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Fazit / Archiv | Beitrag vom 27.12.2012

Abgründe der Finanzwelt auf der Bühne

"Das Himbeerreich" am Stuttgarter Staatstheater

Andres Veiel im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Regisseur Andres Veiel. Er brachte mehrere Banker zum Sprechen.   (Wilfried Böing)
Regisseur Andres Veiel. Er brachte mehrere Banker zum Sprechen. (Wilfried Böing)

In der Dokumentation "Blackbox BRD" beschäftigte er sich mit der Geschichte der RAF und in dem Stück "Der Kick" reflektierte er einen Jungenmord in Brandenburg. Jetzt inszeniert Andres Veiel ein Theaterstück über die Praktiken der Finanzindustrie. Als Vorlage dienten anonyme Bankerinterviews.

Liane von Billerbeck: Den Filmemacher Andres Veiel interessieren bei seinen Arbeiten zumeist die psychologischen, politischen oder gesellschaftlichen Hintergründe von Ereignissen. So hat er für seine Dokumentation "Blackbox BRD", die Biografien von Wolfgang Grams und Alfred Herrhausen gegenübergestellt und den Umgang der Bundesrepublik mit der RAF beleuchtet. In seinem Film "Der Kick" reflektierte er einen Mord, verübt von Jugendlichen im brandenburgischen Potzlow basierend auf einem Theaterstück, das Veiel ebenfalls schrieb.

Jetzt hat er wieder für das Theater gearbeitet: "Das Himbeerreich", so heißt sein Dokumentartheaterstück, das derzeit am Stuttgarter Staatstheater entsteht – in Kooperation mit dem Deutschen Theater Berlin – und das im Januar Premiere hat. Veiel hat für dieses Stück umfangreiche Recherchen angestellt und Gespräche geführt mit Akteuren aus der internationalen Finanzwelt. Mit Andres Veiel habe ich kurz vor unserer Sendung gesprochen. Herr Veiel, es gibt schon diverse Filme, darunter den Oscar-gekrönten Dokumentarfilm "Inside Job" über die Mechanismen der Finanzwelt. Woher rührte Ihr Interesse an dieser für viele Menschen ja undurchschaubaren Welt?

Andres Veiel: Gerade weil sie so undurchschaubar ist, hat mich immer interessiert, dass man eben nicht nur von außen auf diese Glaspaläste schaut, sondern mit den Akteuren selbst spricht – und das waren jetzt überwiegend ehemals Verantwortliche, nämlich Vorstandsmitglieder, die inzwischen pensioniert sind und von der Seitenlinie draufgucken, jetzt nicht nur in Deutschland, sondern auch Luxemburg, Schweiz und in Großbritannien. Und da bin ich auf sehr spannende Äußerungen gestoßen, weil es Menschen sind, die über Jahre das begleitet haben, nämlich einen Finanzkapitalismus, der immer mehr aus der Bahn, aus der Spur geraten ist, und gleichzeitig zum Teil sehr viel kritischer drauf schauen als das, was aus der Occupy-Bewegung so zu hören war. Und dieser Widerspruch, dass es Verantwortliche sind, die über Jahre diesen Weg mitgemacht haben, aber heute anders denken, aber eben sich nur anonymisiert äußern.

Und das war für mich eine schöne Herausforderung, diese Diskrepanz zwischen dem, wie sie sich öffentlich äußern, und dem, was sie mir in dieser Vertraulichkeit dann anvertrauen, aber eben mit dieser Zusage, sie zu anonymisieren, sie zu schützen, und damit war mir klar: Da habe ich eine Chance, sehr brisantes Material auf die Bühne zu bringen und damit eine andere Perspektive auf das zu ermöglichen, was wir in den Zeitungen lesen. Für den Zuschauer wird es bestimmt eine Herausforderung sein, weil die einfachen Reflexe, jetzt nur zu sagen, jetzt sperren wir doch die Investmentbanker einfach mal weg, nicht bedient werden. Es ist ein Phänomen, was auch aus der Mitte der Gesellschaft kommt, das heißt, es ist eben auch der Zahnarzt, der ein Renditemodell haben will von über zwei Prozent, es ist der Stadtkämmerer, der die Wasserversorgung verkauft hat, weil er geglaubt hat, damit dem Haushalt einen guten Dienst zu erweisen. Es gibt da so viele Kollaborateure dieses Systems, und das geht alles in die Mitte der Gesellschaft rein, und deshalb ist es zu einfach, nur zu sagen, jetzt hauen wir mal auf die Investmentbanker ein.

von Billerbeck: Das heißt, die Leute waren bereit, zu reden, aber nicht bereit, ihren Namen preiszugeben, und Sie konnten demzufolge auch gar keinen Film drehen, es war von Anfang an klar, das wird ein Theaterstück?

Veiel: Das musste, genau, das musste ein Theaterstück werden, weil eben … Es ist nicht nur die Angst, die Pension zu verlieren oder eben das Gehalt, sondern wir wissen ja aus ähnlichen Fällen, dass Banken dann durchaus Mitarbeiter schadensersatzpflichtig machen, nach dem Motto, da ist jetzt ein immaterieller oder materieller Vermögensschaden entstanden durch bestimmte Äußerungen, Rufschädigungen, der oder die Deals sind nicht zustande gekommen, das heißt, da ist natürlich ein sehr persönliches Risiko, weil alle eben auch eine Verschwiegenheitserklärung unterschrieben haben, das heißt, sie dürfen nicht über interne Vorgänge berichten. Und meine Herausforderung war jetzt, diesem Informantenschutz zu genügen, und gleichzeitig aber die Strukturen, die hinter diesen Deals dann sichtbar werden, wo es ja eben oftmals in die Grauzone auch reingeht, diese Deals beschreibbar zu machen, ohne auf den Einzelfall einzugehen.

Das vollständige Interview mit Andres Veiel können Sie im <strong>Radiofeuilleton</strong>nachhören und nachlesen.

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