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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.02.2010

Abgründe hinter sauberen Fassaden

Paulus Hochgatterer: "Das Matratzenhaus", Deuticke Verlag, 294 Seiten

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Risse in der Idylle (Stock.XCHNG / kat callard)
Risse in der Idylle (Stock.XCHNG / kat callard)

Die Polizei ermittelt in einer Kleinstadt wegen Kindesmisshandlungen. Der preisgekrönte österreichische Krimiautor Paulus Hochgatterer entwirft das Psychogramm einer brüchigen Gemeinschaft und bietet ein unheimliches Lesevergnügen.

Ein eigentümliches Ermittlerduo kehrt zurück: Psychiater Raffael Horn und Kommissar Ludwig Kovacs heißen die beiden Männer, die Paulus Hochgatterer bereits 2006 in seinem erfolgreichen Kriminalroman "Die Süße des Lebens" auf Verbrecherjagd schickte. Beide befinden sich in den vermeintlich besten Männerjahren und kämpfen unverdrossen gegen Krankheit und Verbrechen.

Nicht minder belastend freilich erweist sich ihr Privatleben: Pubertierende Kinder gefährden den Familienfrieden, Ehefrauen scheinen in Gedanken bei anderen Männern zu sein, und die geliebte Gartenarbeit erfährt durch das zerstörerische Treiben der Nacktschnecken beträchtliche Erschwernis.

Die Kleinstadt Furth am See ist - wie schon in "Die Süße des Lebens" - der Schauplatz dieses mit kriminalistischen Elementen arbeitenden psychologischen Romans. Hinter den so anständig wirkenden Fassaden der Gemeinde tun sich Abgründe auf, die Horn und Kovacs – jeder auf seine Weise – ausloten.

Was etwa hat es mit dem jungen Weghaupt auf sich, der von einem Gerüst stürzt? Ein tragischer Unfall oder ein geplanter Mord? Und was bedeutet es, dass drei Elternpaare die Polizei rufen, als ihre Kinder eigentümliche Misshandlungen erleiden? Nach den Hintergründen befragt, schweigen die verstörten Opfer, erwähnen allenfalls eine "schwarze Glocke", die die Fantasie der Ermittler fordert.

Es geht in Hochgatterers komplexem, manchmal unnötig verrätselten Roman um das Phänomen der (elterlichen) Gewalt und um die zunehmende Unfähigkeit der Menschen, mit Alltagsbelastungen angemessen umzugehen. Auf verschiedene Handlungsstränge verteilt und im suggestiven Wechsel von Präteritum und Präsens erzählt, entfaltet "Das Matratzenhaus" Schritt für Schritt das nachhaltig düstere Porträt einer brüchigen Gemeinschaft.

"Eine gut gepflegte Zwangsstruktur ist der Motor der europäischen Gesellschaft" – ein Defekt, der sich in Österreich als "freundliche Variante der Bösartigkeit" erweise, als "Abwehr der Gewissheit einer permanenten Erektionsschwäche", wie Horn konstatiert.

Hochgatterers Kunst besteht darin, klare Dialoge zu schreiben und einen kühlen Ton walten zu lassen, der Klischees vermeidet. Nicht das Verrückte, so die Quintessenz, fühlt sich fürchterlich an, sondern das Alltägliche verbreitet in seiner scheinbaren Arglosigkeit den wahren Schrecken. So verwandelt sich Furth am See unmerklich in eine Stätte des Bedrohlichen. Wie die psychischen Reaktionen der Menschen unvorhersehbar sind, so birgt auch die von Hochgatterer meisterhaft beschriebene Landschaft Risse, die aller Idylle Hohn sprechen.

"Das Matratzenhaus" ist ein Roman, der eine große Suggestion und eine beklommene Atmosphäre erzeugt. Unterschwellige Bedeutungen verdichten diese Prosa, permanente Anspielungen auf ein Katastrophenpotenzial, die diesen Roman zu einem unheimlichen Lesevergnügen machen.

Besprochen von Rainer Moritz

Paulus Hochgatterer: Das Matratzenhaus
Deuticke Verlag, Wien 2010
294 Seiten, 19,90 Euro

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