ist. Und ich habe zum Beispiel ein Buch über Aufnäher oder Rangabzeichen von Menschen gemacht, die an diesen Geheimprojekten teilnehmen. Eine ziemlich bizarre Vorstellung, die aber sogar so erfolgreich war, dass das Buch dieser Aufnäher dann zu einem Bestseller sowohl in Militärkreisen wie in Geheimdienstkreisen geworden ist, weil es eben eine der wenigen Anerkennungen ist, die diesen Menschen zuteil wird. Wir alle wollen doch anerkannt werden für das, was wir tun und sind. Und diese albernen Aufnäher waren also eine der wenigen Anerkennungszeichen für diese Menschen.

Ist diese Tastatur eine Waffe?

Kassel: Wir reden im Deutschlandradio Kultur heute Nachmittag mit Trevor Paglen, einem Künstler, der versucht, das Unsichtbare der Geheimdienste sichtbar zu machen. Und da muss man sich natürlich fragen, ist auch heutzutage noch wirklich alles sichtbar zu machen? Sie haben das Internet jetzt erwähnt und ich habe so ein bisschen das Gefühl: Vieles, was Sie zeigen, worüber wir gesprochen haben, ist so die Geheimdienstaktivität der alten Welt. Die Geheimdienstaktivität der neuen Welt scheint ja digital stattzufinden, besteht aus Daten und sogenannten Metadaten. Kann man das, was da passiert, auch sichtbar machen?

Paglen: Sehr gute Frage, über die ich auch lange nachgedacht habe. Ich glaube, es geht hier darum, sich klarzumachen, wie wir all diese gewaltigen Überwachungsmechanismen, die uns umgeben und die ein Teil der internationalen Kommunikation geworden sind, wahrnehmen. Ob das nun die NSA ist oder die GCHQ oder andere Überwachungsorganisationen. Letztlich aber geht es darum, dass all diese Dinge doch physikalischer Natur sind. Es sind letztlich optische Glasfaserkabel, es sind Router. Das sind Dinge, die auch als Gegenstände vorkommen. Vielleicht unsichtbar, weil sie im Boden vergraben sind oder in Gebäuden versteckt sind, aber letztlich sind es Objekte. Und ich versuche eben, an diesen Objekten Fragen anzuknüpfen. Etwa wenn ich diese Maus sehe, diese Tastatur, dann kann ich fragen: Ist das nur eine Tastatur, oder ist das vielleicht auch eine Waffe, die als Tastatur verkleidet wurde oder die beides ist? Ich glaube, wenn wir dann diese allgegenwärtigen elektronischen Geräte mit anderen Augen sehen, dann verändert sich unser Bewusstsein. Und das ist auch ein Verfahren, das ich immer wieder anwende: Ein scheinbar vertrautes Ding löse ich heraus und lasse es in seiner Fremdartigkeit erscheinen. Ein wirklich passendes Beispiel ist eben diese Tastatur, dass man fragt: Was ist das eigentlich? Und wenn ich dann versuche, die in neuem Licht zu sehen, dann wird es uns wohl auch gelingen, ein Art neue Sprache zu entwickeln, die es uns ermöglicht, in einem mehr metaphorischen Sinn auch die Welt mit neuen Augen zu sehen und die Überwachungsmechanismen wahrzunehmen, die uns überall umgeben. Und dann kann auch die Diskussion einsetzen, ob wir einen derartigen Überwachungsmechanismus überhaupt wollen oder nicht!

Kassel: Der Künstler und Sichtbarmacher geheimer Welten Trevor Paglen bei uns im Gespräch. Im Internet können Sie auf seiner Seite trevorpaglen.com ein paar der Dinge, die er sichtbar gemacht hat, auch sehen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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